Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 11. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Der Pessimismus in Israel ein Seitenstück seines Optimismus. Von Dr. Lerich. zu schreiben. Aber weshalb tritt man Vermutungen über talmudische Gegenstände, die man nicht widerlegen kann, so mißtrauisch, ja, feindselig entgegen? Kaum über ein Buch wird heute mehr gesprochen, als über den Talmud. Er ist groß, edel, unübertrefflich, voll Scharfsinns — aber immer noch werden die alten Dinge, die Umrisse der Einleitung, mit demselben Ton der Offenbarung vorgetragen, "als wenn der Talmud aus nichts anderem bestände. IJebersetzungen und Sammelwerke können ihn nicht ersetzen; sie sind dankenswert, aber überheben uns nicht der Quellenforschung. Was sind das aber für Quellen? Die haben wir zunächst in den 12 Bänden des Babli, in den 4 Teilen der Jeruschalmi, in der Tossefta und den halachischen Midraschim, in den Poskim und Erklärern. Geht nun jemand daran, das Innere dieses Schrifttums, und zwar seines Werdens aus ihm selbst zu beweisen, so wird ihm zugerufen: Wir haben ja noch keinen rechten Talmudtext! Noch sind nicht alle Bibliotheken durchforscht, noch nicht alle חמירות und יתירות bezüglich der Schreibweise festgestellt, und du willst forschen? Als gäbe es heute lauter Kenner des Gesamt- Schrifttums und handelt sich nur noch darum, sich nach den Einzelheiten, die jene Entdeckungen bieten, umzusehen. Statt dessen schwindet uns die Kenntnis eben dessen, was bequem auf unseren Bücherbrettern steht, und wir warten, bis wir erfahren haben, ob diese oder jene Stelle hier oder dort steht oder nicht steht, bis wir die Zeichen < + > für jedes Tüpfelchen des Jod werden stehen haben. Und wenn wir es haben werden, werden uns diese Entdeckungen dann wesentlich mehr bieten, als wir jetzt finden können? Nein und tausendmal nein! Nach meiner Erfahrung sind und bleiben das zwar wünschenswerte Dinge, aber sie treten erst in zweiter Linie auf, wenn wir für die Hauptsache gesorgt haben. Also reden wir nicht von einer talmudischen Wissenschaft oder vom Eifer für dieselbe, so lange die Freude an der Erörterung, an der Erweiterung des Bekannten, am Hervorkehren und Bewältigen des scheinbar Gestaltlosen uns nicht innewohnt. Wir müssen recht Großes darin beginnen, und wer es beginnt, wer recht dreist zufaßt, ohne viel zu fragen and sich mit Winzigkeiten abzugeben, der muß gefördert und unterstützt werden. Zu lernen haben wir alle; Fehler bleiben nicht aus. Der schlimmste Fehler ist aber der, daß man — keine begehen kann, weil man nicht zugreift. Also: Vermutungen sind noch nicht haltlos, wenn sie auch nicht von höchster Stelle ausgehen. Sie müssen geäußert, müssen ausgesprochen werden, um widerlegt oder bestätigt werden zu können. Bestätigen sie sich nicht — dann ist die Arbeit, sie zu beseitigen (aber mit Beweisen) immer noch besser, als diese scheinbar beschäftigungsreiche Friedhofsruhe, wobei alles begraben wird. Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. (Fortsetzung.) Gleich andern Völkern war auch bei Israel, solange es sich im Strome des Werdens, der Ent- Wicklung befand, solange in der integrierenden Volkseinheit die Idee zum Ausdruck kam, alle Kräfte des einzelnen in sich aufsaugend, kein Platz für Personliches, Individuelles. Den Propheten kommt nur das Volksganze in seinen wechselreichen Geschicken und Schicksalen in betracht; aus ihnen spricht die Allgern einheit und ihr vollendetes Vorbild, Gott; private Lebenserfahrungen und berufliche Tätigkeit werden nur herangezogen, um das Erhabene, das sie erfaßt, zu veranschaulichen. Das kleine Alltägliche wird aus seiner trivialen Langweile herausgehoben, um das Große, das winzige Geister jederzeit so gern in Abrede stellen, zu vergegenwärtigen, festzuhalten. Denn der Hintergrund des wichtigen und unwichtigen, des wesentlichen und unwesentlichen ist Gott; er offenbart sich im kleinen wie im großen. Wie konnten sich aber auch die Propheten der Betrach־ tung des Einzelschicksals hingeben, da im Gesichte des Urbildes die Zeiten in endloser Reihe einstürmen, die Völkerscharen vor ihrem geistigen Auge vorbeiziehen. Da gibt es kein Stehenbleiben. Jeder Tag bringt neues und großes und reißt sie mit sich fort. Was bedeuten Glück und Unglück des Einzelnen im Leben der Geschichte! In dieser gibt es nur eine Idee, nach welcher die Völker und Menschen, soweit sie diese personifizieren, in Gerechte und Ungerechte eingeteilt werden. Hier konnte nur das Volksganze gewürdigt werden. Wohl machte sich bei dem einen und andern Propheten der Schmerz über persönliche Erfahrungen geltend, so bei Jeremia; aber nie versteigt er sich dazu, die ewige Gerechtigkeit anzuklagen. Wie konnte er auch, er, der so tief für sein Volk empfunden, diese Idee, den Grundpfeiler der jüdischen Religion, des jüdischen Volkes in Frage ziehen? Von Arnos bis Jesaia II wird die Idee der Gerechtigkeit als Charakteristikum des einheitlichen Willen Gottes dem Volk als Spiegel seiner Volkseinheit und Einigkeit vorgehalten gegenüber den störenden Einflüssen und Orgien des Baalkultus. Den Propheten ist die Einheit Israels in dieser Idee gegeben ״die Rückkehrenden werden durch Gerechtigkeit erlöst“. Jerusalem, einst wahrhaftig gerecht, wird die Residenz des jüdischen Volkes. Dazu kommt, daß man bei der Geltendmachung des Begriffs ״Gerechtigkeit“ auf das Volksganze das Ausbleiben dieses seitens Gottes aus mannigfachen Gründen erklären konnte, beziehungsweise entschuldigen, und daß das Leid des Volksganzen von diesem nicht so intensiv gefühlt wird, wie von dem Einzelnen. In Gemeinschaft Leiden erhöht sogar das Gefühl des Einzelnen, stärkt sein Bewußtsein. Nichts aber wird so schwer empfunden, als jenes bittere Gefühl des Vereinsamtseins im Unglück. So kam es, daß man, nachdem die Volkseinheit durch die Exilierung ge-