Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606662--9359-9606668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 330. Israelitische Wochenschrift. 'Nr. 24 Blaschke besprach zunächst die verschiedenen Petitionen des- D.-J. G.-B, die dieser in Sachen des Religionsunterrichts an das preußische Kultusministerium allerdings leider mit geringem Erfolg, gerichtet hat. Redner fordert Durchführung des israelitischen Religionsunterrichts in allen Klassen sämtlicher Lehranstalten, und zwar durch geeignete Lehrer. Ferner müsse den Schülern über die Leistungen auch auf diesem Gebiet regelmäßig ein Zeugnis ausgestellt werden, und zwar an derselben Stelle, an der den christlichen Schülern ein Religionsprädikat erteilt wird. Dies erstreckt sich auch auf das Zeugnis der Reife für die Schüler höherer Lehranstalten, und es dürfe durchaus nicht in das Belieben des Schülers gestellt werden, ob er ein Religionszeugnis wünsche oder nicht. Redner verlangt ferner die Inspektion des Religionsunterrichts, und es seien vor allem die Rabbiner, die als Inspektoren in Betracht kommen müssen Prof. Cohen-Marburg bringt zu Beginn der Diskussion in Vorschlag, daß auch den jüdischen Kandidaten des Lehramts eine Prüfung in Religion durch den Rabbiner abzunehmen sei. Ferner beteiligten sich an der Besprechung dieses Punktes die Herren Belgardt-Graudenz, Silberverg-Posen, Ransenberg-Neuwied, der in äußerst scharfer Weise die Forderungen der Lehrer geltend machte. Er betrachte die Inspektionen als eine Parade, und vor allem müßten ältere tüchtige Lehrer von der Inspektion ausgeschlossen sein; auch seien die Rabbiner nicht immer zur Inspektion geeignet Rabbiner Vogelftein-Stettin wies diese Forderungen zurück, indem er ausführte, daß jeder tüchtige Inspektor zu erkennen verstehe, ob der Religionslehrer etwas leiste oder nicht, und daß deshalb gerade der tüchtige Lehrer die Inspektion nicht zu scheuen habe. Der Rabbiner sei es auch stets, der die Stellung der tüchtigen Lehrer bei ihren Gemeinden zu festigen strebe. Rabbiner Seligmann- Frankfurt hält es für die Hauptaufgabe des Religionslehrers, in der Reihe seiner Schüler diejenigen zu erkennen, die für den Lehrberuf besonders prädestiniert seien, und diese demgemäß zu leiten. Ein Gegensatz zwischen Rabbiner und Religionslehrer dürfe nicht bestehen. Bei der Wahl eines Rabbiners sei vor allem seine pädagogische Befähigung mehr als seine rednerische in Betracht zu ziehen, denn es komme vor allem darauf an, das Heranwachsende Geschlecht dem Glauben unserer Väter zu erhalten. Nach einer halbstündigen Frühstückspause wird auf Antrag von Hef;-Wiesbaden nach Schluß der Rednerliste weiter über denselben Gegenstand (Religionsunterricht) verhandelt. Gimkiwicz- Gnesen, Periz-Königsberg und Loeb-Trier bringen die traurigen Verhältnisse in ihren Bezirken zur Sprache Justizrat Rothfels- Kassel regt an, etwaige Steuerzahlungen für christlichen Kultus, da verfassungswidrig, zu reklamieren, und zum Ausgleich eine Subvention des jüdischen Religionsunterrichts seitens der Kommunen zu verlangen. Apfel-Köln, Ralvitfch-Offenburg, Tmk- Berlin sprechen nochmals gegen die Forderungen des Herrn Ransenberg, während Clias-Darmstadt einen ähnlichen Standpunkt wie Ransenberg vertritt. Bögelstein-Königsberg spricht für die Inspektion des Religionsunterrichts, ebenso Kroner-Stuttgart, der einen dahingehenden Antrag einreicht. .Dieser wird ebenso wie ein Antrag Cohen-Seligmann erst Dienstag zur Abstimmung gebracht. In seinem Schlußwort besprach der Referent nochmals die einzelnen in der Diskussion erwähnten Punkte und gab die Zusicherung, daß alle Anregungen von dem Ausschuß des D.-A G.-B. sorgfältig erwogen werden. Ueber den nächsten Punkt „Wanderbettelei und Arbeitsstätten" referierten die Herren Sanitätsrat Stern-Berlin, Lebrecht-Nürnberg und Feilchenfeld-Köln. Zum Schutz gegen die betrügerischen Bettler ist eine schwarze Liste ausgearbeitet worden, die periodische Vervollständigung erfahren soll. Für Arbeitswillige empfiehlt sich die Einrichtung von Arbeitsstätten nach dem Muster derer zu Weißensee und Köln, die gleichzeitig auch dem Zweck dienen, arbeitsscheue Elemente zur Arbeit zu erziehen. Als Folge dieser Einrichtung ist erfreulicherweise eine Abnahme des Wanderbettels zu konstatieren gewesen. Heimerdinger-Wiesbaden befürwortet ein einheitliches Zusammenarbeiten der Hilfskassen in den verschiedenen Gemeinden und die Einberufung einer Delegiertenversammlung durch den D-I. G-B. mit dieser alleinigen Tagesordnung. H'irschler-Frankfurt lehnt ein Denunzieren von Bettlern an die Polizei durchaus ab: das gehöre nicht zu den Aufgaben einer Wohltäligkeilsvereinigung. Es nehmen zu dieser Frage (Wanderbeltelei) noch ferner das Wort Lilienthal-Bochum, Horovilz-Frankfurt, Silberberg-Posen, Kopfftein-Beuthen, Magnus- Königsberg. Der Alltrag auf Einberufung eines Delegiertentages aller Vereine gegen die Wanderbettelei wird mit überwältigender Mehrheit angenommen; alsdann schließt der Vorsitzende um 44 Uhr die Versammlung. Der Vorstand der israelitischen Gemeinde Frankfurt hatte alle, die in ernster Arbeit durch die Verhandlungen die Interessen des D -I. G.-B. und damit der deutschen Judenheit sich zu fördern bemühten, zur Teilnahme an einem Ballkett eingeladen, zu dem sich denn auch fast alle, die auswärtigeu teilweise mit ihren Damen, einfanden. Das vortreffliche Mahl wurde gewürzt durch eine Anzahl glänzender Redell, die wesentlich zur Erhöhung der Stimmung beitrugen. Die Reihe der Redner eröffnete Herr S. Epstein-Frankfurt, der die Gäste nochrnals im Namen der israelitischen Gemeinde begrüßte und das Hoch auf Se Majestät den Kaiser, den Wahrer des Friedens, ansbrachte. Herr Professor Philippfrm-Berlin sprach auf die Frankfurter israelitische Gemeinde, Herr Dr. Blau-Frankfurt auf den geschäftsführenden Ausschuß des D-I G.-B., Rabbiner Tr. Naioitsch- Offenburg leerte sein Glas auf das gedeihliche Zusammenwirken der norddeutschen und süddeutschen Juden, Dr. Baerlvald-Frankfurt feierte' die Gelehrten Geheimer Hofrat Prof. Dr Rosill und Geh Reg - Rat Dr. Cohen. Dann behandelte Rabbiner Tr. Horovitz-Frankfurt in launiger Weise die Hauptfrage der Tagung, das Verhältnis der Rabbiner und der Lehrer, und schloß mit dem Wunsch: 1368 Jaakauw, lechu wenelcho beaur baschcm! Herr Geheimrat Prof. Tr. Rofin dankte für die ihm und seinem Kollegen Cohen dargebrachte Ovation und versicherte, daß er in der heutigen Versammlung sich so recht glücklich gefühlt habe, angesichts der Begeisterung, die alle erfülle; er schloß mit einem Hoch auf Prof Philippson. Auch Geheimrat Cohen dankte für die ihm erwiesene Ehrung und erhob sein Glas auf das Wachsen, Blühen und Gedeihen der Frankfurt-Loge. Zun: Schluß betonte Herr Kirchenrat Tr. Kroner-Stuttgart. daß llur im Zusammenwirken der Juden aller deutschen Staaten segensreiches geleistet werden könne und verdichtete seine Worte in einem Hoch auf das deutsche Vaterland. Die Teilnehmer blieben noch lange in lebhaftem Gespräch in den Räumen des Logenhauses vereinigt, und auch dieser Teil der Veranstaltungen wird allen Anwesenden in lieber Erinnerung bleiben, denn dieser gesellige Abend trug ganz besonders zur Ausgleichung vorhandener Gegensätze bei. Am Dienstag begannen die Verhandlungen um 9 Uhr mit der Beratung über den fünften Puükt der Tagesordnung, „Bezirksrabbinate. Der Referent, Professor Dr. Blafchkc, behandelte vor allem drei Fragen: 1. Wie ist das Institut der Bezirksrabbinate zu organisieren? 2. Welche Pflichten und Rechte sind ihm zu übertragen? 3. Welche Kosten sind mit dieser Einrichtung verbunden und wer hat sie zu tragen. Redner empfahl dem Gemeindetag, den Ausschuß aufzufordern, durch Vermittelung der Bezirksbezw. Provinzialverbände die Durchführung von Bezirksrabbinaten zu versuchen und zwar ohne Inanspruchnahme der staatlichen Organe. Für die Diskussion über diesen wichtigsten Punkt, der das Verhältnis der Rabbiner und der Lehrer unter nochmaliger Berührung der Frage des Religionsunterrichts beleuchtete, hatten sich bei Schluß des Referats bereits sechszehn Herren zum Wort gemeldet. Die Gegner der Bezirksrabbinate betonten vor allem, daß diese Einrichtung das Ansehen und den Einfluß der Lehrer in den kleinen, rabbinerlosen Gemeinden zu schädigen geeignet sei. Auch bei der Durchführung werde man, abgesehen von den erheblichen Kosten, die nur wenige Gemeinden selbst zu tragen in der Lage fein dürften, auf große Schwierigkeiten stoßen, denn es sei ja gar nicht möglich, daß die Rabbinen in den Gemeinden ihres Bezirkes eine ausreichende Seelsorge ausüben könnten. Demgegenüber brachten einige der anwesenden Bezirksrabbiner ihre überaus günstigen Erfahrungen und Erfolge, die sie auf diesem Gebiete in ihrem Wirken zu verzeichnen haben, zu durchaus überzeugender Darstellung. Vor allem Rabbiner Dr. Munk-Marburg zeigte in beredten Worten, wie der Bezirksrabbiner durch Predigten und theologische oder religiöse Vorträge seelsorgerisch tätig sein könne, wie er allein durch seine Autorität kraft seines Amtes Streitigkeiten in den Bezirksgemeinden, sei es zwischen Gliedern unter einander, sei es zwischen dem Vorstande und einem Gliede zu schlichten geeignet sei. Der Vorschlag des Herrn Professor Philippson, die Frage der endgiltigen Regelung der Bezirksrabbinate bis zur Fertigstellung des gestern besprochenen Organisationsentwurfes von Geheimrat Rofin und seiner staatlichen Anerkennung zu vertagen, wurde von der Versammlung mit großer Mehrheit abgelehnt, da dieser Antrag Schluß der Debatte bedeutet hätte. Rabbiner Dr. Horovitz-Frankfurt führte aus, daß sowohl auf Seiten der Rabbiner wie auf Seiten der Lehrer in gleicher Weise gefehlt worden sei und daß beide Teile