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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · p. Seite 313

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 313 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23. Israelitische Wochenschrift. Seite 313. wollen, so wollen wir genau wissen, daß in diesem Verband all unsre Interessen, besonders aber unsre wirtschaftlichen, mit aller Energie wahrgenommen werden. Wir müssen im neuen Verband vollständig heimatsberechtigt sein, wir müssen das Bewußtsein haben, daß wir hier Schutz finden gegen die Widerwärtigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben. Sonst dürfen wir dem neuen Verband keinen Mann und keinen Groschen bewilligen. Fachwissenschaftliche Förderung ist gewiß eine schöne Sache, aber sie muß vorläufig zurückgestellt werden angesichts der wirtschaftlichen Misere unsres Standes. Wer das Innere seines Hauses schmücken will, muß es zuerst unter Dach bringen. Unser Haus aber hat vorläufig kein Dach; wir sind dem Sturm und Unwetter, der Sonne am Tage und der Kälte des Nachts ausgesetzt. Unsre Anstellungsbedingungen machen uns vogelfrei, unsre Besoldung ist dürftig, unsre Versorgungsherhältnisse sind die denkbar traurigsten. Max Nordau nannte einst die russisch-jüdischen Studenten „Luftmenschen". Nun wahrlich, wir brauchen nicht erst nach Paris oder Berlin zu gehen, um Luftmenschen zu treffen. Kommt nach den kleinen jüdischen Gemeinden in Preußen, seht Euch den Kultusbeamten an, da habt Ihr einen solchen „Luftmenschen" ohne rechte Existenzbasis. Mehr als in irgend einem anderen Beruf sind die jüdischen Beamten dem Rachamonus preisgegeben. Täglich lesen wir in jüdischen Zeitungen Bettelaufrufe für brotlose, verkrüppelte Kollegen, die oft mehrere Jahrzehnte dem Judentum gedient haben. „Luftmenschen", das ist die einzig richtige Bezeichnung für die Kultusbeamten und ihre traurige Lage. Er ist ein bv r6in- — Und ihm die rechte Existenz basis zu erkämpfen, das muß die vornehmste Aufgabe des neuen allgemeinen Verbandes sein. Zu erkämpfen. Nur durch zielbewußten Kampf ist hier etwas zu erreichen. Lasset Euch um des Himmels willen nicht verleiten, bei den gesetzgebenden Faktoren zu petitionieren! Das ist ja ein alter beliebter Vorschlag bei einem großen Teil unsrer Kollegen, aber so alt er ist, so unsinnig und unpraktisch ist er. Regierung und Parlament können nur solche Anliegen in Bereich ihrer Erwägung ziehen, bei denen es sich um ein staatliches Interesse handelt. An dem Verhältnis zwischen Kaltusbeamten und Gemeinden hat der Staat gerade so viel oder so wenig Interesse wie an dem Anstellungsmodus des Wertheimschen Personals. Diese wie jene sind einfache Privatbeamte und der preußische Staat hat bis jetzt nirgend Lust gezeigt, sich in die Verhältnisse von Privatangestellten zu mischen. Anders liegt die Sache allerdings beim jüdischen Religionslehrer, an dessen erziehlicher Fähigkeit der Staat doch einiges Interesse hat. Und dennoch ist die Eingabe der jüdischen Lehrerschaft von der Regierung — es sind schon etwa 6 Jahre — bis jetzt, so viel ich weiß, noch nicht beantwortet worden. Der Weg ist also nicht gangbar. Lasset Euch auch von den schönen Augen der Herren vom D.-J. G.-B. nicht blenden! Denkt an das Schicksal unsrer Petition! Sie ist ausgegangen wie das Hornberger Schießen. — Unstreitig wirkt der D.-J. G.-B. ungemein wohltätig. Doch aber meistens für die Gemeinden, für uns speziell hat er bis jetzt im wesentlichen sehr wenig getan. Laßt Euch nicht von seinen süßen, verbindlichen Reden, auch nicht von seinem Hinweis auf das Zahlenmaterial der F. W. V.-Stiftung besonders imponieren. Dieses schrumpft ganz gewaltig zusammen, wenn man es näher betrachtet. Gewiß die F. W. V.-Stiftung zahlt für etwa eine Million Mark Versicherungskapital die Prämie. Nun gibt es aber etwa 2500 Kultusbeamte, das macht im Durchschnitt für jeden Beamten rund ein Versicherungskapital von 400 Mark, das er im Alter ausbezahlt erhält. Will er das dann als Rente anlegen, so gewinnt er daraus eine jährliche Pension von sage und schreibe 16 Mark — ich rechne hoch 4 °/o — jährlich oder 476 Pf. täglich. Nicht wahr? eine horrende Leistung! Man kann dafür schon in Berlin in der Lützowstraße wohnen. Dabei bitte ich auch zu erwägen, welche Demütigung die Kultusbeamten sich aussetzen müssen, um einen derartigen Zuschuß vom D.-J. G.-B. zu erlangen. Ein Beispiel für viele. Unlängst wandte sich der Vorsitzende einer jüdischen Lehrer-Unterstützungskasse an den D.-J. G.-B. mit der Bitte, er möge den jährlichen Kassenbeitrag von 20 M. für ein unbemitteltes Kassenmilglied aus einer seiner Stiftungen leisten. Das Bureau, Steglitzerstr. 85, sandte hierauf an den betreffenden Beamten einen Fragebogen mit nicht weniger als 20 Fragen zur Beantwortung ein, darunter: 1. Wann und wo sind Sie geboren? 2. Falls Sie im Auslande geboren sind, sind Sie naturalisiert? 4. Falls Sie verheiratet sind, welches ist Ihr Familienstand? (Alter der Frau, Zahl und Alter der Kinder.) 5. Wieviel beträgt Ihr festes Gehalt? 6. Haben Sie oder Ihre Ehefrau einen Nebenerwerb? 9. Seit wann sind Sie Gemeindebeamter? 10. An welchen Orten haben Sie fungiert? 11. Seit wann sind Sie an Ihrem jetzigen Ort? 12. Welche Gemeindeämter verwalten Sie? 14. Auf welchem Seminar haben Sie Ihre Ausbildung :c.? 17. Welches sind die Namen Ihrer Gemeindevorsteher? Das und noch mehr muß der D.-J. G.-B. wissen, wenn er den armen Kultusbeamten mit 20 Mark jährlich oder 55/9 Pf. täglich unterstützen soll. Schade nur, daß die Frage fehlt, ob der Gesuchsteller zuweilen Bier trinke oder sich mit Kathreiner Malzkaffee begnüge. So, ja so hoch schätzt der D.-J. G.-B. die moralische Qualität und die Beamtenwürde der geistlichen Diener des Judentums ein, daß er sie solch einer Lappalie wegen einem entwürdigenden Examen unterwirft. So sieht die Wohltätigkeit des D.-J. G.-B. an den Kultusbeamten aus. Nun es gibt auch unter unsrem Stande Menschen, die etwas auf sich halten und lieber auf derartige Liebesgaben verzichten, als etwas tun, was sie mit ihrer Würde nicht vereinbaren. Und was geschah? Der Beamte sagte sich: Entbehrung ist das Los des Kultusbeamten; auf mehr oder weniger Entbehrung kommt es nicht mehr an. Du gestattest dir täglich den Luxus von 4 Zigaretten u 3 Pf., rauche von nun ab nur zwei und du brauchst nicht einem wohllöblichen D.-J. G.-B. zu beichten, ob und wann du geboren bist, wie alt deine Frau ist, ob deine Frau eine Nebenbeschäftigung hat, wie lange du Beamter bist und wie deine Vorsteher heißen. * * * Ihr fragt nun: was sollen wir denn eigentlich tun? Wie sollen wir zu Werke gehen, wenn wir von den staatlichen Organen nichts zu erwarten haben und von dem Gemeindebund auch nichts zu erhoffen ist? Wer soll uns helfen, was soll uns helfen? Was? Gottvertrauen und Selbsthilfe! Wir müssen uns solidarisch erklären und als geschlossene Einheit unsre Lage und unsre Wünsche laut kundmachen. Schreien müssen wir, liebe Kollegen, schreien; schreien in den Zeitungen, schreien in den Versammlungen, so laut, so vernehmlich, daß der ganzen deutschen Judenheit beide Ohren ob unserem Leide gellen sollen. Hier nützt kein Mundspitzen, hier muß gepfiffen werden. Die deutsche Judenheit, deren Wohltätigkeitssinn so

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