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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · p. Seite 300

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
Seite 300 (sequence 4)
Language
German
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Seite: 300. Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. Erde getrieben wurde und gegen die Vergewaltigung der Geringen und Schwachen. Die Lehre Israels mahnte: „Fremdlinge bedrücket nicht." Die Völker hörten die Botschaft von dem einen Recht und dem einen Gesetz, das gelten soll für alle, hörten die Forderung der Schonung und Milde, selbst für die Tiere, haben sie diese Gebote beherzigt? Der Genius der Menschheit muß beschämt sein Antlitz verhüllen ob der furchtbaren Greuel, denen unsre russischen Brüder erst jüngst wieder zum Opfer gefallen sind, ob der unerhörten Grausamkeiten, die da bekunden, wieviel Kulturarbeit die Thora an den Völkern noch zu vollbringen hat. Männer und Jünglinge hat man erschlagen, Frauen und Jungfrauen hat man geschändet, der Kinder und Greise hat man nicht geschont. Freilich konnte man aus den flammenden Protestworten jener begnadeten Dichter, die ihre Feder in den Dienst der Menschlichkeit und Bruderliebe stellten, biblisch gestimmte Töne heraushören und unwillkürlich drängte sich uns die Empfindung auf, daß die herrlichen Sätze jener modernen Heroen der Humanität im letzten Sinn doch nur die Früchte sind, die aus biblischen Samenkörnern herausgewachsen waren. So ist unsre Thora das Grundbuch für alle Tugend auf Erden geworden. Wie ein segenbringender Strom durchzog es die Fluren des Völkerlebens, vom Lande des Jordans nach allen Richtungen der Windrose, ein Wanderbuch wie kein zweites. Wanderbuch aber auch in dem Sinne, daß es unzähligen Menschen auf ihrer Pilgerfahrt durchs Erdental ein treuer Begleiter geworden ist. Wanderbuch und Wunderbuch! Wunderbuch nicht wegen der wunderbaren Gottcswaltungen, von denen seine Blätter erzählen, sondern wegen der großen Wunder, die es selber gewirkt hat und noch wirkt auf bekümmerte Gemüter als eine unerschöpfliche Quelle der Beseligung und der Tröstung. Nicht des Wortspieles wegen, nennen wir dies Wunderbuch das Bundesbuch Israels und der ganzen Menschheit. Schätzen wir die Lehre des Ewigen in diesem Sinne, da können wir über ihren Kern nicht zweifelhaft sein, dann ist der Thora Zweck und Ziel, den großen Menschheitsbund der Liebe anzubahnen, zu dem nur ein Weg führt, die Erfüllung des Wortes: „Seid heilig!" Die Heiligkeit, die unsre Schrift verlangt, gipfelt nicht in trüber Weltflucht, bekundet sich nicht in der kopfhängerischen Abkehr vom Leben. Nicht in erimitenhafter Einsamkeit, sondern mitten im Verkehr mit den Menschen ist die Krone der Heiligkeit im Geiste der Thora durch die treue Befolgung ihrer Vorschriften zu gewinnen. Ihre Gesetze setzen nicht leidenschaftslose Himmelsgeister voraus, sondern leibhaftige Wesen von Fleisch und Blut. Nichts unmögliches und für die Menschennatur unerreichbares wird hier verlangt. Wie lehrreich ist die Legende der Weisen. Als Mose im Himmel die Thora in Empfang nehmen wollte, da wehrten ihm die himmlischen Scharen den Zutritt. Der Erdensohn sollte das herrlichste Kleinod der Engelchöre nicht entführen. Doch Israels Fürsprecher verstummte auch vor den Bewohnern der Höhe nicht. Wie, ihr wollet uns Menschen die Thora mißgönnen? Legt doch jedes ihrer Worte Zeugnis ab, daß sie für uns geschrieben ist. Kann euch, die ihr euch labet am Strahlenglanz des Höchsten je die Neigung zum Götzendienst komryen. Wozu also für euch die beiden ersten Worte d«r Gottesbotschaft vom Sinai? Lebt ihr in Streit und Hader, daß ihr der Warnung benötigt, den Falscheid zu meiden, kennt ihr des Lebens Nöte und Leiden, daß ihr auf die Segnungen eines Ruhetages hingewiesen werden müßtet, habt ihr Vater und Mutter, daß man euch predigen müßte, sie zu verehren, durchwogen euch wilde Leidenschaften, daß ihr je in die Gefahr kommen könntet euch gegen die Satzungen zu vergehen, die mit göttlichen Finger auf der zweiten Gesetzestafel eingegraben wurden?" Unsre Thora ist eine Lehre für Menschen, sie kennt die menschliche Natur und rechnet mit ihr. Darum ist sie der beste Lehrmeister und Führer im Streben nach Läuterung und Lebensheiligung. Alle ihre Vorschriften bezwecken, uns zu edlen Menschen zu erziehen, i Möge unser Leben bezeugen, daß die Thora ihre Erziehungsaufgabe an uns nicht verfehlt hat, auf daß die Völker uns zurufen dürfen die Worte des Propheten Djb wpba thipo i*opn 'n rsro cnw Ihr könnet Priester des Ewigen genannt werden, als Dienern Gottes darf man euch huldigen. Die RabbinerwaDI in Berlin (Schluß.) Ich muß hier einer Broschüre gedenken, welche kurz vor der Wahl erschien, von einem gewissen Heppner geschrieben. Es ist derselbe, der jetzt im Dienste des „Volksstaates" in Leipzig steht und vor einiger Zeit in den Zeitungen von sich reden gemacht hat, weil die preußische Regierung vergebens seine Auslieferung gefordert hat. Heppner bemüht sich in jeder Broschüre, mitunter in ziemlich drastischer Weise, für die Wahl Geigers eifrig Propaganda zu machen. Je mehr der Ton dieser Schrift geeignet war, größerer Verbreitung den mißliebigsten Eindruck zu üben und gerade das Gegenteil hervorzurufen von dem, was sie eigentlich bezwecken wollte, desto mehr beeilten sich die Spitzen der sogenannten Liberalen, die ganze Auflage der Schrift anzukaufen und noch am Vorabend der Wahl in die Stampsmühle wandern zu lassen. Einige Exemplare sind abex glücklich gerettet worden; zwei derselben sind in meinen Besitz übergegangen, und ich bin daher imstande, ihnen einiges hieraus'mitzuteilen. Heppner mahnt an die große Wichtigkeit dieser Wahl, weil es jetzt vorzüglich darauf ankomme — ich zitiere wörtlich aus der Schrift — „endlich die schon so oft vergebens angestrebte Wahl-Geigers durchzusetzen. Denn man braucht einen Mann, der nicht bloß freisinnig ist der Theorie nach, sondern auch in der Praxis, einen Mann, der durch sein eigenes Leben zeige, wie man Jude sein könne, ohne sein Menschentum darum zu opfern. In seinem Epoche machenden Werke „Urschrift und Uebersetzungen der Bibel" hat er unter Benutzung der früher von christlicher Seite gemachten biblischen Forschungen nachgewiesen, daß die sogenannten fünf Bücher Mosis keineswegs vollständig aus einem Gusse seien, sondern daß an dem ursprünglichen Werke tausend unnütze Hände gepfuscht haben. Daß Geiger nun, nachdem er die Autorität der Bibel bekämpft hatte, auch die relative Bedeutung des Talmuds betonte, versteht sich von selbst und ist aus den in den verschiedenen Jahrgängen der erwähnten Zeitschrift enthaltenen „bibelkritischen und talmudischen Miseellen" ersichtlich, wie aus seinen praktischen, reformatorischen Bestrebungen. Daß Geiger in der Praxis nicht vollständig seiner Theorie nachkommt, daß er also die Reform nicht so weit ausdehnt, wie man von seinen Anschauungen erwarten sollte, das kommt daher, daß er, wie jeder vernünftige Reformator, nicht alles auf einmal über den Haufen stürzen will, sondern den Gewohnheiten und Bedürfnissen der Zeit billige Rechnung trägt und die Reformation schrittweise vollzieht. In dieser Beziehung muß man einen kleinen Unterschied machen zwischen dem praktischen Rabbiner Geiger und dem theoretischen Gelehrten Geiger." Sie werden an dieser Probe sattsam erkennen, wie Heppner richtig und getreu den modernen Leon de Modena konterfeit hat.

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