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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · p. Seite 289

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 289 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 21. Israelitische Wochenschrift. Seite 289. mußt du, wenn mein Gebet für dich wirksam sein soll, mit deinem Munde mir erzählen, was dir widerfahren ist." „Wenn sich die Sache so verhält," antwortete erleichternd aufatmend der Chassid, „will ich Euch alles gern erzählen: „Ich war mit einem Mädchen verlobt, das meine Eltern für mich erkoren hatten. Als ich am Hochzeitstage vor der Trauung meine Verlobte zum ersten Male zu Gesicht bekam, ergriff mich ein fürchterliches Entsetzen, und eine innere Stimme sagte mir: Diese hier darf niemals deine Gattin sein! Ohne mich lange zu besinnen (ich bewundere noch jetzt den Mut, den ich damals hatte), verließ ich die Kalle, die Hochzeitsgäste und floh in eine fremde Gegend, wo ich nach einiger Zeit eine Braut fand, die mir gefiel und die ich gleich darauf heiratete. Seit jener Zeit aber, d. h. seit meiner Verheiratung, verfolgt mich das Bild meiner ersten Braut, und ich höre in einem fort eine kreischende Stimme, die mir zuruft: „Elender! du hast mich verlassen, du wolltest 'mich nicht ehelichen, so wisse, daß ich vor Gram und Schande, gestorben bin. Nun aber, Mörder meiner Jugend, folge mir ins Jenseits und rechtfertige dich vor dem himmlischen Gericht." Diese Worte höre ich bei Tag und Nacht, ob ich wache oder schlafe, und auch jetzt, während ich mit Euch spreche, vernehme ich diese Laute, sehe ich das gräßliche, mich verfolgende Bild. O, helfet mir, Rabbi, befreit mich von dieser Qual!" Der Rabbi versank in tiefes Nachdenken, während der Hilfesuchende, auf ein erlösendes Wort des Rabbi harrend, zitternd wie ein Bild des Jammers dastand und in sich zu^ sammen zu brechen drohte.'' Nach einigen Minuten unheimlichen Schweigens ergriff der Rabbi die Hand des Chassid und sprach: „Geh', mein Sohn, und bitte deine ehemalige Braut um Verzeihung. In acht Tagen ist hier ein großer Jahrmarkt; auf dem Markt wirst du sie sehen — ich werde schon dafür sorgen. Nur mußt du alles tun, was sie von dir fordern wird, dann wird sie dir verzeihen, und Ruhe und Frieden werden in dein Herz wieder einkehren. Geh', und Gott mit dir!" Die mit solcher Bestimmtheit gesprochenen Worte des Bal Schem verfehlten nicht ihre Wirkung. Beruhigt und von frischem Mut belebt, verließ der Chassid den Rabbi und wartete ruhig den Jahrmarkt ab. Als der ersehnte Tag angebrochen war, verrichtete er inbrünstig das Morgengebet und begab sich alsdann auf den Marktplatz, wo er seine ehemalige Braut zu treffen hoffte. Er durchstreifte mehrere Male den Marktplatz, blieb vor jeder Bude stehen, blickte jeder vorübergehenden Frauensperson ins Gesicht, durchquerte wiederholt alle für die Händler bestimmten Plätze, doch vergebens! Die er suchte, fand er nicht. Enttäuscht und entmutigt wollte er schon den Heimweg antreten, als plötzlich eine in ein graues, wollnes Tuch gehüllte Frauensperson an ihn herankam, mit stierem Blick ihm in die Augen schaute und alsdann mit kreischender Stimme sprach: „Endlich habe ich dich wieder, mein lieber Chossen, oh! das ist herrlich, nun können wir uns vereinigen!" Vor jähem Schrecken entsetzt, war unser Chassid nicht mächtig auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen und trat, als wollte er sich vor der geisterhaften Gestalt schützen, einige Schritte zurück. „So, so," kreischte die Gestalt, während ihre Augen vor Zorn wie Feuer funkelten, „so, so, auch jetzt noch fliehst du mich, auch jetzt noch läufst du von mir fort! So lauf' doch, flieh' nur — deine Stunde naht!" — Da erinnerte sich der Chassid an die Worte des Rabbi und fühlte sich plötzlich von frischem Mute belebt. Entschlossen näherte er sich der Frauengestalt und bat sie flehentlich, ihm ' die ihr zugefügte Unbill doch zu verzeihen und ihre Verfolgungen einzustellen. — j „Du verdienst es eigentlich nicht," erwiderte die Frau . ernst und bestimmt, — „Aug' um Auge, Zahn um Zahn,! lautet unser Gesetz. Doch der Bal Schem hat kraft seines Gebetes das Verhängnis von dir abgewandt. Nun gut, ich will dir verzeihen, aber unter der Bedingung, daß du dich sofort zum Rabbi begibst und ihm die erforderlichen Mittel für die Mitgrft und Aussteuer seiner Tochter, die er jetzt verheiraten will, einhändigest. Beeile dich, geh' gerade aus und schau' dich nicht um — — ich habe dir nun verziehen!" --- Mehr tot als lebendig stürzte der so Angeredete von dannen und begab sich zum Rabbi, dem er freudigen Herzens eine Summe Geldes überreichte und ihn inständigst bat, auch ferner seine schützende Hand über ihn zu halten. Der Rabbi aber segnete ihn und sprach: „Gott erhalte dir deinen Glauben, denn der Glaube macht selig." — Ausruf au dir jüdischr« Fruur« »ud Mädchen. Tausende unserer unglücklichen Glaubensbrüder im Osten sind gezwungen auszuwandern. Eine große Hilfsaktion für die Elendesten der Elenden ist eingeleitet. Der „jüdische Frauenbund" richtet an alle jüdische Frauen und Mädchen die herzliche Bitte, dieses Hilsswerk durch Sammeln von Kleidern und Wäsche nachhaltig zu unterstützen Das Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten hat nachstehende Städte als Sammelstellen angegeben; es ist zu erwarten, daß sie fleißig benutzt werden und die geschickten Gegenstände auch zweckentsprechend sind Annahmestellen sind: Aachen: Herr Rabbiner Dr. Jaulus. Berlin: Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten, Lützowstr. 8. Bremen: „Gepäckhalle des Nordd. Lloyd für das Jüdische Hilfskomitee" unter gleichzeitiger Mitteilung an den Vorsitzenden des Bremer Komitees für hilfsbedürftige durchreisende Juden, Herrn Rabbiner Dr. Rosenak Breslau: Herr Professor Badt Frankfurt a. M.: Israelitischer Frauenvercin. Hamburg: Herr Paul Laskar, bahnlagernd. Kattowii;: Herr Rabbiner Dr Cohn. MySlowit;: Herr Rabbiner Dr. Norden. Posen: Frau Lea Calvary. Soldau-Ostpreußen: Herr I. Bütow und 'Rabbiner Pessen. Stettin: Herr Gustav Levy und Frau Rabbiner Dr. Vogelstein. Jüdischer Frauenbund. 1. Vorsitzende 2. Vorsitzende Bertha Pappenheim Sidonie Werner Frankfurt a. M. Hamburg Schriftführerin Henriette May, Berlin. vencvtigung. Herr Provinzialrabbiner Dr. Cahn in Fulda behauptet in seiner Erklärung vom 8. Mai 1905, daß ich und noch ein anderer, nicht namhaft gemachter Teilnehmer an der Berliner Versammlung vom 30./31. August 1903 ihm dort gesagt hätten, der Antrag, Dr. Maybaum und Dr. Ungerleider als Vertreter des Rabbiner Verbundes in die Schächtkommission zu wählen, sei zurückgezogen worden. Da ich von verschiedenen Seiten in dieser Angelegenheit interpelliert worden bin, so erklü e ich hiermit, daß ich mich an die Einzelheiten der Verhandlungen, die vor mehr als 111/2 Jahren stattgefunden haben, nicht erinnern und mich auch nicht daraus besinnen kann, die erwähnte Aeußerung getan zu haben. München, 21. Mai 1905. Rabbiner Tr. Werner.

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