Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · p. Seite 301

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
Seite 301 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606628--9328-9606633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 22. Israelitische Wochenschrift. Seite 301. - Die Liberalen gingen mit einer ganz unbedeutenden Stimmenmehrheit als Sieger aus dem Wahlkampfe hervor. Man hörte deshalb im Anfänge vielseitig, daß die Gewählten mit Rücksicht auf die so bedeutende Minorität und dem im Wahlprogramm gegebenen Versprechen gemäß Recht und Gerechtigkeit werden walten lassen und nicht noch ferner einen Gewissenszwang durch die Berufung eines zweiten Reformpredigers werden ausüben wollen. Aber gar zu bald zeigte sich, wie diese Hoffnung ein leerer Wahn sei, eitel und nichtig, bestätigte sichs vielmehr, daß die Gegner einig darin seien, den Fuß vollends auf den Hals der Besiegten zu setzen. Am 14. Januar 1869 war das letzte Mitglied des Berliner Rabbinats zu einem besseren Leben sanft entschlafen; ein Schlaganfall hatte dem segensreichen Leben des ehrwürdigen Elchanan Rosenstein ein Ende gemacht. Vor dem Leichenbegängnis am 17. Januar hielt Aub die Trauerrede in der Synagoge, sie war zugleich die Grabrede für die jüdische Gemeinde Berlins, soweit sie bis dahin noch in ihren Institutionen bestand. Rosenstein war tot, Aub trat nunmehr auch das Rabbinat an. Mit dem Tode des ehrwürdigen Rosenstein wurde die jüdische Gemeinde in religiöser Beziehung vollständig verwaist. Der größte Teil der neuen Gemeindevertreter, dem praktischreligiösen Leben vollständig entfremdet, hat kaum Verständnis für die Notwendigkeit, eine jüdische Gemeinde auf der Grundlage ihrer religiösen Institutionen zu konsolidieren und zu erhalten. Draußen im reichen Stadtviertel auf ihren Villen mit allen, nur nicht mit jüdischen Männern Umgang pflegend, geben sie sich gerne dem Wahne hin, es habe, wie bei ihnen, so auch überall bereits das jüdische Leben aufgehört, sei höchstens nur noch in einigen polnischen Familien anzutreffen. Nur so läßt sich die in den Annalen der jüdischen Geschichte beispiellose Rücksichtslosigkeit erklären, welche nachstehende Eingabe erfahren mußte. Es trat nämlich eine Anzahl achtbarer Gemeindemitglieder zusammen, welche sich durch die bestehenden Verhältnisse in ihrem Gewissen beeinträchtigt fühlten, um von den Gemeindebehörden Gewissensfreiheit zu fordern. Ich teile ihnen die mit zirka 1000 Unterschriften bedeckte Eingabe ihrem ganzen Wortlaute nach mit. Wohllöblicher Gemeinde-Vorstand! Infolge der letzten Wahlen sind die Gemeinde-Behörden nunmehr fast ausschließlich aus Männern zusammengesetzt, welche die weitgehendsten Reformen auf religiösem Gebiete anstreben Ermangeln wir auch solchergestalt einer genügenden Vertretung unserer Ansichten in der Gemeindeverwaltung, so kann in Religionssachen die Majorität doch nicht entscheiden, der Minorität nicht ihre Ansichten aufdrängen; es würde dies zu einem Gewissenszwangs der gewaltsamsten Art führen. Von den Männern, welche die Gemeinde-Behörden bilden, und also die Gesamtheit der Gemeindemitglieder vertreten, erwarten wir umsomehr, auch wenn sie persönlich einen andern Standpunkt einnehmen, eine unparteiische Berücksichtigung der auf Gleichberechtigung und Gewissensfreiheit gegründeten Forderung der Minorität, welche an Zahl nicht viel kleiner ist, als die zeitige Majorität' Nachdem ein Teil der Gemeindemitglieder durch Einführung eines abgeänderten Gottesdienstes in der neuen Synagoge seine Befriedigung gefunden hat, müssen wir es als ein unverletzbares Recht in Anspruch nehmen, daß auch dem anderen Teile, welcher den eingeführten Neuerungen nicht beistimmt. Genüge geschehe. Es müssen ferner diesem Teile der Gemeinde die nötigen Garantien geboten werden, daß die religiösen Zwecken gewidmeten Institutionen und die Lehranstalten der Gemeinde im Geiste und Sinne des traditionellen Judentumes geleitet werden. Es erscheint demnach als ein Gebot der Gerechtigkeit, daß die alte Synagoge für die Anhänger des historischen Judentums mit unverändertem Ritus auch fernerbestimmt bleibe; daß nicht ein Prediger, welcher den Standpunkt der entschiedenen Reform einnimmt und rabbinische Satzungen öffentlicht bekämpft, dort die Kanzel besteige und die heilige Schrift nach seinen reformierenden Ansichten, deren entschiedene Gegner seine Zuhörer sind, deute. Wohllöblicher Gemeinde-Vorstand! Der Tod hat in dem seligen Herrn Rosenstein den letzten Vertreter des traditionellen Judentums im Rabbinate hinweggerafft; wir bitten, diese schwer empfundene Lücke schleunigst auszufüllen. Wir erwarten von den Gemeindebehörden, daß sie baldmöglichst einen Rabbiner herbeirufen, welcher neben genügender Universitätsbildung gründliches talmudisches Wissen besitzt, der durch sein bisheriges Leben und Wirken es dargetan hat, daß er festhält an der überlieferten Lehre; einen Mann, dem auch die frommen Mitglieder der Gemeinde die Beaufsichtigung der religiösen Gemeinde-Institutionen und der Lehranstalten mit Vertrauen übergeben, an den sie sich in rituellen Fragen und bei Vollziehung religiöser Akte ohne Gewissenszwang wenden können; einen begabten Kanzelredner, der die Lehren der Religion verkünde in dem Geiste, wie es von dem seligen Dr. Sachs so segensreich fast 20 Jahre geschehen ist. Es kann nicht die Absicht der Gemeindebehörden sein, die Minorität zu Gunsten der zeitigen Majorität in die Stellung einer geduldeten Sekte herabzudrücken; ein Versuch in dieser Richtung würde auch nicht ohne die weitgehendsten Folgen für den Frieden und die Einheit der Gemeinde bleiben. Die an die Spitze der Gemeinde berufenen Männer werden — wir zweifeln nicht daran — die Gerechtigkeit unserer Forderungen anerkennen und sie erfüllen! Bei der in der Gemeinde herrschenden Spannung, welche zur Entscheidung drängt, dürfen wir dieser wohl in kürzester Frist entgegensetzen; die Mitteilung derselben bitten wir zu Händen des mitunterzeichneten Herrn Hermann Lachmann gelangen zu lassen. Eine mit dieser gleichlautende Eingabe überreichen wir heute der Wohllöblichen Repräsentanten-Versammlung usw. Berlin, den 19. Januar 1869." (Folgen die Unterschriften). Auf die mit ca. 1000 Unterschriften versehene Eingabe, erfolgte Monate lang keine Antwort, und erst auf erneute Erinnerung wurde ein Bescheid vom 5. Mai, welcher nichts weiter als die Aussicht auf — Verhandlungen eröffnete! Dies ist die rechte Werse der Reformpartei, die in ihrem Fanatismus uns entgegenruft: „Wir haben die Majorität, ihr müßt uns folgen. Wir haben in dem Tempel die uralten Gebete nach unserer subjektiven Auffassung geändert, wir haben die Institutionen anderer Konfessionen eingeführt, ihr müßt daran teilnehmen, oder mit Winkelsynagogen euch begnügen. Wir haben einen Rabbiner, der rabbinische Satzungen für ungültig erklärt, dennoch müßt ihr euch an ihn in religionsgesetzlichen Fragen wenden, denn wir geben euch keinen anderen; ihr müßt die unter Aufsicht stehende Schechita, so wenig Vertrauen ihr solcher auch schenken möget, euch gefallen lassen, denn wir sind die Majorität. Ihr müßt selbst in der dem traditionellen Gottesdienste überlassenen Synagoge die Predigt des unserer Richtung nngehörenden Geistlichen hören oder das Gotteshaus meiden, denn so ist es unser Wille!" (Worte aus der trefflichen Broschüre unseres Freundes L-, betitelt: „Wahrheit, Recht und Frieden", S. 6) Daß es der destruktiven, durch ein ganz besonders unglückliches Gemeindestatut mit unumschränkter Gewalt regierenden und oktroyierenden Repräsentanz Ernst damit war, den so eben näher geschilderten Fanatismus vollständig zu bewähren, zeigte sich gar bald in folgenden Tatsachen. Neben Aub wurde endlich Geiger auf lebenslänglich als Rabbiner berufen — man erlangte endlich die 2/3 Majorität für diese Wahl, indem man die rechte Zeit für eine solche Sitzung abwartete, d. h. als die sonst gegen diese Wahl stimmenden Repräsentanten auswärts in Badeorten sich aufhielten. Neben Aub und Geiger als Rabbiner wurde noch ein bis dahin ganz unbekannter Mann als Rabbinats-Assessor für die nächsten fünf Jahre berufen, nämlich Dr. Ungerleider, der in Rawitsch eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.