Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 288 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 288 Israelitische Wochenschrift. Nr. 21. die Zeck einer Neuwahl der Gemeinde-Repräsentanz näher j gerückt. Man begreift, daß, je gespannter die Blicke auf die Neuwahl der Gemeindevertreter am Schluffe des Jahres 1868 gerichtet waren, desto eher und desto mehr die geeignetsten Vorbereitungen für den bevorstehenden Wahlkampf getroffen wurden. Man fühlte es, daß noch nie die Ergänzungswahlen unter ernsteren Verhältnissen vorgenommen seien. Während früher Prinzipien in den Vordergrund traten, lagen jetzt vollendete > Tatsachen vor, die sich zumeist in den drei Jahren entwickelt hatten, denn aus den Zusagen von damals war etwas ganz anderes und grundverschiedenes geworden. Als vollbrachte Tatsache betonte das Begleitschreiben zur Kandidaten-Liste, wie solche aus der am 17. November 1868 stattgehabten Versammlung hervorgegangen: „Ein Prediger und Rabbiner ist berufen, die neue Synagoge dem Gebrauch übergeben und ein neuer Ritus daselbst eingeführt worden. Während aber", heißt es in jenem-Schreiben weiter, „dem Verlangen eines Teils der Gemeinde vollauf Gewährung geworden, harrt ein großer Teil derselben noch immer der Erfüllung seiner gerechten und billigen Wünsche. Wohl hat man in der alten Synagoge, ohne alle Gewähr für die Zukunft, die vor 13 Jahren in dieselbe eingeführte Gebetordnung belassen, aber die Belehrung von der Kanzel nicht so erteilt, wie sie den religiösen Gefühlen der ständigen Besucher des ehrwürdigen Gotteshauses entsprechen konnte, entsprechen mußte. Doch wir wollen kaum vernarbte Wunden nicht wieder aufreißen, wohl aber mit Fug und Recht daran erinnern, daß der ältere Gemeindebeschluß, wonach zwei Rabbiner und Prediger berufen werden sollen, noch immer unausgeführt ist. Allerdings sind seit zwei Jahren Schritte zur Verwirklichung dieses Beschlusses geschehen, und wir danken es nur dem guten Sinne und der lieberzeugungstreue eines Teils unserer Repräsentanten, daß diese Verwirklichung nicht in einer Weise erfolgt ist, welche die Auflösung unserer bald zwei Jahrhunderte blühenden Gemeinde zur Folge gehabt hätte. — Gewiß haben die verschiedenen Parteien das eine große Interesse, die Gemeinde zusammen zu halten, sie ferner stark und groß werden zu sehen. Das aber kann unseres Erachtens nur geschehen, wenn das dem einen Teile bereits gewordene Recht auch dem andern nach gleichem Maße zuteil wird. Das setzt voraus, daß der zu berufende zweite Prediger und Rabbiner nicht der Vorkämpfer der weitestgehenden Reformen sei, sondern daß er in Wort und Tat das historischpositive Judentum lehre, und die Gemeinde auch klar erkenne, daß derselbe nicht erst seit gestern und heute, sondern immerdar ihm Ziel und Richtschnur gewesen ist. Der Reform der Wissenschaft, dem Zuge der Zeit sind wir so ergeben, wie irgend einer, der sich dessen vielleicht rühmen mag; aber wir wissen auch, was wir dem einigenden Bande schulden, welches alle Juden des Erdballs zusammenhält, und sie berechtigt, neben ihrer Stellung als Staatsbürger sich in ihrer Religionsgemeinde als Glieder der gesamten Judenhelt zu bezeichnen. — Wohl ist unsere Stadt durch das Synagogen-Gebäude in der Oranienburgcrstraße um einen Schönbau reicher geworden, aber mit welcher die Kräfte unserer Gemeinde übersteigenden Kostenlast! Noch weiß die Gemeinde nicht einmal, wie hoch die an sich gewiß gewaltigen Kosten dieses Prachtgebäudes sich belaufen. Das aber fühlen und wissen wir alle, daß der zu splendiden Verwendung des Gemeindevermögens endlich ein Ziel gesetzt werden muß, damit Ordnung und Sparsamkeit, ohne Verkürzung berechtigter Forderungen und Ansprüche, wiederum Regel und Vorschrift werde. Die Gemeinde, welche früher keine Schulden einzugehen brauchte, steht, abgesehen j von der Synagogenbau-Anleihe, tief verschuldet da, ihr Grundbesitz ist mit Hypotheken belastet, milde Stiftungen mußten, ohne Nötigung, sich zu Geldoperationen hergeben, und die Steuerschraube scheint endlos werden zu wollen." —- Nun sollen Sie auch aus dem Programm der liberal sich nennenden Partei — in Wahrheit aber den ungerechtesten Zwang ausübend — einige Sätze kennen lernen. „Wir wollen den Frieden in der Gemeinde", heißt es in dem betreffenden Rund- > schreiben, „und glauben ihn am sichersten dadurch zu erreichen, daß wir auf dem betretenen Pfade mit Mäßigung vorschreiten. Die alten Institutionen bestehen neben den neuen unangetastet und sie sollen nicht angetastet werden, es ist nie der Versuch dazu gemacht worden." Noch nie aber ist ein öffentlich gegebenes Versprechen, so heilig und teuer in seinem Inhalt, so treulos gebrochen worden, wie cs hier unter der Devise des Fortschritts geschehen ist. (Fortsetzung folgt.) 6ro$$mutter$ GcscbicMen. Von Albert Kat;. „Die Geschichte, mein Kind, die ich dir heute erzählen will,'" sagte meine Großmutter, „hat meine Mutter mir erzählt, und sie hat diese Geschichte von ihrer Mutter gehört. Es ist also kein erdichtetes Märchen, sondern eine wahre Begebenheit. Hör' nur aufmerksam zu! In Durackenfels, einer kleiner Stadt in Ruffisch-Polen, lebte vor ungefähr ‘ hundert Jahren ein frommer Mann, der wegen der von ihm bewirkten Wundertaten weit und breit als Wunderrabbi bekannt war und „Bal Schem" genannt wurde. Viele Tausende Männer und Frauen aus nah und fern unternahmen häufig Pilgerfahrten nach Durackenfels, um sich von ihrem „Zadick," auf dessen Gesicht, wie es allgemein hieß, die Schechinah *) ruhte, segnen zu lassen oder seinen Rat einzuholen. Eines Tages erschien bei ihm ein Mann aus einer kernen Gegend und sprach ihn also an: „Heiliger Rabbi! Gott hat mich gar sehr gestraft, und seine Strafe verfolgt mich unablässig. Nur in Eurer Macht steht es, mir zu helfen, mich von meinen Qualen zu befreien, und ich lasse nicht von Euch bis Ihr mir geholfen habt." „Was ist dir widerfahren?" fragte der Rabbi mitleidsvoll, was fehlt dir?" „Was mir widerfahren ist, was mir fehlte" schluchzte der Gläubige, „Gott schütze Euch und alle Juden. vor Schmerzen und Leiden wie die, welche mich bedrücken. Ich bin stärker als Eisen, daß ich nicht an der Wunde meines Herzens verblute. O rettet mich, großer Rabbi, steht mir bei in meiner Not, in meinem Unglück!" „So erzähle doch endlich", fuhr ihn der Bal Schem ein wenig barsch an, was dich bedrückt " „So, so," erwiderte etwas kleinlaut aber doch mit merklichem Erstaunen der Hilfesuchende, „ich soll Euch erzählen, was mir fehlt, was mich bedrückt, als ob Ihr das alles nicht schon wüßtet, als ob meine Leiden Euch verborgen wären. Ihr schemt zu zweifeln, ob ich an Euch glaube. Ich aber schwöre Euch bei Allem, was mir heilig ist, daß ich noch nie an dem heiligen Geist, der Euch beseelt, gezweifelt, daß ich vielmehr von dem Glauben durchdrungen bin, daß Ihr wisset, was mich quält, und darum bitte ich Euch: „Helfet mir!" „Ja, ja, mein Kind," begütigte ihn der Rabbi holdselig lächelnd, „wohl ist es wahr, was du von mir glaubst, doch ) Gottes Herrlichkeit.