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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · p. Seite 285

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 285 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21. Israelitische L'ell.rnschrkft. Seite 286. nein und verharrt dabei. Dem Ingenieur bleibt nichts übrig als nach der Schänke zu gehen, die natürlich einem Juden gehört. Er ist kaum dort, so bietet ihm der Jude, der auf irgend eine mysteriöse Weise schon Namen, Beruf, Reiseziel des Ingenieurs erfahren hat, von selbst an, wenn für ihn -etwas abfiele, ihn nach der Stadt zu befördern, wohin er doch jedenfalls reisen wolle und vor Abend gelangen müsse. „Was wollen Sie?" fragt der Ingenieur. „Vier Francs". Das lGeschäft ist gemacht, und bald darauf ist ein Gespann zur Stelle. Der Jngenier ist vor Erstaunen außer sich, als er in dem Fuhrmann denselben Bauern erkennt, den er vor kurzem dringend um den Dienst gebeten und dem er noch einen Franc mehr geboten hatte. Fast möchte er an die Zauberkraft der Juden glauben, mit der sich selbst „gebildete" Rumänen deren Einfluß erklären. Er fragt den Mann, was ihm der Jude für die Fahrt gebe. „Drei Francs", lautet die Antwort. Aber ich habe Ihnen doch vorhin fünf Francs geboten und Sie wollten mich nicht fahren?" ..Ja, sagt der Bauer, Ihretwegen wollte, ich mich nicht von meiner Wohnung trennen. Der Jude aber, den kenne ich seit zehn Jahren. Ich könnte ohne ihn nicht existieren. Ist meine Ernte schlecht, dann leiht er mir Geld. Stirbt mir ein Kind, dann verschafft er mir die Begräbniskosten. Der kennt das Leben. Er schafft uns alles, was wir brauchen. Er ist kein schlechter Kerl, und man muß etwas für ihn tun". ' Der Zauber war erklärt, der Ingenieur konnte darauf nichts erwidern und schwieg. An'einer anderen Stelle schreibt Bellesort: „Man sagt, der Jude liebe das Geld. Diese Gier teilt er aber mit einer stattlichen Anzahl anständiger Christen. Von allen Krämern in Bouhoussi ist nur ein einziger Rumäne, aber gerade über den klagen die Bauern am meisten. Gewiß, der Jude ist sehr scharf hinter dem Verdienen her. Aber nur in Arbeitervereinen kennt man eine solche Generosität wie in den jüdischen^Gemeinden. Wann immer die Sache Israels es erfordert, dann wird auch der letzte Jude in dem ärmsten moldauischen Dörfchen nicht sich weigern, einen Beitrag zu den Kriegskosten zu entrichten. Sie sind geduldig, zäh, ohne viel Zartgefühl, aber nicht ohne starkes moralisches Empfinden, sowohl eng verbunden hinsichtlich ihrer allgemeinen Interessen als auch fest verankert in ihren privaten. Die Tugenden, die sonst überall welken, bewahren um ihren häuslichen Herd noch ein ursprüngliches Grün: die Frömmigkeit, die Achtung vor der Tradition, die 'Verehrung ihrer Vorfahren, die außerordentlich stark entwickelte Familienliebe. Ich bewundere sie. Der Jude ist einer der stärksten Fermente der Menschheit. Wo er sich niederläßt, da geht selbst der Grund und Boden auf." ' Diese Bemerkungen sind nicht allgemeine Betrachtungen, sondern natürliche, gewissermaßen sich von selbst ergebende, ja sich aufdrängende Schlußfolgerungen des Gesehenen und in der 'Revue Geschilderten. Wie scharf Herr Bellesort beobachtet' "und urteilt, das geht daraus hervor, daß er in den noch so unmodern als möglich gekleideten, und auch sonst überaus wenig, zumal von der französischen Kultur, beleckten, den bescheidensten Berufen nachgehenden rumänischen Juden die großen Idealisten herauserkennt. Wie aus den Aufzeichnungen zu ersehen, betreiben die Juden in Rumänien jedes nur denkbare Handwerk, übernehmen sie jede Arbeit, für die sich die Rumänen als Nachkommen der Römer zu vornehm dünken, sind sie die Vermittler zwischen Produzenten und Konsumenten, bewirtschaften die schönsten Domänen und sind der ganzen Landwirtschaft in allen ihren Verzweigungen geradezu unentbehrlich. Sie erfreuen sich auch eines verhältnismäßigen Wohlstandes, sie besitzen alles, nur, wie Herr Bellesort sich ausdrückt, nicht das Recht etwas zu besitzen. Sie leben auch auf durchaus freundschaftlichem Fuß mit dem rumänischen Volk, werden nicht in dem üblichen Sinn, und wie man es von Rußland gewohnt ist, verfolgt, könnten zufrieden sein und sind es auch, wenigstens in den Schichten, in welchen man zufrieden ist, wenn man sein anspruchsloses Dasein fristen kann; aber — nun, der frühere Minister Carp sagt es in einer Unterredung mit Herrn Bellesort: „Sie haben keinen verfolgten Juden gefunden?" ruft er aus. „Aber ist das nicht Verfolgung, daß ein Präfekt mit einem Federstrich einen Mann mit seiner ganzen Familie wirtschaftlich ruinieren kann? Die administrative Verfolgung ist die schlimmste". Herr Bellesort hat Gelegenheit gehabt, zu sehen, welche Wirkungen die rumänische Judengesetzgebung auf solche Juden hat, die an etwas mehr, als an das tägliche Stückchen Brot zu denken gelernt haben. Der rechtlose akademisch gebildete Jude vergißt nicht, daß er als Paria behandelt wird; man erkennt das an seinem kalten, haßerfüllten Blick. Der schwärmerisch veranlagte Jude glaubt, daß nur der Sozialismus eine Aenderung herbeiführen wird und wirft sich diesem in die Arme. Da haben wir die Erklärung für die Verbreitung der sozialistischen Lehren unter den Juden in Rußland. Der Franzose will keine politischen Schlüsse aus seinen Beobachtungen ziehen, er sagt nur, er würde, wenn er Rumäne wäre, sich nicht so sehr über die Juden beklagen und wenn sie auch nicht gleich, so doch schneller naturalisieren, und wenn er Jude wäre, würde er, wie er glaube, sich weniger über die Rumänen beklagen, aber gegen das Wehrgesetz protestieren, das ihn zwinge, einem Staat als Soldat zu dienen, als dessen Bürger er nicht anerkannt werde. Wenn nun in Rumänien die Juden wie alle und sogar mehr als alle anderen Bewohner des Landes arbeiten, wenn ihnen nicht der Vorwurf gemacht werden kann, daß sie nicht Handwerker, nicht Landwirte usw. seien, wenn keine Feindschaft, sondern im Gegenteil große Freundschaft zwischen Juden und Christen im Lande besteht, was in aller Welt hält die Regierung ab. den Bestimmungen des Berliner Vertrags zu entsprechen? Es ist, wie wir annehmen müssen, die Furcht, daß die Juden, die selbst unter den jetzigen, so unbilligen und unwürdigen Gesetzen so viel Macht und Einfluß gewonnen haben, nach Aufhebung der sie einschränkenden Gesetze das ganze Land in ihre Gewalt bekommen würden. Das aber ist unseres Erachtens eine durchaus verkehrte Annahme. Genau das Gegenteil wäre der Fall, das heißt Macht und Einfluß der Juden würden-abnehmen, es würde sich alles mehr ausgleichen. Wie lange ist es her, daß die Ressortminister begriffen haben, daß sie durch Verbilligung gewisser Tarife, durch Ermäßigung gewisser Steuern dem Staat größere Einnahmen verschaffen? Und wie viele haben das selbst heute noch nicht begriffen! Der jüdische Leutnant, der jüdische Oberlehrer, der jüdische Richter, sie haben einen sehr beschränkten Einfluß, und Schätze sammeln sie alle erst recht nicht. Aber die jüdischen Rechtsanwälte, die jüdischen Geschäftsleute und noch andere, von denen man im täglichen Leben abhängt, weil man sie fortwährend braucht, die haben Einfluß und erwerben zum Teil großen Reichtum, der ihnen noch weitere Macht und noch größeren Einfluß verschafft und dazu werden die intelligentesten Juden geradezu gepreßt. Noch ein anderes Motiv für das Verhalten der Regierung ist denkbar: das -stupide Rassenmotiv, eine falsche Auffassung des Nationalitätenbegriffs. Die Rumänen haben keine Initiative,

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