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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · p. Seite 284

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 284 (sequence 4)
Language
German
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tfe! i. Seite 284. Israelitische Wochenschrift. dir. 21- Judenverfolgung gewesen war, den Juden heimlicherweise heilige Gefäße in die Häuser, um sie nachher mit heiligster Entrüstung aufzufinden, und die angeblichen Kirchenschänder dem Volkshasse zu denunzieren. Ausdrücklich mußte die Obrigkeit dergleichen verbieten. Und heute? Werden nicht die deutschen Juden von den Junkern als Blitzableiter für die angesammelte politische, Unzufriedenheit verwendet, vor der Oeffentlichkeit für alles, was faul ist im Staate, verantwortlich gemacht? Den Vorzug der Neuheit, der Originalität hat dieses Verfahren nicht. H^rtte tritt an die Stelle der Brunnenvergiftung aller Druck und Härte des Erwerbslebens, jede unerfreuliche Entwicklung unserer politischen Zustände. Dre Juden sind der Sündenbock für die Konkurrenz, welche der kapitalistische Großbetrieb dem Kleinhandel und dem Handwerk macht, die Juden tragen Schuld an der Preisnivellierung, welche die ausländische Einfuhr auf die einheimische Produktion ausübt, die Juden haben die materiellen Forderungen und die politische Machtentwickelung des vierten Standes hervorgerufen. Zolltarif und Sozialdemokratie, Gewerbepolitik und philosophischen Materialismus — alles haben die Juden gemacht, wenn man der Kreuz-Ztg. und ihren politischen Hintermännern Glauben schenken will. Man meint in jenen Kreisen, nicht besser eine junkerfeindliche Gestaltung des öffentlichen Lebens hintanhalten zu können, als indem man sie als Judenpolitik denunziert und stigmatisiert. Wenn auch das Unrecht der „Minoritäten" ' psychologisch in der Schwäche der menschlichen Natur begründet ist, so ist doch zu hoffen, daß mit der fortschreitenden geistigen Entwicklung des Menschen auch sein Rechtsgefühl kräftiger wird. Nicht mehr ein „Recht der Majoritäten", nicht mehr ein „Unrecht der Minoritäten", sondern ein Recht der allgemeinen Menschlichkeit. Die Revue des Deiix Mondes über die Jude» in Rumänien nebst einigen allgemeinen öemerknngen jur Indenstnge. , Wenn jemand über die Judenfrage schreiben will, dann ist er entweder für oder gegen die Juden eingenommen; er mag noch so objektiv sein wollen, es kommt immer zu einer mehr oder minder deutlichen Parteinahme. Es kann passieren, daß jemand,-wie z. B. Graf Coudenhove, gegen die Juden schreiben will, aber während seiner Studien über die Frage zur entgegengesetzten Ansicht kommt und schließlich' entschieden Partei ergreift. Um so interessanter, beachtenswerter und wichtiger sind die Aufzeichnungen eines klugen und offenbar gerecht und billig denkenden Mannes, der gar nicht über die Judenfrage schreiben will, der sich vielleicht nie mit der Juden frage beschäftigt, möglicherweise noch nie in seinem Leben Zeinen Juden gesehen oder wenigstens ihm näher getreten' ist, dem aber das Thema auf einer Reise sich geradezu aufdrängt. Herr Andre Bellesort hat Rumänien bereist und veröffentlicht seine Eindrücke in der Revue des Deux Mondes. Als er sich anschickt, von der Wallachei nach dem nördlichen Teil Rumäniens, dem ehemaligen Moldau-Fürstentum, abzureisen, fragt ihn sein rumänischer Gastfreund, ob er die Judenfrage dort studieren wolle. Er denke nicht daran, erwidert er; der Gastfreund dort, habe ihm sogar bei Strafe verboten, die Judenfrage auch nur zu berühren. Um so mehr denkt man dort daran, lautet die Antwort, und Sie werden schon darüber reden hören. Herr Bellesort ist kaum in dem Moldaugebict, als er fortwährend Juden sieht und über sie reden hört. , Von den 360 000 Einwohnern der Städte daselbst sind nämlich 140000 Juden, und sie sind auch besonders zahlreich auf dem flachen Lande. Der Franzose hört nun überall seine rumänischen Gastfreunde auf die Juden schimpfen, hier, daß sie am Sabbat sich breit machen, in Jassy, daß kein saftiges Beefsteak zu haben ist, weil nur von geschächteten Tieren koscheres Fleisch, d. h. unblutiges zu haben ist usw. Der Franzose läßt sich aber durch die Schimpfereien weiter nicht beeinflussen, sondern tut die Augen auf und urteilt selbst. Obwohl er vielleicht nicht ganz frei ist von einem gewissen Vorurteil, das alle gegen Individuen wie Völker einmal haben, über die sie fortwährend schimpfen und klagen hören — semper aliquid haeret, kann man auch in-diesem Sinn sagen, — obwohl er als Franzose keine besondere Vorliebe haben mag für die Juden, von denen man ihm klagt, „daß sie durchweg deutsch sprechen, die Avantgarde des deutschen Einflusses bilden und zum Schaden Frankreichs die deutschen Fabrikate verbreiten, wie Ratten die Pest", so bleibt er doch gerecht gegen die Juden, ohne ungerecht gegen die Rumänen zu sein. Er schildert beispielsweise die furchtbaren Verwüstungen, die durch die Pellagra unter dem Volk angerichtet werden, aber er sieht gleich, warum die Juden nicht von ihr heimgesucht werden. Der Jude, schreibt er, nimmt mehr Rücksicht auf die Hygiene wie der rumänische Bauer und genießt gesündere Kost. Er ißt Fleisch und trinkt nicht. Wenn ihm ein Kind erkrankt, dann holl der Jude schnell einen Arzt und gibt, wenn es fein muß, seine letzten Ersparnisse her. Das, fügt er hinzu, ist eine der Ursachen für die Zunahme der Zahl der Juden, die seit 1850 etwa hundert Prozent beträgt, während die der übrigen Bevölkerung sich auf kaum sechzig beläuft. Wohin der französische Reisende kommt, sieht er'Juden fleißig arbeiten, die winzigsten wie wichtigsten Arbeiten 'verrichten und infolgedessen wirtschaftliche Mach", wirtschaftlichen Einfluß gewinnen und sich geradezu unentbehrlich machen. Die Regierung, schreibt er, lebt in beständiger Angst, daß die Juden . sich vermehren oder daß sie auswandern; beides sollen sie nicht. Wird ein Jude von einem Ortsmagnaten ausgewiesen, dann kommen die Bäuerinnen und bitten, daß man ihn wohnen lasse. Zwischen Landsleuten und Juden besteht, das denkbar beste Verhältnis. Der Bauer, lesen wir in den Auszeichnungen, denkt nicht daran, den Juden zu hassen oder zu verachten, und er haut wohl gelegentlich seinen Advokaten, den Lehrer oder seine Frau durch, aber niemals einen Juden. Auch der Großgrundbesitzer kann ohne die Juden nicht fertig werden, die allein die Arbeiter ^mit Erfolg beobachten können, die alles liefern,., alles kaufen, alles verstehen. Der Gutsbesitzer, der nur bie Rente bezieht, schimpft auf die Juden, der Arbeiter, der unter , Aussicht 'des Juden das Land wirklich bebaut, tut es nicht; sondern achtet auf einen bloßen Wink des Juden, .während er auf den Besitzer nicht einmal hört. Der Absentismus der Bojaren hat den jüdischen'Pächtern, Aufsehern, Vermittlern uswihren Einfluß verschafft, die Indolenz des Bauern läßt die Juden^ reich'werden, was' man unter den kleinen Verhältnissen^ reich nennt. Von dem Eifer der Juden und ihrem Einfluß auf die' Bauern einerseits und der Indolenz der letzteren andererseits erzählt Herr-Bellesort'manch niedliches Geschichtchen. ' Einem Ingenieur verunglückt das Gespann und er bittet,' da er unter allen Umständen noch an demselben Tage in der Stadt sein muß," dringend einen Bauern, dem et ffü'nf Francs „ verspricht, - ihn nach der Stadt zu fahren. Der Bäüer sagt

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