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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-16 · 24 (16.6.1905) · p. Seite 336

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
24 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
Seite 336 (sequence 12)
Language
German
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Seite 336. Israelitische Wochenschrift. mx. 24. zustellen, daß ich den ausdrücklichen Auftrag seitens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde zu Berlin habe, zu bestätigen, was Sie bereits in Ihrem Aufruse erklärt haben, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin der Entwickelung der Kantoren-Organisation mit wärmstem Interesse entgegensieht (Beifall). Meine hochverehrten Herren! Eine schönere Zeit als die Zeit um Pfingsten konnten Sie für Ihre Bestrebungen gar nicht wählen. Denn wie auch in der Natur alles Werdende und Wachsende nach Freiheit strebt, wie alles Wachsende und Werdende, angelockt durch die warme Frühlingssonne, die beengenden Fesseln zu sprengen sucht, so wollen auch Sie geistig frei werden dadurch, daß Sie zunächst befreit werden von den kleinlichen Sorgen um die wirtschaftliche Existenz Und in der Tat, die geistige Freiheit, sie kann nur erreicht werden, wenn die wirtschaftliche Existenz gesichert ist. Aber Sie werden freilich auch mit daran zu denken haben — und es ist mir sympathisch, daß Ihr Herr Vorsitzender in der Einleitungsrede demselben Gedanken bereits Ausdruck gab — daß Sie einem idealen Berufe sich zugewendet haben und daß Sie das Schicksal, aller Derer zu teilen haben werden, die sich einem idealen Berufe zuwenden Die Hauptbefriedigung, Sie werden Sie in der Ausübung ihres Berufs zu finden haben. Sie werden Sie darin zu finden haben, daß Ihr Tun gute Früchte trägt und daß ans dem Samen, bat Sie ausstreuen, wahrer Segen reift. Ich weiß mich sicherlich mit Ihnen eins, wenn ich denjenigen Kantor, der zwar in glänzender, äußerer Lebensstellung lebt, doch einen armen Mann nenne, wenn er diese Berufsfreudigkeit sich nicht zu erringen versteht (Lebhafter Beifall). Und auch deshalb konnten Sie keine schönere Zeit für Ihre Bestrebungen finden als die Zeit um Pfingsten, in welcher die Natur in ihrer ewigen Liebe für die Menschen sich am herrlichsten und am strahlendsten zeigt und in welcher die Menschen durch die Natur an die Pflicht der Liebe, der Kernlehre der jüdischen Religion, gemahnt werden. Liebe bedeutet aber Frieden. Mögen deshalb Ihre Debatten sich in friedlichen Bahnen bewegen und mögen Sie sich bei Ihren Entschließungen ausschließlich leiten lassen durch die Liebe zu Ihren Berufsgenosscn, die Liebe zu Ihrem Berufe, die Liebe zum Judentum. Dann wird Ihre Arbeit gesegnet sein, dann wird diese nicht nur Ihnen zum Segen, sondern der Gesamtheit zum Heil gereichen (Allseitiger stürmischer Beifall). Namens des D. I. G. B. sprach Herr Nosenthal und wies auf die Verdienste hin, die sich der D. I. G B. um die Sache der Kantoren erworben. Der D. I. G. B. werde auch weiter wie bisher sich die Förderung der Kultusbeamten angelegen sein lassen Im Austrage der Kantoren Posens sprach Gol'd-Samter und Ziegelroth-Posen. — Ueber die Gründung des allgemeinen Kantorenverbandes referierte in ausführlicher Weise' Kantor italischer. Att der Diskussion über diesen Hauptpunkt der Tagesordnung beteiligten sich u. a die Herren Henle-Hamburg, Schönberger-Potsdam, Ho sfstein-Dresden, Goldschmid't-Königsberg, Tr. Moses-Berlin. Es wurde schließlich einstimmig die Gründung eines Kantorenverbandes beschlossen. Ueber Relrktenversorgung sprach Dubowsky-Berlin. — Die Gründung einer Kantorenschule, über die Schönberger-Potsdam referierte, rief eine sehr ausgedehnte Debatte hervor, ebenso die Anstellungsverhältnisse der Kantoren In den Vorstand des Kantorenverbandes wurden gewählt die Herren Schönberger, Ziwi, Nußbaum, Kalischer, Hoffstein, Friedmaun-Berlin und Fabisch- Göttingen. Außer diesen Herren, die mit absoluter Majorität resp. Akklamation gewählt wurdett, erhielt noch Kantor Asch- Berlin zwei Stimmen. Zum Schluß des Kantorentages hielt Kantor Henle-Hamburg einen hochinteressanten Vortrag über Rück- und Ausblick aus die Entwickelung des Synagogengesanges — Abends fand ein gemeinsames Essen statt. G. B. - Alliance Jsraelite Universelle. Das Zentral Komitee bewilligte für die Opfer der Unruhen in Dussiaty (Gouv Kownoi 2000 Frs., für die Geschädigten in Melitopol 1000 Frs. Nach Cchitomir werden 2000 Frs. überwiesen, außerdem wird die Allianc zur Versorgung der Hinterbliebenen jener selbstlosenMänner beitragen, die bei der Verteidigung ihrer Brüder den Tod fanden. — Mit Beginn des Sommers stellen sich die Brände im Ansiedlungrayon in Rußland vermöge der unzulänglichen Bauverhältnisse regelmäßig ein. Gegenwärtig kommen noch häufig Brandstiftungen behufs besserer Gelegenheit zur Plünderung durch die christliche Bevölkerung vor. So sind in der vergangenen Woche eine Reihe von jüdischen Gemeinden in der Nähe von Kowno durch Feuersbrunst gänzlich vernichtet worden: Janowo, Bobt, Soslau, Kuschaui etc Fast 10000 Glaubensgenossen sind obdachlos, der Materialschaden wird auf 1 Million Rubel geschätzt. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat sofort lOOuo Mark zur Verteilung unter die abgebrannten Glaubensgenossen nach Kowno überwiesen, zu denen das Frankfurter Hilfskomitee 5000 Mark beigesteuert hat. — Der Geheime Sanitätsrat Dr. Eduard Eroner, der am 9. d. M. auf dem Begräbnisplatz der jüdischen Gemeinde in Weißettsee zur letzten Rtthe getragen wurde, zählte zu den angesehensten Aerzten Berlins. Er übte seit 1861 hier die Praxis aus Seine Tätigkeit erfuhr 1870/71 eine Unterbrechung dadurch, daß Croner als Militärarzt mit ins Feld zog. Er brachte aus Frankreich das eiserne Kreuz mit heim. Viele Jahre hindurch, bis sein Gesundheitszustand ihn zwang, seine Arbeit einzuschränken, nahm Croner an den Bestrebungen zur Hebung des ärztlichen Standes lebhaften Anteil. Gern stellte er sich auch, und zwar mit ausgesprochener Vorliebe in aller Stille in den Dienst humanitärer Unternehmungen. Besonders ist seiner Tätigkeit im Vorstande des Berlin-Brandenburger Heilstättenvereins zugunsten der Lungenheilstätte in Belzig, einer Schöpfung des Berlin-Brandenburger Heilslättenvereins, zu gedenken. Lange Zeit hindurch war Croner der Leibarzt des Prinzen Georg von Preußen und Jahrzehnte hindurch Arzt der österreichisch-ungarischen Botschaft in Berlin. — Baron Nathaniel Rothschild, dessen Ableben aus Wien gemeldet wird, litt seit mehr als dreißig Jahren an einem chronischen Uebel, das ihn nötigte, ein Wanderleben zu führen Das eine Mal suchte er Heilung in Wörishofen, das andere Mal in der Wüste Assuan. Der Kunst der Aerzte gelang es, bat Schwerkranken immer wieder aufzurichten, bis er vor drei Jahren in Neapel wiederum aufs Krankenlager geworfen wurde. Seitdem konnte er sich nicht mehr erholen. Die letzten Lebensjahre brachten ihm furchtbare Leiden. Die Beisetzung dürfte in Frankfurt a. M. erfolgen. Seit Jahrzehnten trug der Baron einen Brief bei sich, worin er ersucht, wo immer ihn der Tod ereilen sollte, seine Leiche nach Frankfurt a. M. zu bringen. Hier wünschte er an der Seite der Eltern beigesetzt zu werden. Baron Nathaniel ist der ältere Bruder des Chefs des Wiener Hauses Rothschild, Baron Albert Er zeigte niemals Neigung, sich den Geschäften des Hauses zu widmen. So setzte sein Vater den jüngeren Bruder Albert zum Universalerben ein, während Nathaniel eine Rente von vier Millionen Kronen erhielt. Doch diese Summe genügte ibm bei weitem nicht. Es ist bekannt, daß Baron Albert ihm wiederholt mit Millionen beispringen mußte. Baroti Nathaniel liebte es, in großem Stile Wohltätigkeit zu üben. Seine Spenden gingen in die Millionen. In seinem Palais legte er herrliche Kunstsammlungen an. Seine größte Leidenschaft wäret: Blumen, und die von ihm auf der Hohen Warte bei Wien attgelegten weltberühmten Gärten verschlangen riesige Summen. Den größten Teil seines neben der jährlichen Rente vom Vater überkommenen Erbes verbrauchte er für umfangreiche Bauten, die aber fast niemals ganz vollendet wurden. Es war eine Eigenheit des Verstorbenen, inmitten des Baues die Pläne der Architekten zu ändern, Fertiges niederzureißen und durch andere Konstruktionen ersetzen zu lassen. Das Schloß in Reichenau, am Semmeringgebiet, das nahezu fünf Millionen Kronen gekostet hat, widmete er, nachdem er es nur einmal im Sommer bewohnt hatte, als Stiftung für pensionierte Offiziere. Baron Nathantel Rothschild hat den zweiten Sohn Alfons seines Bruders Albert zum Gesamterben eingesetzt Eine große Anzahl von Wohltätigkeitsanstalten wurden mit Legaten bedacht. Augsburg. Am 7. Juni beging Herr Justizrat Ludwig Bauer sein 25 jähriges Jubiläum als erster Vorstand der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde. Herr Justizrat Barter hat es während der langen Zeit verstanden, durch liebenswürdiges, konziliantes Auftreten der israelitischen Gemeinde nach innen und außen den Frieden zu erhalten, den Vorsitz in Sitzungen in vollendeter Weise zu führen und auftretende Gegensätze durch sein unparteiliches freundliches Wesen zu mildern und zu beseitigen. Prag. Der bekannte Prager Buchhändler und Schriftsteller, Herr Jakob B. Brandeis, feierte am 3. ds. Mts. sein 70. Geburtsfest. Er entstammt einer alten, angesehenen Prager Familie. Der Vater des Jubilars war 40 Jahre Hauptkassierer und Prokurist des Bankhauses v. Lämel Von den zwei Brüdern seines Vaters Bermann Brandeis war der eine russ. Hofrat und Proto-

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