Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 286 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 286. Israelitische Wochenschrift. Nr. 21 wie beispielsweise auch die Russen nicht. Statt aber froh zu sein, daß es im Lande Leute gibt, die dieses Defizit ausgleichen können, die Initiative und andere der Mehrheit fehlende Tugenden entfalten und mit der Zeit natürlich auch lehren, hemmt man sie und drangsaliert sie auf jede mögliche Weise. Die Folge ist, daß man die unzufrieden macht, die man doch nicht entbehren kann, daß man diese geradezu anreizt, ihre Macht mehr auszunutzen und die anderen, die man doch schützen will, gewöhnt, in ihrem Schlendrian zu verharren, da diese die ihnen abgehenden Tugenden für minderwertig, wenn nicht gar für Untugenden halten müssen, wie andrerseits die Juden wieder in einem Milieu erhalten werden, in welchem sie die an ihnen beklagten unangenehmen Eigenschaften beibehalten oder doch nur schwerer und jedenfalls langsamer ablegen. Die hochweisen Herren, die Rumänien und auch manche anderen Länder regieren, sagen nun, wir verzichten lieber auf vieles, das wir haben könnten, wenn wir die Juden überall im Lande als vollberechtigte Bürger anerkennen würden, lasten lieber die Bauern nach Ur-Ur-Großväter-Sitte das Land bewirtschaften, verzögern die Entwicklung des Handels und der Industrie, lassen lieber, wie in Rußland, Getreide und Fische verfaulen, als daß wir den Juden mehr Vorteile zukommen lassen. Die Herren vergessen nur, daß heutzutage die Welt viel zu eng ist, als daß man Länder, zumal in Europa, lange unentwickelt liegen lassen kann. Sind es nicht die im Lande geborenen Juden, die gern auch Bürger des Landes werden möchten, dann kommen eben andere Staatsangehörige, die sich nicht nach rumänischem oder russischem Bürgerrecht sehnen, Leute, die an Konsuln, an Gesandte sich wenden können, die die Fahne einer großen Macht schützt, und die Reichtümer des Landes gehen in fremden Besitz über, und das Land läuft außerdem Gefahr, in Konflikte mit anderen Ländern zu geraten. Die Grenzen des Landes aber Fremden ganz zu versperren, geht heute auch nicht mehr. Japan hat diese Politik aus freien Stücken aufgegeben und ist gut dabei gefahren. China hat es nicht getan und hat den Schaden davon. Australien, das den ganzen Kontinent für die Australier behalten will, lebt in steter Sorge, daß die Japaner mit Gewalt sich die Möglichkeit verschaffen werden, in dem so wenig bevölkerten Erdteil durch Arbeit sich eine in ihrem übervölkerten Vaterlande unmögliche Existenz zu gründen, die ihnen jetzt die australische Gesetzgebung verschließt. Unsere Antisemiten aber, die für die rumänische Judenpolitik schwärmen, sollten beherzigen, daß die in Rumänien unterdrückten Juden, wie Herrn Bellesort geklagt worden ist, die deutschen Pioniere sind, die Verbreiter deutschen Einfluffes und deutscher Industrie. Und ferner sollten sie sich merken, daß die administrative Verfolgung die schlimmste von allen Verfolgungsarten ist. Willkür trotz Gesetz und Verfassung untergrübt im ganzen Volk die Achtung vor dem Gesetz, das Vertrauen auf Gesetz und Gerechtigkeit. 31 Vorlagen in einer Sitzung, dazwischen noch mit dem Glockenschlage 12 Uhr — auch in der Gemeindeverwaltung herrscht militärische Pünktlichkeit — gewissermaßen als Clou des Ganzen die Einführung eines Aeltesten-Stellvertreters — unberufen! Da sage noch einer, daß unsere Gemeindevertreter nicht tüchtig sind!! Allerdings erfolgte Abschlachtung engros: So die Vorlage betreffend Mietung verschiedener Lokalitäten ür die Feiertage, ferner eine große Zahl von Zuwendungen, Bewilligung von Reparaturen, Ankauf von Thorarollen, Abschluß eines Pachtvertrages und einer neuen Haftpflichtversicherung rc. Man sieht, unsere Gemeindevertreter verstehen die Zeit auszunutzen, verstehen zu arbeiten. Zunächst erfolgte die Erledigung einiger geschäftlicher Mitteilungen, unter denen die Niederlegung seines Amtes im Hospital von seiten des Herrn Mannheimer und demgegenüber eine längere Erklärung der Ehrendamen dieses Instituts besonderes Interesse erregte. Eine Debatte über diesen Gegenstand wurde trotz des Widerspruchs des Herrn Mannheimer dadurch unmöglich, daß Herr Prof. Heiger die Behandlung dieser Materie in die geheime Sitzung verwies. Eine Erledigung fand die Angelegenheit dadurch, daß infolge eines Dringlichkeitsantrags sofort eine Neuwahl vorgenommen wurde, deren Ergebnis war: einstimmige Wiederwahl des Herrn Mannheimer! Na ,also! Herr Mannheimer war „natürlich" während dieses Wahlgeschäfts nicht anwesend, was wir hiermit ausdrücklich konstatieren wollen. Die einzelnen Zuwendungen an die Gemeinde war man so gütig anzunehmen. Die Versammlung nahm Kenntnis von einem Beschluß der vereinigten Synagogenvorstände, an den hohen Feiertagen niemand mehr als eine Mizweh zukommen zu lasien. (Referent dieser anscheinend weite Kreise beunruhigenden Frage war der rechterseits schwarz behandschuhte Repräsentant Aron Kirsch. Ein Spötter auf der diesmal tatsächlich besuchten Tribüne meinte: Herr Kirsch trägt seine rechte Hand „schwarz" behandschuht, um damit die Führerschaft der „Schwarzen" zu dokumentieren (au!). Solche Spötter müßten von der Tribüne gewiesen werden). Die Bewilligung von 64 000 M. für Reparaturen an sämtlichen Synagogen (Referent Maurermeister Kränket) rief eine längere Debatte hervor. Herr Weiuöerg meinte nämlich, daß es namentlich den zur Stellvertretung einberufenen Repräsentanten schwer sei, sich über diese Positionen zu informieren, da sie nicht auch gleichzeitig stellvertretend in die Ausschüsse berufen seien. Es wird ihm jedoch vom Vorstandstisch aus erwidert, daß ihm jederzeit Informationen zur Verfügung ständen und jedes Ausschyßmitglied wohl gern zur Auskunft bereit sei. Im übrigen würden alle Ausgaben auf das sorgfältigste geprüft. Inzwischen ist der Zeiger auf 13 gerückt, es findet die Einführung des Aeltesten-Stellvertreters Leop. Wadt statt. Der Vorsitzende Louis Sachs verpflichtet ihn durch Handschlag und gibt seiner Freude Ausdruck, daß die Wahl einen schon in anderen Körperschaften bewährten Mann getroffen habe. Große Aufgaben harren der Erfüllung: Eine neue Synagoge ist geplant, eine neue Knabenschule, ein neues Verwaltungsgebäude im Bau, ein neues Krankenhaus im Entstehen — Falles dies erfordert Arbeitskräfte. Vor allem sei Frieden zwischen Vorstand und Repräsentanz erforderlich. Er hoffe, daß, Herr Badt an den nächsten Gemeindeaufgaben wie an der Förderung des Friedens tätigen Anteil nehmen werden. (Sollten die Aufgaben einer großen Gemeinde wirklich nur in Neubauten und Friedensschalmeienblasen bestehen? Aus den weiteren Verhandlungen ist noch die Wahl des Sänitätsrats Dr. Werner in den Schul- und Talmud Thora- Vorstand erwähnenswert, ferner die Subvention von 2500 M. an die Synagogengemeinde Ahawas Scholaum, 2500 M. an Beth Zion, 3000 M. an den Religionsverein Oranienburger Vorstadt, 2500 M. an die Lippmann Tauß-Synagoge, I50M. an das Franz Josefs-Hospital in Karlsbad, 400 M. an die