Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 11. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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43 lockert, dem Juden, der im Volksleben strebte und webte, der Rückhalt seines Glaubens genommen war, er über eigenes Leid und daher über den sittliehen Wert des Einzellebens nachzudenken anfing. (Fortsetzung folgt.) Litteraturbcriclit. Recensionen. Oskar Frankl. Der Jude in den deutschen Dichtungen des 15., 16., und 17. Jahrhunderts. 1905. Papauschek, Mähr. Ostrau und Hofimann, Leipzig. 144 Seiten. Dies Buch eines unbekannten Verfassers ist mir ein wahres Labsal gewesen. Ein Beurteiler freut sich auch, etwas Neues zu lesen, was weder hohl, noch langweilig ist und dabei wissenschaftlich im höchsten Maße. Offen gesagt — ich beneide den Verfasser nicht um seine Vorarbeiten. Er mußte sich durch einen Wust mittelalterlicher Bühnenstücke durcharbeiten, die ihm wenig Abwechslung bieten konnten. Auch das 17. Jahrhundert zeigt ihm wenig Erfreuliches. Kirchliche und weltliche Schwänke, Fastnachtsstücke, Mysterien der verschiedensten Verfasser und Zeiten! Der urwüchsige Butzenscheibenstil jener Zeiten ist beim besten Wjllen von unserem Geschmacke zu w׳eit entfernt, als daß wir den Gegenständen mehr als stoffliche Teilnahme entgegenbringen könnten. Und aus so vielen Werken sollen sich Be- Ziehungen zum J u den tum ergeben? In der Tat — wirstaunen darüber, wieviele jener ungeschlachten Dichtungen sich mit Juden und Judentum abgeben! Und alle in gehässigem, unduldsamem Sinne. Daß die Dichter nur selbst nicht müde wurden, immer dieselben Anklagen zu wiederholen, immer in gleicher Weise den Juden hassenswert oder lächerlich zu zeichnen! Aber sie kannten, wie Verfasser dartut, ihre Zeit und sie boten ihren Zeitgenossen das dar, was diese gern hören wollten. Und diese Dichtungen sind oft genug die Vorboten und Anreger schlimmer Auftritte, ja die Veranlassung von Mord, und Austreibung gewesen! "Wie machte es Frankl, um den gestaltlosen Riesenstoff ohne Qual für sich und seine Leser zu bewältigen? Er teilte das Ganze nach fünf Gesichtspunkten: 1 Diskussion über das Judentum, Judenfrage. 2. Verspottung und Schmähung der Juden und des Judentums. 3. Der Jude als Wucherer. 4. Der Jude als Hostienschänder und Kindermörder. Judenvertreibung. Eine schöne Musterkartei Aber Verfasser führt sein Vorhaben heldenmäßig durch. Scheinbar zuckt in seinem Innern keine Faser, wenn er sachlich und in aller Ruhe uns durch die in jenen Stücken dargestellten ״Streitgespräche“, Neckereien, Schimpfereien ohne große Abwechslung hindurchführt. Und doch ermüden wir nicht, weil er die rechte Art hat, die Hauptpunkte hervorzukehren und uns in jenen Kraftstellen zugleich den Geist jener Zeiten zu zeigen. Mögen noch soviel mal die Kirche in Gestalt Augustins und die Synagoge durch einen Archisynagogus, einen Rabbinen, ja den ״Antichrist vertreten gegen einander streiten und durch die Wucht der höchst kindliehen Gründe der Geistlichen sich das Judentum für besiegt erklären und seine Vertreter zur Taufe führen; mag noch soviele mal der Jude trotz seiner List schließlich der Geprellte sein und die Lacher gegen sich haben — wir kommen von dem Stoffe nicht los und folgen dem Verfasser gern. Dabei lernen wir auch die jüdischen Ausdrücke und die Ansichten über den Talmud kennen (z. B. die Namen von Büchern, von Traktaten der Mischna etc), die ihren Weg zu den Christen gefunden hatten und trotz der Entstel ung uns noch den Ursprung zeigen. Ein Gryphiussches Stück, das an den ״Kaufmann von Venedig“ erinnert, wird uns in geistreichem Vergleiche mit der Shakespeareschen Dichtung vorgeführt. Ja, wir lernen aus der Gesamtart dieser Dichtungen das Shakespearesche Werk, wie es vielfach, besonders von Heine, geahnt worden ist, geschichtlich nicht als Ausfluß des Hasses gegen das Judentum betrachten, vielmehr als einen Versuch, den Juden aus seinen Verhältnissen zu begreifen. Shakespeare hätte ganz andere Mittel gehabt, den Shylok dem Hasse und der Verachtung auszusetzen; im Rahmen jener Zeit betrachtet, W'0 man, wie wir hier sehen, mit so grellen Farben malte, wo es sich um Juden handelt, konnte der ״Kaufmann von Venedig“ gar nicht eine so starke Wirkung ausüben (mit seinen Vorgängern verglichen), wie es die großen Trauerspiele getan, in welchen Shakespeare ja vorhandene B hnenstücke in ihrer Wirkung ins Ungeheure gesteigert hat. Es hat sich uns beim Lesen dieses Buches noch eine Wahrnehmung aufgedrängt: Die ״Streitgespräche“ zwischen Svnagoge und Kirche, die auf die Massen zu wirken bestimmt waren, zeigen, daß gerade Volksmassen für die Erörterung reingeistiger Gegensätze eine groß9 Empfänglichkeit haben. Man verkennt die weiteren Volkskreise, wenn man glaubt, daß ihnen solche Gegenstände fernliegen. Ohne diese Voraussetzung ist die große Anzahl dieser Dichtungen nicht zu begreifen. Wie grob und ungeschlacht auch immer die Gründe und Gegengründe sein mögen — der Gegenstand von sich selbst ist nicht von dieser Welt. Eine Mahnung an die Schriftsteller aller Zeiten, sich das Volk nicht zu minderwertig vorzustellen. Noch eins! Man könnte aus dieser Masse von Dichtungen, die gegen Israel gerichtet sind, mit unseren Gegnern von einem uralten und unverwischbaren Volkstriebe zu sprechen versucht sein, der gegen das Judentum gerichtet ist. Gerade aber diese um den Glauben sich drehenden Streitigkeiten in ihrer Massigkeit beweisen, wie sehr die Geistlichkeit bestrebt war, den Gegensatz nicht der Stämme, sondern der Glaubensanschauungen dem Volke zum Bewußtsein zu bringen. Das Bestehen Israels gegen alle Weissagungen der Kirche ließ sie nicht zur Ruhe kommen, und der stets wieder unermüdlich dargestellte Sieg der Kirche zeigt, daß nicht in der Vernichtung, sondern in der Bekehrung der Juden jene Zeiten ihr höchstes Ziel sahen. Die Darstellung der dem Juden beigelegten Fehler und zugeschriebenen Verbrechen soll, wie Verfasser ganz mit Recht bemerkt, nur eine Rechtfertigung der Judenverfolgungen vor dem eigenen Gewissen der Zeit sein. Und endlich: Das Ende jener Streitgespräche, worin trotz aller Gegengründe der Juden die Kirche stets siegt, ohne daß auf des Gegners Ansichten stark eingegangen wird, zeigt uns das Recht des Stärkeren auch auf dem Gebiete des Geistes. Der äußerlich Schwächere kann sich auch da nicht Recht schaffen. So ist es bis zum heutigen Tagt־ geblieben. Wir haben noch immer den rachesüchtigen Judengott, der nur Israel liebt und die Außenwelt haßt; noch immer ist der ״Nächste, den wir lieben sollen, wTie uns selbst“ nur der Volksgenosse; noch immer kann das Heil der Welt nur in der Auflösung Israels liegen. Das sind Ansichten, die heute unsichtbar selbst die Bibel Wissenschaft, beherrschen und, wTie wir gezeigt haben, auch die Fragen der Echtheit und Unechtheit beeinflußen. Wir rühren uns und kämpfen rüstig; w׳erden wir widerlegt? Man hält es nicht der Mühe w־ert und wiederholt immer rüstig die alten Ansichten, als hätten wir gar keine Gegengründe. Ist es ist nicht schließlich dasselbe Bild, wie wir es in Frankls Darstellung, allerdings roher und urwüchsiger, :-eben? Wir sind die äußerlich Schwächeren und sind im voraus schon im Unrecht. Und wie damals die Folgen solcher Dichtungen sich gegen Bestehen und Leben der Juden kehrten, so bleibt auch heute dadurch ein Mißtrauen gegen den Geist und das Wesen des Judentums zurück, das uns ebenfalls in unserer Stellung rückwärts drängt. Zu Frankls Werk zurückkehrend, würde nur| noch seine Empfehlung nötig sein. Aber angesichts einer solchen Leistung empfiehlt sich das Werk selbst. Fis .würde den Rahmen einer Besprechung weit überschreiten, den Reichtum des Buches an zeitgeschichtlichen Zügen und seinen Wert für die Erkenntnis der Geistes- und Kunstgeschichte auch nur anzudeuten. Und noch eins: Es hat keine gelehrte Einleitung, sondern der Verfasser führt uns, wie wir Lateiner sagen, in medias res! Solche Werke, reich an Tatsachen, tief in der Anlage und arm an Redensarten dienen wahrhaft der Erkenntnis, und ohne jede Absicht der Verteidigung und Abwehr.