Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- Seite 305 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Israelitische Wochenschrift. Seite 306. der Wanderbettelei liegt vor; die Arbeiterkolonie ist in blühendem Zustande und hat in den drei ersten Jahren ihres Betriebes schon über 1000 Insassen beherbergt; zu der Repziner Fürsorge-Anstalt für Knaben, die in der Berichtsperiode erst recht in Betrieb gekommen ist, wurde die Plötzenseer Anstalt für Mädchen hinzugefügt. Beide Anstalten zusammen haben in den 3 Jahren einen Zuschuß von 32000 M. aus dem Fonds des D.-J. G.-B. erfordert. Die erstere Anstalt hat seit ihrem Bestehen 60 Zöglinge, die letztere 21 gehabt. — Alle bisher vom Bunde bearbeiteten Gebiete haben eine Erweiterung erfahren; so ist die Zahl der Gemeinden, die eine Beihilfe zu den Kosten des Religions-Unterrichts empfangen, von 121 auf 201 gestiegen. — Die Vorlesungskurse für akademisch gebildete Lehrer sind neu ausgenommen, Kantorenfortbildungskurse in den Jahren 1902 und 1904 abgehalten worden. — Ein Katalog der Bibliothek des D -I. G.-B. befindet sich in Arbeit; das von weiten Kreisen sehnsüchtig erwartete Statistische Jahrbuch wird in nächster Zeit in einer den Forderungen der statistischen Wissenschaft wie der praktischen Brauchbarkeit entsprechenden Form herauskommen. Mit der Schöpfung eines Gesamtarchivs der deutschen Juden hat der D.-J G.-B. abermals eine sehr umfangreiche und sehr bedeutende Aufgabe übernommen. — Vieles, was in dem Bericht des geschäftsführenden Vorsitzenden nicht gesagt ist, ist den mündlichen Ausführungen der Referenten auf dem Gemeindetage anheimgegeben, z. B die Schritte zur Verbesserung der religiösen Fürsorge für die Strafgefangenen. — Möge die Frankfurter Tagung sich eines zahlreichen Besuchs erfreuen, vor allem auch auf diesem Gemeindetage segensreiche Beschlüsse gefaßt werden, die zum Wohl der vereinigten jüdischen Gemeinden des deutschen Reichs ausschlagen. — Der eben erschienene 72. Jahresbericht der Barnch Anerbachfchen Waisen-Erziehnngs-Anstalten (Schönhauser Allee 162) weist gegenüber dem in dem früheren Anstt. .tshause erreichten höchsten Bestand von 77 Zöglingsstcllen jetzt 54 Knaben und 30 Mädchen auf. Die Zöglinge besuchen großenteils höhere Schulen, besonders begabte und würdige Knaben sogar bis zur Maturitäts-Prüfung, welche im Berichtsjahre zwei, unter diesen einer als primus omnium des Sophiengymnasiums abgelegt haben; die Mädchen scheiden in der Regel erst, nachdem sie für ihren Beruf vorgebildet und erwerbsfähig geworden sind, aus der Anstalt. Im ganzen haben bisher 592 Waisen in den Anstalten eine über das Maß der notdürftigen Fürsorge hinausgehende Pflege, Erziehung und Ausbildung gefunden. Für das Fortkommen der entlassenen Zöglinge, aus deren Kreise wieder manches Rühmliche und Erfreuliche berichtet wird, sorgen bis zur Selbständigkeit oder Verheiratung eine größere Anzahl von besonders verwalteten Stiftungen, die für die unmittelbaren Anstaltszwecke unantastbar bleiben. Diese erforderten einschließlich Gottesdienst, Büreau, Renten u. ar Zuschüsse eine Gesamtsumme von 76 194 M., die Bekleidung etwa 82 M. für jeden Zögling, die Verpflegung 50y2 Pf. für den Kopf und Tag. An Zinsen und eigenem Vermögen und sonstigen bestimmten Einnahmen stehen nur etwa 58 000 M. zur Verfügung; im übrigen sind die Anstalten, die weder Stadt noch Gemeinde jemals in Anspruch genommen haben, zur Deckung ihrer Bedürfnisse und zur Tilgung der noch iu Höhe von über 100 000 M. auf ihnen lastenden Bauschuld aus das Wohlwollen ihrer Gönner, an dem es ihnen auch in dem abgelaufenen Jahre nicht gefehlt hat, angewiesen. Vorsitzender des Vorstandes ist Herr Berthold Marckwald, Direktor Dr. A. Strelitz. Ehrenmütter Frau Recha Marckwald und Frau Professor Cäcilie Liebermann. — Wissenschaftliche Vereinigung. Der Vorsitzende gibt bekannt, daß auf Veranlassung des Kollegen Steinhardt-Magdeburg am 2. Osterfeiertage zwischen dem Genannten, den Kollegen Fiegel, Hauff und Auerbach und ihm selbst eine Aussprache über die namentlich infolge des Protokolls zum Kasseler Verbandstage eingetretene Mißstimmung stattgefunden habe. Von Seiten der Berliner Kollegen sei aufs entschiedenste gefordert worden, daß im Verbände selbst und in seinen Publikationen der liberalen Anschauung der Lehrerschaft diese Berechtigung zuerkannt werde, wie der konservativen. — An Stelle des angekündigten Kellermannschen Vortrags treten zwei Referate. Zuerst berichtet Kollege Hirschfeld über Dr. Doctors Büchlein „Abram"; er meint, daß der Inhalt desselben, im wesentlichen nur Legenden, Kindern von höchstens 8 Jahren interessieren könne, zum Verständnis der an sich recht hübschen, aber sehr gewählten, oft blühenden Sprache jedoch ein Alter von mindestens 12—13 Jahren erforderlich sei; an diesem Widerspruch werde wohl die Verwendbarkeit des Büchleins scheitern. — Daraus spricht Kollege Hauff über Dessauers Schrift „Die jüdische Geschichte im Zeitbilde großer Kulturstufen". Der Referent sieht sich zu seinem Bedauern zu einem gänzlich ablehnenden Urteil gezwungen: Die Sprache sei gar zu schwülstig, der Ausdruck entbehre allzuoft der Klarheit, die Anlage lasse alle Oekonomie vermissen, da breite Ausführlichkeit und übermäßige Dürftigkeit gerade an unpassender Stelle aufträten; auch enthalte die Arbeit zahlreiche Jrrtümer und Ungenauigkeiten. Die vielen Stellen, die der Redner zum Beweise seiner Behauptungen zitiert, zeigen, daß obiges Urteil gerechtfertigt ist. Hagen i. W. Verein israelitischer Lehrer der Rheinprovinz und Westfalens. Jahresversammlung im Saale „Viktoria" (Körnerstr) am Montag den J2. und Dienstag den 13. Juni er. Tages-Ordnung: Vortrag: „Die Notwendigkeit der methodischen Umgestaltung des hebräischen Unterrichts". (Referent: Herr Kaiser- Mülheim-Ruhr) Wahl einer Kommission zur Vorbereitung der Feier des goldenen Jubiläums des Vereins. Referat über den neuen Leseapparat für den hebräischen Leseunterricht (Herr Oppenheim-Wattenscheid.) Baden-Baden. Landesverein für die israelitischen Religionslehrer in Baden. Sonntag den 11. Juni d. Js., vorm. ll'/z Uhr, im Hotel Tannhäuser VI11 General-Versammlung. Tages-Ordnung: Berichterstattung. Verbandsthema: Tie Notwendigkeit der Umgestaltung des hebräischen Unterrichts. (Referenten: Driesen- Karlsruhe und Vruchsaler-Sulzburg.) Berichterstattung des Delegierten Freitug-Ladenburg über den Verbandstag in Kassel. Freie Besprechung über Berufs- und Vereinsangelegenheiten. Stuttgart. Verein israelitischer Lehrer und Vorsänger in Württemberg Mitglieder-Versamlung am Mittwoch den 14. Juni d. I. in dur Restauration Westheimer. Tagesordnung: Bericht. (Metzger-Kannstatt.) Bericht über den Verbandstag. (Preßburger.) Verbandsthema: „DieNotwendigkeit der methodischen Umgestaltung des hebräischen Unterrichts". (Rothschild.» Neues i^her die Lesebuchfrage. (Spatz.) UaRanzen. Zweiter Kantor und Schächter per 1. August oder 1. September in Schneidemühl. Gehalt Mk. 1200. Kantor und Schächter per 1. Juli in Kurnik. Einkommen Mk. 1500 nebst freier Wohnung. Kantor, Schochet, Balkore in Mur. Goslin (Provinz Posen». Gehalt Mk. 800, Nebeneinkommen Mk. 400 und freie Wohnung. Rcligionslehrer, Vorbeter und Schochet in Egelsbach. Gehalt Mk. 600 bei freier Wohnung und Nebeneinuahinen. Kantor, Schächter und Religionslehrer per 1 August in Lessen i Wpr. Gehalt Mk 18v0 und Nebeneinnahmen. Meldungen an den Vorsteher, Herrn Emil Loewenstein. Rabbiner, akademisch und theologisch ausgebildet, österr. Staatsbürger, in Budweis (Böhmen) Gehalt nach Uebereinkunft, Antritt möglichst am 15. September. Musikalisch gebildeter Kantor und Schächter beim Lonisenstädtischen Brüderverein irr Berlin. Gehalt Mk 2509. Meldungen an den Vorsteher, Herrn I Kalischer, Berlin W., Motzslraße 17. $ e u 111 e t o n. Tn der fremde. Von Milton Goldsmith. „Schraube die Lampe höher, S:meon, sonst kann ich Dein Gesicht nicht sehen!" Betty Wallach stieß diese klagenden Töne mit schwacher Stimme aus: ein quälender Husten unterbrach sie, und ihr Mann eilte zu ihr, beugte sich über sie und trocknete ihre Lippen. Dann schraubte er die Lampe höher, wie sie gefordert hatte. Ihr Licht fiel auf ein totenblasses, hinsiechendes Weib, das mit dem allmächtigen Eroberer „Tod" rang.