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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Zeitschrift für dir Gchmtilltmlsril drs Judentums. Webst dem Weibl'crtt: Jüdisches LittercrtuvölUtt. Erscheint an jedem Freitag Redaktion und Verlag: Bezugspreis vierteljährlich: das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal, j Wrrtin C., Woß-Straße 3; Deutschland u. Österreich-Ungarn 3.— 41!k. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Telephon: Amt I, 5729. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Unnrnrer 23. Berlin, 9. Juni 1905. , 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten mir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C., Rost-Ltraste 3. Inhalt. Artikel: Zum Wochenfeste. Von Dr. B. Seligkowitz-Köthen. — Kantorentag. — Fürsorge für geistig schwache Kinder. Von Siegfried Rosenbaum. — Die jüdischen Wohltätigkeitsanstälten Jerusalems. Von Dr. L. Grün Hut. — Literarisches: Blicke in die Geisteswerkstatt Raschis. Von A. Berliner. — Baron Hirsch- Stiftung. — Baronin Clara v. Hirsch Kaiser-Jubiläums-Stiftung. — Politik: Ausbildung und Anstellung der israelitischen Religionslebrer im Großherzogtum Hessen — Petersbllrg. — Die Schreckensherrschaft in Kischinew — Wochenchronik. — Vakanzen. — Feuilleton: Mein Vater hat geweint. — Inserate. Zum ttlocbcnfcstc. Von Dr. B. Seligkomitz-Köthen. Am Baum der Menschheit darf kein Blatt fehlen; auch das geringste Volk hat seine Bedeutung für das Ganze der Menschheit. Jedes Volk hat seine eigene Zeit. Wer wollte zu bestimmen wagen, welches Volk in der künftigen Geschichte die wichtigste Rolle spielen wird? Das wichtigste Studium der Kulturgeschichte lehrt uns nichts über die Zukunft der Menschheit. Sammeln, prüfen und vergleichen wir so viele Daten, wie wir wollen, wir beleuchten die Vergangenheit, wir begreifen die Gegenwart aus den sie bedingenden Faktoren besser als vorher; wir ziehen daraus Lehren für unser Verhalten, — das Zukunftsbild der Menschheit aber ruht nach wie vor, von einem heiligen Schleier umgeben, in rätselhafter Vergangenheit. Jedoch sind für den Kreis der Weltgeschichte, den unser Auge überschaut, drei Völker offenbar von überwiegendem Einfluß. Drese drei Völker sind der Menschheit gegeben, damit wir durch sie erzogen werden: Hellas, Israel und Rom. Wir können uns Kunst und Wissenschaft nicht denken, wenn wir aus der Geschichte herausschneiden, was die Griechen geleistet haben; es gebe keine Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit, wenn Israel nicht gewesen wäre, wir wären die Sklaven von Despoten, wenn Rom nicht Gesetze, Recht und Staatskunst ausgebildet hätte. Mit seinem Monotheismus steht das israelitische Volk als ein Rätsel für alle Forschung da, als ein Stein des Anstoßes insbesondere für alle naturalistische Naturbetrachtung Mit seiner Existenz macht es einen unauslöschbaren Strich durch alle philosophischen Geschichtskonstruktionen, die das religiöse Leben, dem physischen gleich, eine feste Stufenleiter vom Unvollkommenen zum Vollkommenen aufsteigen laffenlwollen, und wir begreifen gar wohl, daß Israel mit seiner Religion und Geschichte einen Mann wie Hegel als' „cin^ ffnsteres Rätsel lebenslang quälen und seinen Geist ebenso heftig fesseln, wie abstoßen konnte." Israel ist das Volk des Monotheismus. Damit meinen wir aber nicht, daß es nur einzelne über die Masse sich erhebende Männer unter ihm waren, die den Glauben an den einen Gott hegten und verkündeten, wie etwa ein Sokrates und Plato bei den Griechen, wenngleich wir allerdings zugestehen, daß einzelne mit besonderer Energie für ihn eintraten, sondern wir meinen, daß das ganze Volk als solches sich zu diesem Glauben bekannte und den Monotheismus als sein Eigentum reklamieren darf. Wir brauchen nur auf die Literatur dieses Volkes zu verweisen, die, wenn sich auch Wandlungen der Anschauung im Einzelnen in ihr Nachweisen lassen, doch durchweg von den ältesten Erzeugnissen bis zu den jüngsten herab von einer Grundanschauung getragen wird, dem Glauben nämlich an einen Gott. Gerade diesem Moment aber verdankt die Literatur ihre wunderbare Ganzheit und Geschlossenheit, dies eine stets wiederzuerkennende Gepräge. Zum andern dient als Beweis das eigene Bewußtsein dieses Volkes, das immer, auch in den dunkelsten Zeiten, in seinen Vertretern^ und besseren Söhnen sich mit seinem Monotheismus von allen übrigen Völkern geschieden wußte und den Abfall von ihm als eine Untreue gegen Gott wie gegen sich selbst und seinen Beruf erkannte. Endlich tritt als Zeugnis dafür die^Geschichte ein; denn sie beweist selbst da, wo das Volk zertrümmert und zerschlagen, hinweggeführt aus dem Land seiner Traditionen, losgelöst von der Hauptstätte seines Kultus, fremden Einflüssen in der Fremde preisgegeben dastand, wie Israel sich und seinen Beruf zu einer Zeit erfaßt, wo andere Völker das Auge dafür sicher verloren hätten. Von dieser Zeit an, wir meinen die Zeit nach dem babylonischen Exil, beginnt das Volk mit einer Zähigkeit und Treue am Monotheismus festzuhalten, die allen, auch den gewaltsamen Versuchen, es religiös wie sozial den Völkern der Weltmächte konform zu machen, spottet. Freilich weiß jeder, der Israels Geschichte kennt, daß dieses energische Festhalten am Monotheismus das Resultat eines langen Prozesses war, daß es ein langer mühevoller Weg war, auf

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