Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 328. Israelitische Wochenschrift. 'öh. 24 Mit den Regierungen und Volksvertretungen solle über die Aufrechterhaltung unserer Rechte und Interessen verhandelt werden. Unter den gemeinsamen Interessen sei alles zu verstehen, was die Ehre und die verfassungsmäßigen Rechte unserer Glaubensgemeinschaft sowohl im ganzen wie auch in den einzelnen Ländern betreffe, alles, was die Stellung der einzelnen Individuen betreffe. Der Einwand, daß dies vielmehr eine Angelegenheit der Einzelstaaten sei, lasse sich nicht aufrecht erhalten. Denn da die Gleichberechtigung Aller im Gesetz des Deutschen Reiches vorgesehen sei, könne diese auch von einer allgemeinen deutschen Vereinigung verfochten werden. Daß die Verteidigung unserer Interessen auf dem Gebiet der Gleichberechtigung mit dem vollen Gewicht der Einigkeit in die Hand zu nehmen sei, das erscheine nach den Erfahrungen der letzten Zeit zweifellos. Die Rolle des Stillschweigens, des leisen Protestes, des Sichverkriechens hinter andere Faktoren müsse aufgegeben werden. (Beifall.) Die Regierungen sollen auf keinen Fall gereizt werden. Würden denn nicht vielfach gerade durch den Lärm und die Kundgebungen der Antisemiten die Regierungen viel weiter getrieben, als es ihnen im Grunde recht und lieb sei, wünschen denn nicht viele Männer der Regierung so viel wie möglich einen Gegenwind, der diesen Bestrebungen so viel wie möglich entgegenwirke. Die maßgebenden politischen Faktoren und besonders die Parteien in den Volksvertretungen ebensogut auch wie die Presse hätten keine Ahnung, in welchem Umfang und in welcher Schärfe das Gesetz zuungunsten der Juden verletzt werde. In der Frage der Handelsverträge sei die Behandlung der Juden der der deutschen Christen gleichzustellen, in der Frage der Gemeindeorganisationen dürfe kein Judengesetz beschlossen werden, ohne die Vertreter des Judentums zu Rate zu ziehen, in der Schächtfrage treffe eine Verletzung der Gewissensfreiheit der Orthodoxen alle Juden ebenso stark, als wenn es sich um eine Gewissensfrage der Gesamtheit handle. Deshalb müsse der Verband an die Regierungen, an Reichs- und Landtag Vorstellungen richten, in Korrespondenz treten mit Staatsmännern, Parteiführern und Abgeordneten und nicht zum wenigsten mit den Redaktionen der Zeitungen. Durch die Betonung unseres Zusammenhanges, durch das kühne und selbstbewußte Eintreten für unsere Rechte, für unsere Ehre, müsse den Juden gezeigt werden, daß sie keine schwachen Rohre mehr im Winde seien. Unsere Zeit sei die der Oeffentlichkeit, alle Interessen können und müssen in der Oeffentlichkeit behandelt werden, wenn sie zu einem gedeihlichen Ziel führen sollen. Die Juden seien am allermeisten genötigt, mit ihren Wünschen in das volle Licht der Oeffenllichkeit zu treten, man müsse sehen, daß die Art, wie sie ihre Wünsche und Rechte zu verwirklichen suchen, nur auf dem Gebiet der Rechtlichkeit und Ehrenhaftigkeit sich vollziehe." Diesem Philippsonschen Ruf nach der Oeffenllichkeit gab die Versammlung ihre lebhafte Zustimmung, und der Abgeordnete Dr. Cohn-Dessau rief unter stürmischem Beifall der Anwesenden: „Es ist irrig zu sagen, Schreien und Agitation hilft nichts, wenn nicht eine Macht dahinterstehe. Schreien schafft Macht." — — Ein labender Hauch echten Makkabäer-Geistes wehte durch die Versammlung und heute? Wo sind alle die schönen Vorsätze geblieben? Worte, nichts als Worte! Wo ist die wohlgepriesene Oeffentlichkeit des Verbandes? Wo die Flucht in die Oeffentlichkeit? Wann, wo und wie ist der Verband, gemäß seinem Programm, „an die Regierungen und Volksvertretungen herangetreten?" Wann, wo und wie ist er in „Korrespondenz getreten mit Staatsmännern, Parteiführern, Abgeordneten und nicht zum wenigsten mit den Redaktionen de: Zeitungen?" Oder hat der Verband auch hier „stille" Arbeit geleistet? Was einsichtige Beurteiler bei der Begründung des Verbandes ausgesprochen, scheint immer mehr und mehr zur Wahrheit zu werden. Der Verband ist gar zu sehr von außen zusammengeschweißt worden, er hat nicht ein einziges inneres Bindemittel, er ist nicht eigentlich jüdisch, sondern anti-antisemitisch. Und wenn man wissen will, wie wenig man berechtigt ist, eine wahre Einigung der Juden durch den Verband zu erwarten, muß man seine Entstehungsgeschichte kennen. Da wird man erfahren, daß viele Herren durch den krassesten Egoismus schließlich zur Teilnahme gedrängt wurden, als ihnen nämlich der Judenhaß persönlich lästig zu werden begann. So lange der Antisemitismus nur kleine Kaufleute, ausländische Juden und anderes armes Volk schädigte, sah man in ihm eine vorübergehende Erscheinung. Aber als der Abg Peltasohn im preußischen Landtag vom Justizminister den Bescheid erhielt, daß man mit Absicht bei der Ernennung von Notaren die Juden zurücksetze, als ferner der Justizrat Feige beim obersten Kriegsherrn Beschwerde darüber führte, daß sein Sohn nicht Offizier wurde, und keine Antwort erhielt, da war der Antisemitismus hinreichend verdächtig — da war das Bedürfnis nach einer Einigung entstanden. — Und was unsere Orthodoxie anbetrifft, so hat ihr Hauptinteresse für den Verband ihre Ursache in den beständig zunehmenden Schächtverboten. Hat der Verband hierin einmal Abhilfe geschaffen, dann wird sich auch unsre Orthodoxie wieder zurückziehen. Und ich vermute, daß auch die übrigen Herren vom Verband ihren Eifer zügeln werden, wenn erst ein neuer Justizminister kommt oder sobald der erste Jude wieder Leutnant der Reserve wird. Das liegt ja in der Natur der Sache. Eine Einigung, die lediglich zu gemeinsamer Abwehr geschlossen wurde, kann weder festgefügt noch dauerhaft sein; hier fehlt der Kitt eines positiven Programms. Der Verband hatte daher nicht das Recht, sich mit dem Katholikentag zu vergleichen; denn das Zentrum verbindet mit seiner Verteidigungstaktik wirtschaftliche und kulturelle Forderungen. Freilich hatte Philippson in seinem Referat davon gesprochen, daß der Verband positive Arbeit zu leisten gedenke, im Gegensatz zum Centralverein, der nur Negatives habe tun können. Auf welchem Wege das aber geschehen soll, ist bisher verschwiegen worden und wird wahrscheinlich weiter verschwiegen werden. Man hat Hoffnungen erweckt, von denen man voraussehen konnte, daß sie eines Tags enttäuschen mußten. Daß diese Enttäuschung so schnell kommen würde — ist für manche die einzige Ueberraschung! Inzwischen wird man ruhig weiter „stille" Arbeit verrichten. Zehnter deutsch-israelitischer Gemeindetag. Frankfurt a M., den 13. Juni 1905. Vom 11. bis 13. Jnni fand hier in den weiten, prachtvollen Räumen der Frankfurt-Loge der zehnte deutsch-israelitische Gemeindetag statt. Herr Joseph Wisloch-Frankfurt begrüßte die am Sonntag abend 8 Uhr zahlreich erschienene Vorversammlung mit folgenden herzlichen Worten: „Hochgeehrte Versammlung! Sehr verehrte Herren! Namens des Empfangskomitees, aber ganz besonders namens des Hausverwaltungsausschusses der Frankfurt-Loge habe ich die Ehre, Sie alle hier in unseren Räumen in unserem geliebten Frankfurt herzlichst willkommen zu heißen. Als uns vor längerer Zeit mitgeteilt wurde, daß der D -I. G.-B. seine Tagung hier in Frankfurt abhalten würde und die Gemeinde Frankfurt a. M.,