Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- Seite 303 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22. Israelitische Wochenschrift. Gerte 303. der Affäre Heiger eingegangen wäre. Bekanntlich hatte Prof. Geiger in einer wissenschaftlichen Arbeit den Ausspruch getan: „Ich würde es für eine ganz konsequente Handlungsweise der Regierung halten, den Zionisten zwar nicht den Aufenthalt in Preußen zu verbieten, — wie man es ja so oft mit lästigen Ausländern tut, — aber ihnen die staatsbürgerlichen Rechte zu entziehen. So wenig ein Holländer oder Oesterreicher, der in Deutschland wohnt, aktives oder passives Wahlrecht besitzt, so wenig hat ein Zionist, der ausdrücklich erklärt, einem andern Volke als dem deutschen anzugehören, darauf Anspruch zu machen. Diese Entziehung der staatsbürgerlichen Rechte halte ich für eine notwendige Konsequenz der deutschen Gesetzgebung gegen den Zionismus, die einzige Antwort, die das deutsche Volksbewußrsein dem Zionismus geben kann und muß." Und an einer zweiten Stelle: „Ich empfinde Mitleid mit dem russischen und rumänischen Juden, aber kein größeres, als etwa für die hungerleidenden deutschen Tagelöhner irgend einer Provinz oder die unglücklichen deutschen Kinder und Frauen, die in einem amerikanischen Schiffe untergegangen sind; ich bin der Ansicht, daß von Deutschland aus durch Privatvereine zu der Errettung fremder Juden nichts getan werden kann, ja nichts getan werden soll. Selbst die Millionen — um nicht von denen zu reden, die dazu dienen, die Faulen zu unterstützen oder wirkliches Elend zu vernichten — die für die Schulen in den östlichen Ländern gespendet werden, sind, wenn sie auch noch so großen augenblicklichen Nutzen schaffen, von keinem dauernden Wert. Jeder Bruchteil einer Nation und jedes versprengte Mitglied einer Glaubensgemeinschaft kann Rettung nur durch sich erlangen, und wenn es diese sich nicht zu geben vermag, so ist es wert, daß es zu Grunde gehe." Die zionistische Vereinigung hatte dieserhalb vor einiger Zeit eine Protestversammlung einberufen, in der folgende Resolution angenommen wurde: „Die heute in das Louisenstädtische Konzerthaus einberufene, aus allen Schichten der Berliner jüdischen Bevölkerung überaus zahlreich besuchte Versammlung spricht ihre tiefste Entrüstung aus über die einex Denunziatwn ähnlichen Aufforderung des Professor Geiger: Die deutschen gesetzgebenden Körperschaften müßten die zionistische Bewegung als eine deutschfeindliche durch Ausnahmegesetze bekämpfen. Die Versammlung bezeichnet dieses Vorgehen als ein unerhörtes, reaktionäres Verfahren und erklärt, daß Geiger nach dieser Denunziation nicht mehr geeignet erscheint, Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde zu sein, und verlangt, daß er sein Amt als Mitglied der jüdischen Gemeinde niederlege." Das Schreiben selbst wurde nicht verlesen, so daß die Versammlung von seinem Inhalt nicht Kenntnis nehmen konnte. Ob dies Brauch in der Repräsentanz ist, wissen wir nicht. — Auf der eigentlichen Tagesordnung standen 21 Punkte. Zum Teil noch unerledigte Bewilligungen aus der vorigen Sitzung, teils neue: wie eine solche für die Arbeiterkolonie im Betrage von 1000 M., für den Religionsverein Westen 9700 M Der Verein hatte 12000 M. beantragt, nach Rücksprache mit seinen Vertretern und Herabsetzung ihre Etats hatte man sich auf obige Summe geeinigt. — Die Interpellation über den Stand der Vorarbeiten für den Neubau der 3. Altersversorgungsanstalt fand durch Beantwortung des Vorstandsdezernenten ihre Erledigung. Der Antrag betreffend Beschleunigung einer Vorlage wegen Ankauf eines Synagogengrundstückes im Westen wurde von der Tagesordnung gesetzt. — Auf Befürwortung Blaschkes genehmigt die Versammlung die Herausgabe eines gedruckten Jahresberichtes über alle Schulen der Gemeinde, ebenso die Anfertigung einer Statistik der Religionsvereine in bezug auf ihre Mitgliederzahl, Leistungen, Kultuseinrichtungen, Schulen rc. Ein vom Repräsentanten Weinberg eingebrachter Antrag: Aenderung des § 14 der Geschäftsordnung, wird nach kurzer Beratung vom Antragsteller selbst als statutenwidrig zurückgezogen. — Dagegen ruft Punkt 7: „Zulaffung der weiblichen Personen in die Verwaltungs-Kommissionen der jüdischen Gemeinde" eine größere Debatte hervor. Repräsentant Koljn weist auf die Konsequenzen hin, die die Annahme eines solchen Antrages besonders für die Statuten nach sich ziehen würde und bittet bei aller Anerkennung des Antrages selbst und ev. späterer Berücksichtigung bei einer Revision des Gemeindestatutes um Ablehnung. Repräsentant Weit Simon singt nun ein begeistertes und begeisterndes Loblied auf die jüdischen Frauen in den einzelnen Zweigen der Gemeindeverwaltung. Ihrer Mitwirkung namentlich in der Armenkommission können wir gar nicht mehr entbehren. Wenn unsere Frauen aber als Ehrendamen in fast allen Wohltätigkeilsinstitutionen in hervorragendem Maße tätig sind, dann solle man ihnen gerechterweise im Vorstand bei einzelnen Wohlfahrtseinrichtungen nicht bloß Sitz, sondern auch Stimme geben. Wenn sie mittaten können, sollen sie auch mitraten dürfen. Nach langer Debatte, an der sich noch die Repräsentanten Cohn und Blumenthal beteiligen, wird im Sinne des Referenten Cohn beschlossen. — Ein weiterer Punkt der Tagesordnung: „Herabsetzung der Pslichtstundenzahl der an der Gemeindeschule tätigen Lehrkräfte" gestaltete sich durch die Geschäftsordnungs- resp. Abstimmungsdebatten zu einem außerordentlich erregten. Von den 18 anwesenden Repräsentanten hatten bei, während, und nach der Abstimmung höchstens 25 gleichzeitig das Wort nicht erbeten, sondern ergriffen, zeitweilig stand sogardas Gemeinde Parlament auf der Höhe des polnischen Reichstages. Genau 15 Minuten wogte der Kampf hin und her: ob der Antrag des Ausschusses oder der des Vorstandes, der den bisherigen Modus beibehalten wissen wollte, zur Annahme gelangt sei; schließlich konstatiert der .Vorsitzende die Annahme des letzteren. — Für das Gesamtarchiv der Juden in Deutschland, um dessen Errichtung sich sowohl der D. I. G. B. als auch der U. O. B. B. wohlverdient gemacht haben, wird ein Jahresbeitrag von 2500 M. bewilligt mit der Maßgabe, daß die Gemeinde in den Ausschuß 3 Vertreter zu entsenden habe und die Leitung die bisherige bleibe. An der Debatte beteiligten sich die Repräsentanten Kalischer, Winden, Kohn, Weyer und Geiger. — Punkt 13: „Anstellung einer Oberin im Hospital." Der Repräsentant Kalischer ging nochmals auf die ganze Hospital- Affaire ein, oder richtiger gesagt, wollte ausführlicher darauf eingehen, wurde aber vom Vorsitzenden unterbrochen mit der Bedeutung, daß diese Affaire ja bereits in der geheimen Sitzung genügend erörtert sei und es sich hier doch nur um die Anstellung einer Oberin handle, aber vergebens. Schon war Repräsentant Wauheimer wieder auf dem Platze, der — trotz der Unterbrechungen des Vorsitzenden — durch seine Rede wieder den Vorsitzenden des Vorstandes herauslockte, es wurde hin- und hergeredet, aber informiert über die ganze Hospital-Affaire ist die Gemeinde nicht. Und welches der