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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · p. Seite 306

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
Seite 306 (sequence 15)
Language
German
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Seite 306. Israelitische Wochenschrift. Nr. 22 „Du weinst, Simeon?" sagte sie. „Trockne Deine Augen! Weine nicht um mich. Bald werde ich nicht mehr leiden " „Und ich werde allein bleiben und kämpfen und ringen — allein. — D mein Herz, warum entriß ich Dich Deiner Heimat Rumänien und setzte Dich der Armut, dem Elend in Amerika aus?" „Wir litten schlimmeres zu Hause, unterbrach sie ihn. „Hast Du die Judenverfolgungen, das Gemetzel, den Brand von Vaters Haus, den Tod von meines Bruders Familie vergessen? Unser jetziges Elend reicht nicht an das Unglück, das wir zu Haus erlitten." Wieder unterbrach ein Hustenanfall ihre Rede. Simeon sprang-auf; es war ihm unmöglich, die Leiden seiner geliebten Frau mitanzusehen. Er schritt in dem kleinen Zimmer mit geballten Fäusten hin und her, seine Gesichtsmuskel abeiteten konvulsivisch. „Nimm es nicht so schwer, Simeon," hauchte die Leidende, „vielleicht ändert sich das Glück, wenn ich — gegangen bin." Er blieb vor ihr stehen und sah sie mit einem Blick der Verzweiflung an. „Betty," rief er aus. Du weißt wie ich gearbeitet habe, wie ich dem Glück nachgejagt all die Jahre lang, es ist vor nur entflohen, wohin ich mich auch wandte, es hat meiner gespottet. Betty, wenn nun auch Du von mir gehst, dann ist alles aus. „SetzDich zu mir Simeon," bat sie mit fast verlöschender Stimme, „laß uns die kurze Frist, die mir noch bleibt, nicht mit Klagen verbringen." Er setzte sich auf den zerbrochnen Stuhl neben ihrem Bette und nahm ihre schmächtige, durchsichtige Hand in seine starke Rechte. Schweigend starrten sie eine Weile in das Dunkel der Nacht, jeder mit seinen Gedanken und Erinnerungen an längst vergangene Tage beschäftigt. In der Heimat, in Rumänien, waren sie wohlhabende Bürger gewesen, von ihren Glaubensgenossen geachtet und geschätzt; aber Verfolgungen und grausame Gesetze hatten ihren kleinen Besitz geraubt, und sie waren in die weite Well hinausgewandert — ohne Halt und Stütze. Amerika war der Hafen, dem sie zustrebten, Amerika das Land der Freiheit und Gleichheit, wohin sie sich mit vielen ihrer Glaubensgenossen wandten. Mit welchen Hoffnungen landeten sie auf amerikanischem Boden, und wie bald schwanden sie, und an ihre Stelle traten Furcht und Verzweiflung. Die Not brach über sie herein und sie mußten glücklich sein, als sie endlich Arbeit in einer Fabrik fanden. Aber Betty war dieser Arbeit nicht gewachsen und bald erkrankte sie. Simeon, der ein guter Mechaniker war, hatte eine Verbesserung an einer Maschine erfunden. Sie verkauften ihr letztes, um die Erfindung patentieren zu lassen, und nun folgte die Jagd nach einem Käufer. Ueberall wurde die Erfindung so anerkannt, daß ihre Hoffnungen sich immer wieder aufs neue belebten, aber Bestellungen von Wert kamen nicht. So vergingen Monate. Er nahm keine feste Beschäftigung an, immer in der Hoffnung, einen Erfolg von seiner Erfindung zu haben. Während dieser Zeit entbehrten sie beide fast das notwendigste. Betty, die nie die stärkste gewesen, fiel der Schwindsucht zum Opfer und lag nun da und erwartete ihr Ende. Simeon saß an ihrem Bette und in seiner Seele wurde es dunkler und dunkler. Die Bilder der Vergangenheit stiegen vor ihm auf, und Bitterkeit erfüllte sein Herz gegen die Heimat, die ihn verjagt hatte. Der Regen tobte draußen. Es war eine stürmische, dunkle Nacht. Plötzlich regte sich die Kranke. „Wieviel Uhr ist es?" fragte sie. „Ein Uhr, mein Herz." „Dann wird es bald vorüber sein." Sprich nicht so, Betty. Du wirst noch viele Jahre leben und gesund und glücklich werden." „Täuschen wir uns nicht, mein Lieber. Eins wünschte ich nur, so lange zu leben, um den Erfolg Deiner Erfindung zu sehen, dann mag der Tod kommen. Wenigstens hätte ich noch eine glückliche Stunde gehabt. Hast Du Aussicht, daß sie angenommen wird?" „Die Fabrik von Singer & Co. versprach mir für morgen Antwort, aber ich habe nur wenig Hoffnung." „Gott wird geben, daß ihre Antwort günstig ist." Wieder kam der schreckliche Husten und gebot ihr Schweigen. „Simeon," flüsterte sie nach einer Pause, „öffne den Kasten der Komode und gib mir die Blumen, die darin liegen." Er tat so. Er fand einen verwelkten kleinen Blumenstrauß, der von einem schmalen Band zusammengehalten war und legte ihn in ihre Hand. „Es ist das Boquet, das Du mir an unserem Hochzeitstage gabst," sagte sie leise, das einzige kostbare Andenken, das uns geblieben." Sie küßte die welken Blumen zärtlich, dann schloß sie die Augen. Simeon glaubte, sie schlief, aber sie träumte nur, träumte von den glücklichen Tagen in Rumänien, ehe die Gesetze des Landes sie zu Fremdlingen stempelten. Der Sturm heulte noch immer, der Regen plätscherte in den Straßen dieses modernen Gettos, das, als ein „Ueberbleibsel" aus dem Mittelalter, in die „Neue Welt" verpflanzt worden war. Im Zimmer herrschte Schweigen, Betty war endlich eingeschlafen. Aber Simeon schlief nicht, mit tiefgesenktem Kopf saß er da, ein Bild der Hoffnungslosigkeit, — und je weiter die Nacht vorrückte, desto mehr verzweifelte er. Das Feuer war ausgegangen, die Lampe brannte düster und die Lebenskraft der Leidenden auf dem Bett sank mit jeder Minute. Endlich kam der Morgen. Der Sturm hatte nachgelassen, und der Mann erhob sich schwerfällig, um das frugale Frühstück zu bereiten. „Betty, möchtest Du nicht ein wenig Milch trinken?" fragte er die Kranke, sich über sie beugend. Aber Betty antwortete nicht, sie schlief ruhig weiter, und der Mann eilte, sobald cs nur angängig war, in die Fabrik, um sich Antwort zu holen. Nach einer langen Unterredung mit dem Fabrikanten verließ er strahlenden Angesichts das Comptoir. Endlich hatte sich das Glück ihm zugewandt. Die Gesellschaft hatte ihm das Patent abgekauft, mit einem Schlage war er reicher, als er es je erwartet hatte. „Nun nach Hause und Betty die frohe Botschaft verkünden, war sein erster Gedanke. Sie wird vor Freude gesund werden, jubelte er innerlich. Wie ein Wahnsinniger stürzte er durch die Straßen, dort an jemand anrennend, da sich selbst stoßend, — endlich erreichte er das Haus und flog die Treppe hinauf.

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