Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- Seite 314 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 314. Israelitische Wochenschrift. Nr. 23 rege ist, daß sie ungeheure Summen für alle möglichen Zweige der Wohltätigkeit hingibt, sie muß endlich auch die Mittel schaffen, die nötig sind, um ihren religiösen Dienern ein erträgliches, menschenwürdiges Los zu bereiten. Hier liegt kein staatliches Interesse, hier liegt ein . eminent jüdisches Interesse vor. Geht die Kantorenschaft in diesem Sinne zielbewußt vor, so wird sie ihre Aufgabe mit Erfolg lösen. —- Sie darf aber zunächst ihre Kraft nicht zersplittern und besonders fachwissenschaftliche Ziele durch Gründung von Kantorenschulen erstreben. Das wird sich später von selbst ergeben. Vor allem brauchen wir einen festen materiellen Boden. So lange wir diesen nicht haben, ist es eine Versündigung, an die Ausbildung neuer Beamten zu denken. Das hieße die Unglücklichen vermehren, die Zahl der „Luftmenschen" vermehren, die Konkurrenz steigern und unsere traurigen Daseinsbedingungen noch trauriger machen. „In Zeiten der Not darf die Bevölkerung keine Vermehrung erfahren" sagen unsre Weisen (Tol. Taanis 11 a Zeile 8). Ich hätte noch mehrere Wünsche. Für heute aber mögen diese genug sein. Mögen diese Zeilen ihre Wirkung nicht verfehlen. nztr m mm Waldenburg i. Schl. Jacob Bähr. Krsorgt für grillig lchmihk Kinder. Ein Mahnruf zum deutsch-israelitischen Gemeindetag in Frankfurt am Main. Von Siegfried Rosenbanm, Direktor des israelitischen Erziehungsheims für geistig zurückgebliebene Kinder in Niederschönhausen. Auf seinem am 12. und 13. Juni in Frankfurt a. M. abzuhaltenden 10. Gemeindetage will sich der D. I. G. B. auch mit der Fürsorge für geistesschwache Kinder beschäftigen. Em lobenswertes Beginnen! Möge es zum Heil für die in der Mitte zwischen normal gebildeten und blödsinnigen Kindern stehenden — die Schwachsinnigen — sein! Zwar kommt die Hilfe etwas spät. Doch wollen wir sie trotzdem freudig begrüßen. Beginnt sich doch endlich einmal auch die Judenheit für das Gebiet der Fürsorgeerziehung zu interessieren, das uns leider am meisten angeht. Liefern doch wir Juden einen großen Prozentsatz der geistig Minderwertigen. Trotz dieser uns allen bekannten Tatsache ist bisher für die Armen unter diesen Unglücklichen nichts Bedeutendes geschehen. Wohl habe ich aus eigenen Mitteln in meinem Erziehungsheim bei zehn zahlenden Kindern eine Freistelle eingerichtet, die ich später in zwei halbe Freistellen umwandelte. Doch was will das bei der großen Zahl der Bedürftigen besagen! Es ist nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Denn der Einzelne ist'nicht imstande, dem Uebel abzuhelfen, da muß die Allgemeinheit eintreten. Viele, ach gar sehr viele arme Eltern doppelt armer und unglücklicher Kinder mußte ich abweisen, da mir zu wenig Freistellen zur Verfügung stehen und sich niemand fand, der für diese Unglücklichen etwas übrig hatte. Und das alles soll jetzt anders werden! Mögen die Vertreter der Gemeinden, die berufen sind, an diesem so segensreichen Werk zu arbeiten, das Herz haben, hier zu helfen und den vielen, nach Hunderttausenden zählenden Unglücklichen zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen. Gott wird es ihnen an ihren Kindern lohnen. Wie groß das Elend ist, dem hier abgeholfen werden soll, ist bekannt! Wer kennt nicht jene Figuren, die von den „Normalen" geneckt und gehänselt, von den „Klugen" als Dummköpfe übeisehen, von den „Drefften und Gottesfürchtigen" in die Ecke gedrückt werden?! Wer ist noch nicht von einem unglücklichen Halbidioten angebettelt worden, wer hat noch nicht Gelegenheit gehabt zu beobachten, wie ein Schwachsinniger zum Verbrecher wurde? Wie viele Schwachsinnige mögen in Gefängnissen sitzen, obgleich sie für ihre Handlungsweise nicht verantwortlich zu machen sind, da ihnen das ethische Bewußtsein fehlt! Dem zu steuern sind die Erziehungsanstalten für Schwachsinnige berufen; hier können schon Schwachsinnigenschulen, ja Hilfsklassen, wie sie auch an der kleinsten Schule eingerichtet werden können. Segensreiches wirken. Gar oft ist mir entgegengehalten worden, wozu man an diese geistig Schwachen soviel Mühe, Zeit und Geld opfere; normale Menschen werden sie doch nicht aus ihnen machen! Allerdings, normale Menschen kann man aus abnormalen wohl kaum machen, aber zu einer menschenwüdigen Existenz kann man durch geeignete Erziehung und Unterricht ihnen verhelfen. Und das genügt. Werden doch diese Kinder, sonst zum großen Teil der Menschheit auf Lebensdauer zur Last fallen. Den Unterschied zwischen einem Schwachsinnigen, dem es an geeigneter Erziehung fehlte, und einem in einer Anstalt erzogenen möchte ich dem freundlichen Leser in folgender Schilderung vorführen. In meiner Heimatstadt lebte er. Er war der Sohn anständiger Leute. Seine Eltern starben früh, seine Anverwandten kümmerten sich nicht viel um ihn und so verkümmerte er. Uscher, so hieß der Arme, war überall; hier stahl er der Hausfrau das Fleisch aus dem Topf, dort holte er einen Eimer Wasser gegen ein Entgelt von fünf Pfennigen — schwarzes Geld nahm er prinzipiell nicht —, um den Ertrag in Schnaps und andern edlen Getränken umzusetzen. Auf Kommando — jedoch nur gegen Geldentschädigung — der Klugen sprang er, drehte sich um sich selbst, tanzte und verübte er allerlei Dummheiten. Er war eine wahrhaftige Landplage. Wer ihm nichts gab, der wurde geschlagen und auf jede Weise geschädigt. In die Synagoge brachte er ein Stück Schweinespeck, um die Gläubigen zu ärgern. So trieb er allerlei Allotria, bis er infolge von clelirium tremens ins Krankenhaus gebracht wurde, wo er starb. Doch noch heute spukt sein Name in den Köpfen meiner Landsleute umher, und wenn sie einen ganz besonders dummen Menschen bezeichnen wollen, so erhält er den Ehrennamen „Uscher". Wie anders spielt sich das Leben eines andern Idioten ab, der aus denselben Verhältnissen stammend, geeignete Erziehung und Unterricht erhielt, einen Beruf erlernte und sich anständig zu ernähren imstande ist! Früh verwaist, kam er auf Veranlassung von Verwandten in eine Jdiotenanstalt. Seine geistige Befähigung war minimal. Dennoch lernte er Schreiben und Lesen. Auch etwas Rechnen wurde ihm beigebracht. Er erwarb einen reichen Wortschatz, lernte unterscheiden zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht. Er erlernte die Korbflechterei. Nachdem er diesen Beruf im Alter von 19 Jahren in der Anstalt erlernt hatte, kam er zu einem menschenfreundlichen Meister als Geselle, woselbst er außer freie Kost einen Wochenlohn von 3 bis 5 Mark verdiente. Später räumten ihm Verwandte ein Zimmer ein, in dem er seine Arbeiten selbständig macht und sich anständig ernährt. Ein Menschenleben ist gerettet! Ein Unglücklicher, der sonst der Gemeinde zur Last gefallen wäre, ist in die Lage versetzt, sich anständig zu ernähren und das Geld, das er gebraucht hätte, kann andern Unglücklichen zur Hilfe kommen. Ist es nicht Segens genug, der hier gestiftet werden kann? Ja, werden mir viele entgegenhalten, lohnt sich denn der horrende Kostenaufwand, den ein so unglücklicher Mensch verursacht? Ist es nicht billiger, wenn er zeitlebens von der