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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-16 · 24 (16.6.1905) · p. Seite 338

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
24 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
Seite 338 (sequence 14)
Language
German
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Seile 338. Israelitische Wochenschrift. Nr. 24 seiner Brust und die weißen Beinkleider waren mit Blut bedeckt. — Erschießt ihn! tobte es von^allenLSeiteu. — Gieb ein Gewehr! Steinigt ihn! — Klettere hinauf zu ihm! In verschiedenen Fenstern des großen Hauses kamen unzählige Menschengestalten zum Vorschein, die die Rahmen ausrissen und Hausgerät durch die Oeffnung warfen. Das Glas klirrte. Da kommt ein rothaariger, breitschultriger Bursche mit einem großen Wandspiegel ans Fenster und mit dem Ruß: — Vorsicht, Kameraden! fiel das Glas, das noch im Flug die Sonnenstrahlen aufsing, klirrend zu Boden. Gleich darauf sprang auch der Bursche nach. ' Sonderbar war, wie ernst er aussah: keine Aufregung, kein Groll ward an ihm zu merken. Im anstoßenden Fenster stand ein dunkelbärtiger Bauer-mit einigen Kissen in den Händen. Im Nu riß er sie auseinander und ein dichter Regen von weißen Federn flog durch bie Luft. — Es schneit, Kinder! Schaut daß ihr nicht friert! rief der Bauer, indem er der weißen Wolke nachschaute. Da tobte es wieder in dem Hof. — Hierher, Kinder! Ich habe in einem Fasse Judenbnben gefunden! — Schlagt sie tot! — Mit den Köpfen gegen die Mauer! — Hör' Tu aller Jud! oben. Komin' herunter, wir haben Deine Brut in Händen. — Komm' herab, sonst vertilgen wir Deine ganze Rasse. Eine herzzerreißende Kinderstimme durchdrang die Lust sie wirkte wie der Blitz stechend und blendend inmitten des dumpfen Tobens des Pöbels. — Nicht anrühren, rief Jemand. — Die Kinder nicht berühren! — Nur Erwachsene totschlagen! Wieder das markerschütternde Hilferufen eines Kindes, das in die tiefste Seele eindrang und alles ringsumher mit seinem Grauen bedeckte. — Ach, das Scheusal! wütete einer. — Hat er den Kopf abgehauen? — Nein, die Beine. — Du alter Teufel Du! — Du, Luzifer, komm her, wir hauen den Juden herab. Und zwei gewaltige Burschen drangen durch die Menge und erstiegen das Dach. Im Fenster erschien wieder der ernste Bursche und schob mit Aufgebot aller Kräfte einen Schrank oder einen Kasten in die Oeffnung: „Kinder, fangt das Geschirr." Der Kasten wollte aber nicht in die Oeffnung, der Bursche riß ihn deshalb an sich, verschwand einen Augenblick, um bald wieder mit dem Ruf: „Vorsicht, Kinder," einen Stoß Teller und einen blinkenden Samowar hinauszuschleudern. Die Menge auf dem Hof faßte sich beim Kopf und lief lachend auseinander. Nur der dicke rothaarige Bursche hob den Samowar in die Höhe, schleuderte ihn zu Boden und zertrat ihn mit den Füßen. Ein grauenvolles Wimmern ertönte vom Dach. Plötzlich kam etwas Großes am Giebel des Daches zum Vorschein; es blieb eine Sekunde in der Luft hängen. Ein lauter durchdringender Schrei! Und der Gegenstand lag am Boden. Nur noch ein leises Wimmern .... Ich lief, wie rasend, fort und hörte hinter mir wilde Triumphrufe: Aha, Aha! — Wir haben ihn abgehauen! In den Straßen brach die Meute Stühle, Tische, Kasten und Schränke entzwei, liß Kleidungsstücke, Kissen auseinander; Bettsederu flogen nach allen Seiten in der Saft. Aus den Fenstern der beiden nächsten Häuser sielen zu Füßen der Menge Kissen, Körbe, Möbel, Kleider und der Pöbel, vom Zerstörungsdrang erfaßt, fing die Gegenstände auf, brach und riß sie entzwei. Zwei Frauen, zerzaust, mit geröteten Wangen, ergriffen einen Kasten und zerrten ihn hin und her. Sie riefen sich etwas zu, öffneten weit den Mund, denn ihre Stimmen wurden vom Toben des Pöbels, vom Krachen und Klirren, von schauererregenden Hilferufen übertönt. Dicht an mir kam ein großer Bauer vorbei. Unbedeckten Hauptes, in zerrissenem Hemde, blutbedeckt, ging er ruhig einher und lächelte stumpfsinnnig: Das Lächeln eines sattgefressenen Tieres. Jetzt näherte er sich dem Laternenpfahle, umpfing ihn und rüttelte an ihm, das Holz gegen seine breite Brust drückend. Die Laterne erzitterte und stürzte hinab. Brich' sie entzwei! rief ein anderer Bauer, sprang an die Stange heran und begann an ihr, schweratmend, zu rütteln. Plötzlich kam, wie eine Taube in eine. Rauchwolke, ein junges Mädchen in zerrissenen Gewändern, in die Menge hineingepflogen. Mit zurückgeworfenem Haupte, aufgelöstem Haare lief sie mit weitgeöffneten Augen und blassem Gesichtchen gerade vor sich hin. Hepp! Hepp! Haut die Jüdin! jauchzte es von allen Seiten, und bald verschwand das Mädchen in der Menge, wie ein Stückchen Zucker unter einem Fliegenschwarm. Ein Chaos von menschlichen Körpern stürzte auf sie, Faustschläge wimmeln. Zischen wie von Schlangen, ein Winseln wie von Tieren, Bewegungen wie von Würmern — alles kam in bunrem Durcheinander zum Ausdruck. — Achtung, Leute! Selmann kommt! rief ein Haufen Burschen, welche das Pflaster entlang etwas mit sich schleppten. Es war ein Mensch oder eigentlich die Leiche eines solchen — ein halbnackter, hagerer Körper, zerdrückt, halb mit Blut und Kot bedeckt. Ein Bein mit einer Schnur umringelt, so schleppten sie ihn durch die Straße; ein langer Streifen Blut bezeichnete ihren Weg. Die hageren Hände schleiften, und gegen das Gestein stieß der blutüberströmte, abgerisse Kopf .... eines Menschen. Ein Laufbursche sprang auf den Körper, vergrub seine Füße im Leib wie in einem Teig, und fiel beim hellen Aufjauchzen der Bande zu Boden. Selman war ein reicher Warenlieferant, den ich sehr gut gekannt habe; das aber ^was ich da vor Augen hatte, war weder Selman noch überhaupt einen Menschen ähnlich. Betäubt und besinnungslos von Gesehenem, vor Staub und Rauch erstickend, drehte ich mich in der Menge wie ein Span im Bach und glaubte einen furchtbaren Traum zu träumen. Da hängt z. B.' ein weißer Rock auf der Wafferröhre, unten steht ein altes eingetrocknetes Weib und streckt, auf die Zehen gestellt, gierig die hageren Hände danach aus. Neben ihr hüllt sich ein bärtiger Mann in einen Sammetrock ein. Kleine Buben irren zu Füßen der Erwachsenen und sammeln die Splitter zusammen; einer läuft einer fliegenden Bettfeder nach und will sie fangen. Ein Polizist kommt endlich herangeeilt, und wird von der Menge grob bewillkommt. Faßt ihn! Halt ihn fest! Jemand wirft ihm einen Kasten in den Weg, worüber der Schutzmann zur lebhaften Befriedigung des Pöbels laut aufschreiend zu Boden stürzt. Nun sah auch ich herab und fand ein Stück blutbedeckte Haut mit einigen Haarsträhnen zu! meinen Füßen.

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