Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 290 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 290. Israelitische Wochenschrift. dir. 21. vie Politik. Die Andenhetze in SchiLomir. Die Mitteilung des russischen „Regierungsboten" über die Judenhetze in Schitomir erinnert in allen Teilen an die „Aufklärungen," die Herr v. Plehwe bei derartigen Fällen zu geben pflegte. Die Mitteilung konstatiert vor allem, daß die Zahl der Opfer bei den Unruhen eine verhältnismäßig geringe war. Der Begriff „gering" ist natürlich sehr variabel. Wenn man aber bedenkt, daß es in der offiziellen Meldung heißt, es seien 15 Juden getötet und 81 verwundet worden (gegenüber 3 bei der Abwehr seitens der Juden getöteten und 8 verwundeten Christen), und daß man heute noch hinzufügt, in Trojanowo habe man weitere zehn Israeliten erschlagen (nach einem Reuter- Telegramm beträgt die Zahl der toten und verwundeten Juden 130), so muß man schon den Wert von Menschenleben sehr niedrig einschätzen, um diese Zahlen als gering zu bezeichnen. Wenn es ferner heißt, das Ministermm des- Innern habe eine Reihe von Berichten über die von den Juden gegen Christen verübten Beleidigungen erhalten, so wird man sich mit Recht sehr skeptisch diesen Berichten gegenüber verhalten dürfen, da man zuerst die Glaubwürdigkeit der Quellen feststellen und ihre Richtigkeit genau prüfen muß. Wenn das aber auch der Fall gewesen sein soll, so hat doch jeder Christ die Möglichkeit, den Juden, welcher ihn beleidigt hat, zur Verantwortung zu ziehen. Wie kann aber eine Regierung auf Grund von Beleidigungen auf der Straße das Morden und Plündern von Menschen, die mit diesen Sachen nichts zu tun gehabt haben, rechtfertigen wollen? Sollte es auch wahr sein, daß einzelne jüdische Revolutionäre das Bild des Zaren als Zielscheibe bei ihren Schießübungen verwendeten, so ist es Sache der betreffenden Regierungsbehörden, diese Majestätsbeleidigung zu bestrafen. Was hat aber der Straßenpöbel damit zu tun, seit wann legt der Staat seine Gewalt in die Hände von betrunkenen Mördern und Dieben? Diese Motivierung des Blutvergießens durch Verletzung der Gefühle des Volkes hätte noch einen gewiffen Sinn, wenn zu Opfern der Judenhetze eben diese Revolutionäre geworden wären. Davon rst aber auch mit keiner Silbe die Rede. Im Gegenteil, die traurige Praxis der Juden- und Armenierhetzen in Rußland beweist stets, daß der Pöbel immer wegläuft, wenn er auf bewaffneten Widerstand stößt, und stets Wehrlose tötet und plündert. Indem der Staat diesen Leuten die Funktionen überträgt, die zu seinen elementarsten Pflichten gehören, nämlich Schutz der Bürger vor Beleidigungen, Achtung vor dem Staatsoberhaupt u. s. w., eröffnet er ja selbst der Anarchie eine freie Bahn, da er somit seine vollkommene Machtlosigkeit eingesteht und seine Autorität selbst am sichersten untergräbt. Ebenso pharisäisch klingt die Mahnung an die Mitglieder der jüdischen Gemeinden, ihren revolutionären Glaubensgenossen entgegenzutreten. Wie sollten sie das tun können, und auf welche Weise tonnten die regierungstreuen Israeliten die revolutionären Juden beeinflussen? Mit demselben Recht könnte man z. B. die rechtgläubigen Einwohner der Stadt Ufa dafür verantwortlich machen, daß aus ihren Reihen Sasonow, der Plehwe getötet hat, hervorgegangen ist. Diese Mitteilung der Regierung kann nicht über die wahre Sachlage hinwegtäuschen. Seit Wochen brachten die verschiedensten russischen Zeitungen Aufrufe zum Abdruck, die von „patriotischen" Kreisen ausgngen und zum Totschlägen von Juden, Studenten, Armeniern u. s. w. aufforderten, weil sie die Revolution machen. Diese Aufrufe wurden massenhaft verbreitet und haben in Schitomir wie in einigen Städten der Krim ihre Wirkung nicht verfehlt. Und wenn die Zahl der Opfer wirklich geringer war als z. B. seinerzeit in Kischinew, so geschah es nur deshalb, weil die Juden, wenigstens zum Teil, bewaffnet waren, durchaus aber nicht dank den Bemühungen der Regierungsorgane. * * * Die Andenhetze in Schitomir ist bereits zwei Wochen vorher durch Aufrufe an die christliche Bevölkerung vorbereitet worden. Als solche antisemitischen Proklamationen, die darauf abzielten, die Leidenschaften des Volkes zu erregen, den Juden zu Gesichte kamen, wandte sich eine Deputation der jüdischen gebildeten Stände an den Magistrat und die Administrationsbehörden, denen sie diese Proklamationen zeigten. Von beiden Seiten jedoch erhielt sie die Antwort, daß man Aehnlichem keinen Wert beilegen dürfe. Die Verluste der Juden bei der Hetze in Melitops übersteigen 150 000 Rubel. Im Flecken Dußjaty ist eme Untersuchung der Judenhetze eingeleitel worden. Nach verschiedenen Zeugenaussagen ist die Judenhetze ein Machwerk des „Schwarzen Hundert," wie man die Organisation der Strolche nennt, die sich in den Dienst der Neaküon stellen und von der Polizei aus verschiedenen Orten angeworben, zum mindesten zu ihrer Tätigkeit ermuntert worden sind. ' Verschiedene dunkle Ehrenmänner haben Zeit gefunden, sich aus dem Staube zu machen. Die Verluste der Juden erreichen die Höhe von 100 000 Rubeln. Der kleine Flecken mit einer unbedeutenden Einwohnerzahl ist ganz verwüstet. Von den vielen Fällen äußerster Grausamkeit sei hier einer vermerkt: Auf dem Balkon des Hauses eines Herrn Baron hatten sich mehrere Glieder der Familie versammelt, um mit Steinen und Revolvern den Plünderern Widerstand zu leisten. Diese griffen zu einer List. Ein Teil von ihnen wandte sich zur Hintertür, so daß die Angegriffenen sich ins Innere des Hauses zurückziehen mußten. Unterdeffen drang der auf der Straße zurückgebliebene Haufen über den Balkon in die Zimmer, wo die sich zur Wehr setzenden Juden umzingelt wurden. Der kräftigste Mann unter ihnen wurde verwundet. Die Angreifer warfen seinen Körper über den Balkon auf die Straße, wo die Menge ihm mit einem Beil den Kopf abhackte. Das Haupt der Familie, ein 70 jähriger Greis und zwei seiner Söhne wurden am Halse und am Kopf verwundet. Ihr Leben schwebt in Gefahr. Ein dritter Sohn kam mit einer leichteren Wunde davon. Den übrigen gelang es durch die Fenster zu flüchten. Die Pergamentröllchen des Pentateuch an den Türen des Baronschen Hauses wurden in Stücke zerrissen. In Kaluga wies der Abgeordnete Nowossilzow in der Gouvernementsversammlung der Semstwo darauf hin, daß die ofsiziösen „Kalugaer Gouvernements-Wjedomosti" (das amtliche Gouvernementsblatt) sich in den Dienst des „Schwarzen Hunderts" stelle, indem es in jeder Nummer das Volk gegen die gebildeten Stände aufhetze. In Anbetracht des bevorstehenden Kampfes mit der Cholera, den die Gebildeten in den Dörfern zu leisten haben werden, beschloß die Semstwo-Versammlung, den Gouverneur zu bitten, einen Aufruf zu erlassen, um dem Volke zu erklären, daß die gebildeten Stände nicht Vaterlandsfeinde seien sondern für das Wohl des Volkes wirkten. * * Ueber die in Wetitopol, Honvernement Kaurien, stattgehavte Indenhetze wird der „Fr. Ztg." berichtet: Schon zwei Wochen vor dem Ausbruch der Unruhen war die Polizei in Melitopol seitens der Polizei in Jalta von den Absichten der Anführer unterrichtet worden. Letztere hatte nämlich bei Verhafteten unter anderen Papieren ein vollständiges