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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · p. Seite 312

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 312 (sequence 4)
Language
German
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Seite 312. Israelitische Wochenschrift. Nr. 23. dem Gottes Hand sein Volk diesem Ziel zuführte. Die Gefahr des Abfalls vom monotheistischen Glauben hat Israel alle Zeit nahegelegen, und wie oft es dieser Gefahr wirklich erlag, zeigt uns wiederum die Geschichte, deren Pole Abfall und Wiederkehr vom und zum Glauben der Väter heißen. Wir sehen das Königtum von Salomos Regierung an bis zuletzt in fast ununterbrochenem Kampf mit dem Prophetentum. Jenes strebt Israel politisch wie religiös in das große allgemeine Weltleben zu verstricken, dieses strebt Israel seinem Beruf zu erhalten. Der Sieg ist dem Prophetentum geblieben, und Israel selbst hat nie aufgehört, der Prophet der Geschichte, der große Prophet Gottes an die Menschheit zu sein. Stellen wir das israelitische Volk den anderen klassischen Völkern gegenüber, so können sich diese freilich vieler Vorzüge rühmen, die jenem fehlen. Sie können sich auf den Schmuck und die Schätze berufen, die sie durch ihre Weltherrschaft erworben haben; sie können den Reichtum ihrer Phantasie in allen bildenden Künsten angreifen und tiefe Erkenntnis und Weisheit in allen Dingen dieser Welt für sich in Anspruch nehmen. Das alles fehlt dem Volk der Hebräer. Und dennoch konnte nur dieses Volk zum Volk heiligster Traditionen werden. Seine vorwiegend rezeptive Geistesrichtung, sein Mangel an Produktivität machte Israel besonders geeignet zur Trägerschaft der göttlichen Offenbarung, machte es dazu fähig. Konduktor göttlicher Gedanken zu werden. Bewundern wir an den klassischen Völkern die Spontanität der Phantasie, so staunen wir bei diesem Offenbarungsvolk die Stabilität und Kontinuität an. Dort eine Phantasie, die die Welt der Erscheinungen in Mythe und Sage zu immer neuen kaleidoskopischen Bildern kombiniert, hier dagegen eine Stabilität, bei der mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit die Tradition von Geschlecht zu Geschlecht fortgepslanzt wird, der gleiche Gedanke in fast gleicher Form. Dort nichts als Fluß und Bewegung, hier fast nur Ruhe. Wo aber Gott redet, muß der Mensch schweigen. Das Volk, das er sich auserwählte, durfte kein Weltvolk sein; es sollte mehr Gott zu sich reden lassen, als über ihn reden. Das rezeptive und unphilosophische Volk der Hebräer hat die höchste Wahrheit erkannt, nicht die kunstbegabten und 1 philosophischen Völker des klassischen Altertums, denn die höchste Wahrheit kann nicht durch Forschung, überhaupt nicht durch die bloße Erkenntnistätigkeit gefunden werden, weil sie Gott selbst ist. Gott aber ist weder ein Naturgesetz, noch eine Idee, sondern ein selbstbewußtes vollendetes Ich, und offenbart sich nur denen, die Hunger und Durst nach ihm fühlen, nicht den Philosophen, die ihn zum Gegenstand ihrer Spekulationen machen. Kein Epos hier, aber eine heilige Tradition aus der Urzeit; kein Drama hier, aber eine Lyrik, die alle Saiten des religiös gestimmten^Herzens widerklingen läßt; keine Philosophie, aber das geoffenbarte Gesetz des heiligen Gottes; keine Spekulation, aber eine Prophetie, die auf den Anbruch des vollen Tages hinweist. _ Zum Kantorentag. „Was lange dauert, wird endlich gut." Lange wahrlich hats gedauert, bis der Stand der jüdischen Kantoren und Kultusbeamten unseres Vaterlandes dahin gelangte, einen gemeinsamen Schritt zu seiner Hebung und Förderung zu unternehmen. Nun soll es endlich werden und hoffentlich gut werden. Wonach so viele Kollegen sich gesehnt, was der Unterzeichnete bereits vor einigen Jahren durch mehrere Aufsätze in diesen Blättern angestrebt, die Schaffung einer Organisation, einer Interessenvertretung, dasjenige, was alle anderen Stände groß und stark gemacht, das soll nunmehr durch die ernste und eifrige Bemühung tüchtiger Männer und unter der Teilnahme opferwilliger anderer Kollegen verwirklicht werden. Die Organisation, die unsrem sehr gedrückten Stand lange, lange schon notwendig war, die er angesichts Nr traurigen Lage, unter welcher er seit je seufzt, zuerst, vor jedem andern Stand hätte haben müssen, er erhält sie zuletzt, sie kommt spät; doch seien wir zufrieden, daß sie überhaupt kommt. Seien wir zufrieden, daß endlich das große verheißende Moment für die Kultusbeamtenschaft herannaht, und sorgen wir dafür, daß das große Moment kein kleines Geschlecht findet. Große Schwierigkeiten waren zu überwinden, bis es gelungen ist, einen Kantorentag zustande zu bringen. Wie sollten auch keine Schwierigkeiten sein innerhalb einer Beamtenkategorie, die wie keine zweite aus so grundverschiedenen Einzelgliedern besteht, grundverschieden an Bildungsgang, Bildungsstand, sozialer Stellung und materieller Lage? Aber alle die Verschiedenheiten auf dem Kantorentag, sie müssen verschwinden, sie dürfen die heilige Sache nicht beeinträchtigen. Alle müssen, jeder mit seinem besten Können, mittun zur Erlangung des gewünschten Zieles. Der d' hervorragende Kollege darf nicht mit Achselzucken auf den kleinen herabsehen und dieser nicht ferner kleinmütig sprechen — HD m UWi’i- Alle müssen geschlossen vorgehen, der Erfolg wird nicht ausbleiben; die Kraft wird uns wachsen mit den höheren Zwecken. — Der erste Schritt ist getan. Es naht für die Kultusbeamten der große Tag. So wünsche ich 'osb bnan DVi nid daß der Himmel allen Teilnehmern den Geist Eliahus senden möge, den Geist des Friedens, daß kein Mißton die Weihe des Tages störe, und diejenige eifrige und einsichtsvolle Hingabe, die notwendig ist, um die große Aufgabe recht zu erfassen und mit Energie durchzuführen. Vorwärts, furchtlos und wahr! Groß ist die Aufgabe, welche die zu schaffende Organisation zu lösen haben wird, wenn sie sie recht erfaßt. Die konstituierende Versammlung nennt sich „Kantorentag". Das ist eigentlich nicht ganz genau. Besser wäre die Bezeichnung „Kultusbeamtentag". Will denn die Versammlung nur solche organisieren, die im Hauptberuf Kantoren sind? Dann hätten wir Einzelbeamte der kleinen Gemeinden, die wir in diesen Lehrer, Schächter, Kantoren und Prediger zugleich D sind und all diese Funktionen mit gleicher Kraft und gleicher Sachkenntnis ausüben, also gar kein Hauptfach haben, auf dieser Versammlung nichts zu suchen. Wenn der Kantorentag und die von ihm zu begründende Organisation die kantorale Funktion besonders herauszustreichen beabsichtigt, so wird diese Organisation für uns Kultusbeamte der kleinen Gemeinden von wesentlich geringerem Wert bleiben, als der bestehende Lehrerverband. . Wir werden alsdann um eine getäuschte Hoffnung reicher sein und doch endlich daran denken müssen, uns selbst eine Interessenvertretung zu schaffen. Jndeß so weit bis jetzt bekannt geworden und wie auch aus den Mitteilungen des D.-J. G.-B. Nr. 64 S. 12 hervorgeht, will der Kantorentag eine Zentralvertretung für Kantoren und Kultusbeamte schaffen. Ich würde mir darum den Vorschlag erlauben, wenn durchaus das Wort Kantoren darin enthalten sein sollte, den Verband zu nennen: „Verband jüdischer Kantoren und Kultusbeamten". Damit werden die Kultusbeamten wissen, woran sie sind. Wir sind nicht Lehrer allein, wir ffnd nicht Kantoren allein, wir sind Kultusbeamte, und wenn wir uns neben dem Lehrerverband noch einem andern allgemeinen Verband anschließen

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