Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 337 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 24. Israelitische Wochenschrift. Seite 337. medikus, der andere Oberstintendant in der französischen Armee. Jakob B Brandcis blickt auf eine nahezu 40 jährige schriftstellerische Tätigkeit zurück, er redigierte mehrere Zeitungen, u a. die „Gegenwart" und die „Isr. Gemeindezeitung", begründete den seinen Namen führenden, illustr. isr. Volkskalender und schrieb einen „Naturwissenschaftl. Leitfaden", sowie eine Reihe anderer selbständiger Schriften und Gedichte Er veröffentlichte auch viele Arbeiten in verschiedenen Tagesblättern und Jahrbüchern. Im Jahre 1880 errichtete er seine Buchhandlung, entfaltete als Verleger eine ungewöhnliche Rührigkeit, begründete im Jahre 1896 die „Jüd Universalbibliothek". Weit über 100 Werke, unter diesen manche aus seiner Feder, gingen aus seinem Verlage hervor. Im Jahre 1899 errichtete er ein Zweiggeschäft in Breslau. Rastlos tätig war und ist er noch immer auf gemeinnützigem und humanitärem Gebiete. Im Jahre 1870 wurde er in das Prager Stadtverordnetenkollegium, im Jahre 1872, in welchem Prag von einer Ueberschwemmung heimgesucht wurde, in das städt. Hilfskomitee gewählt. Der von ihm gegründete Verein zur Unterstützung der hilfsbedürftigen Jugend „Chanuka", an dessen Spitze er nunmehr volle dreißig Jahre steht, dankt seiner Organisation und Leitung einen ungewöhnlichen Aufschwung. Er gehört ferner dem Ausschüsse des isr. Ferienkolonienvereins seit dessen.Bestände an. Auch dem Zentralvereine zur Pflege jüd. Angelegenheiten sowie dem Fortbildungsvereine für isr. Mädchen gehörte er mehrere Jahre als Ausschußmitglied an, welche beide "Ehrenstellen er wegen Berufsüberbürdung niedergelegt hat. Der Jubilar erfreut sich wegen seines vielseitigen, gemeinnützigen und Humanitären Wirkens, sowie wegen seines biederen Charakters in weiten Kreisen der größten Wertschätzung. München. Von den hier bestehenden jüdischen Vereinen wurde vor kurzem eine Lesehalle errichtet, in der jüdische Zeitungen und Zeitschriften des In- und Auslandes, insbesondere auch die jüdisch-wissenschaftlichen Zeitschriften ausgelegt sind. Die Lesehalle befindet sich Löwengrube 6 parterre, und ist geöffnet Montag bis Freitag von 12 bis 4 Uhr, Sonnabend von 12 Uhr mittags bis 10 Uhr abends und Sonntag von 9 bis 1 Uhr. Uakanzen. Religionslelirer, Bvrbeter und Schochet per l. September a. c. eventuell früher in Reichelsheim i. O. Gehalt 900 Mk, freie Wohnung und ca 800 Mk. Nebenverdienst. Borbeter, rjepriister Neligionslelirer und Prediger per gleich in Zittau i. S. Anfangsgehalt 2000 Mk. Semin. und musik. geb. Refl. Schächter, Borbeter und Bnlkore vertretungsweise für 4 bis 6 Wochen in Krotoschin. Meldungen an den Vorsteher. Kultusbeamter, l. Juli, in Trachenberg i. Schl. Gehalt 800 Mk , ca 400 Mk. Nebeneinkommen und freie Wohnung. Musikalisch gebild. Kantor und Schochet in Goch a Niederrhein. Gehalt 1000 Mk. und 3—400 Mk. Nebeneinnahmen. Meld. an Herrn Jac Hertz. Rabbiner in Schönlanke. Gehalt 2400 Mk., freie Wohnung und mindestens 600 Mk. Nebeneinkommen. Meldungen an den Vorsteher. > Religionslehrer, Schächter nnd Vorbeter in Villmar an der Lahn. Einkommen ca. 1200 Mk. pro Jahr. Lehrerstelle, verbunden mit Kantorat, an der Volks- und Religionsschule in Hildesheim. Einkommen anfangend mit 1800 Mk, Wohnungszuschuß 400 Mk., Kantorat 200 Mk., steigt bis zu 3320 Mk. Meldungen bis zum 1. Juli an den Vorstand der Synagogengemeinde Religionslehrer, Kantor und Schochet bei der israelitischen Religionsgesellschaft in Bingen a. Rh. Ledige Bewerber. Feuilleton. Die Plünderung. Von Maxim Gorki. Eine Wolgastadt war vor fünfzig Jahren der Schauplatz des Niedergeschriebenen. Ich arbeitete an einem heißen Julitag, wie immer, am Ufer des Flusses, als ich plötzlich ein dumpfes, zorniges Geräusch vernahm, das dem Gebrüll hungriger Wölfe ähnlich war. Da auch ich, vor der nahen Mittagsstunde schon Hunger verspürte, so machte ich mich fleißig an die Arbeit und schenkte dem mich umgebenden Lärm keine Aufmerksamkeit, obgleich derselbe immer zunahm und sich, wie der Rauch beim Feuerbrande, immer mehr verbreitete. Eine dichte Staubwolke hing in der heißen Luft, die jeden Augenblick von den verschiedenartigsten Lauten zitternd widerhallte und vibrierte. Und immer schriller wurden die Töne, immer dichter der Staub und mitsamt der Luft erzitterte das Herz in bösen, traurigen Vorahnungen .... Es hielt mich nicht länger; ich erstieg das sandige Ufer und sah, wie aus den Haustüren der nahen Stadt Menschen hinaussprangen, von Kindern und Hunden gefolgt, wie alles, wie toll, die Straße hinunterlief, wie die erschreckten Tauben über ihren Häuptern flatterten und die Hühner vor ihren Füßen hin- und herliefen. Ein Schrecken erfaßte mich, und ich wurde vom allgemeinen Tumult so ergriffen, daß auch ich den anderen nachrannte. — Man schlägt sich in der Elisabethstraße! hörte ich jemanden rufen. — Man schlägt die Unsrigen, Kameraden! antwortete von der entgegengesetzten Seite ein Reiter, der im schnellen Trab die ungepflasterte Straße dahinrannte. Ich bog um eine Ecke und blieb plötzlich stehen, denn die schmale Gasse war von Menschen so überfüllt, daß sie wie ein vollgestopfter Sack aussah. Von der Ferne her ertönte das Schreien und Wimmern von Menschenstimmen und Klirren der Gläser; schwere, dumpfe Schläge, die wie Herbstnebel sich dicht in einander hüllten, schwollen in eine bleischwere Wolke in der Luft zusammen. — Man schlägt die Juden! rief vergnügt ein kleines altes Männlein. — Und es geschieht ihnen recht! fügte er tiefbesriedigt die kleinen abgemagerten Hände reibend hinzu. Ich drang immer vorwärts durch den furchtbaren Lärm und wurde von seiner Gewalt heftig angezogen. Und ich war leider nicht der einzige, der diese Gewalt über sich ergehen ließ: alle Gesichter, die ich sah, waren von einem stumpfen, bösen Groll durchwühlt, aller Augen glänzten; man sah, daß diese unzählige, fessellose Bande zu allem fähig war; sie war bereit, Mauern zu brechen, die sie in ihrem Zerstörungszug hinderten und den Nächsten zu Boden zu werfen, um über seine Leiche hinweg, immer weiter zu toben. Ich stürzte in einen Hof, sprang von da über den Zaun in einen zweiten und fiel wieder mitten in einen Menschenschwarm. Er erfüllte den Hof eines eng bebauten Hauses und schien in sinnloser Tobsucht kaum an sich halten zu können. Wie toll, wie verhext schrieen sie und stießen erhobenen Hauptes mit geröteten Gesichtern und knirschenden Zähnen gegeneinander, um sich auf das Dach hinaufzuschwingen; sie fielen herab und krochen aufs Neue hinauf. Aber in all' diesem Wirrwar, diesem Chaos von Stimmen, Bewegungen und Gestukulationen lag doch etwas gemeinsames, etwas, was alle beseelte und zu einem Ziele anspornte; man sah, daß sie alle von einem Wunsche, von einem Streben beherrscht waren und daß jeder sich als Glied des Gesamtorganismus fühlte. Hoch über dieser wütenden Menge auf dem Dache des Hauses stand neben dem Schornstein ein großer, hagerer Jude, Er riß mit den Fingern einzelne Ziegel vom Schornstein ab und warf sie hinunter. Der lange, graue Bart zitterte auf