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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Zeitschrift für die Gesamtinteresseil des Indentums. Webst öern Weibk'crtt: ZüöifcHes Liltevcrlurbtcrtt. Erscheint an jedem Freitag Redaktion und Verlag: Bezugspreis vierteljährlich: das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Wertin C., Wüß-Straße 3 Deutschland u. Österreich-Ungarn 3.— Mk. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Telephon: Amt I, 5729. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Kummer 21. Kerl in. 26. Mai 1905. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten mir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C., Rotz-Stratze 3. Inhalt. Artikel: Der Starke und der Schwache. — Die Revue d« s ])eux Mondes über die Juden in Rumänien nebst einigen allgemeinen Bemerkungen zur Judenfrage. — Repräsentantenversammlung. — Die Rabbinerwahl in Berlin — Großmutters Geschichten. Von Albert Katz — Aufruf an die jüdischen Frauen und Mädchen. — Berichtigung. — Politik: Die Juden in Schitomir. — Die Judenhetze in Schitomir. - Ueber die in Melitopol stattgehabte Judenhetze. — Das Schächtverbot in Wien. — Wochenchronik. — Vakanzen. — Feuilleton: Die Frau des Verurteilten Von Mathilde Schmidt. (Schluß.) — Inserate. Dera$iarke und der Scbwacbe. In der Geschichte hat der Starke immer Recht und der Schwache Unrecht. Als der Abgeordnete von Minnigerode das berühmt gewordene: „Ruhe in der Minorität" rief, da bekannte er sich zu dieser Machttheorie. Sie ist vielleicht nicht ganz christlich — aber brauchbar, wenn man die Macht hat. Das „Unrecht", Minorität zu sein, ist der große Fluch, unter dem das Judentum leidet. Als es selbst eine Mehrheit im politischen Sinne, einen Staat also bildete, hatte es^Recht. Seine Leidenslaufbahn fing da an, wo es durch seine Zersplitterung sich in zahlreiche Minoritäten auflöste. Die Leiden, welche die Christen früher im Orient erleiden mußten und noch jetzt in China erdulden, die Kämpfe der Waldenser, Hussiten rc. erhärten das Wort von dem „Unrecht" der Minoritäten. Die Minorität spielt die undankbare Rolle des Prügelknaben, zu gewissen Zeiten bedarf man eines solchen, um ihm die Untaten, die man selbst begangen oder deren Urheber man nicht kennt, aufzubürden. So geschah es dem Judentum; überall, wo soziale Not sich bemerkber machte, wo Seuchen, Hungersnot ein Land verwüsteten, wurde der Minorität die Schuld beigemessen. Für jedes Uebel sucht der Volksgeist eine Erklärung. Der Drang der menschlichen Seele zur Erforschung des „Warum", wurde allmächtig in schlechten Zeiten. Daß es ihm gut gehe, findet jeder nicht mehr als billig, geht es ihm schlecht, so sucht er nach Ursachen, die außerhalb seiner Person liegen. Haben weite Volksschichten zu leiden, so richtet sich die Unzufriedenheit aus ererbten Vorurteilen leicht gegen die Juden. Scheinbar liegt es zudem auch im Interesse der herrschenden Kreise, gegen die sich sonst die Unzufriedenheit kehren würde, die Juden als die kleinste Minorität, von der deshalb der geringste Widerstand zu erwarten ist, als Blitzableiter zu verwenden. — Auf die Dauer ist das allerdings eine Politik, die sich gegen ihren Urheber kehtzt. — Otto Hartwig macht einmal darauf aufmerksam, daß „die Verfolgungen der Juden am heftigsten waren, wenn die Verfolger sich in ihrer eigenen Existenz unwohl fühlten," was nur bedeutet, daß die Verfolger in den Zeiten schlimmer politischer Gefahren die Wut des Volkes und die eigene an der Minorität ausließen. Vor ihrem Untergange wüteten die Westgoten am meisten gegen die Juden; im 15. Jahrhundert, als die Kirche am schwersten bedroht war, verfolgten Concilien, Kaiser und Volk am bittersten die Unglücklichen. Sehr fein bemerkt Hartwig dazu, daß der „religiöse Fanatismus weniger aus der Ueberfülle des Glaubens als aus dessen Erschöpfung und künstlicher Erregung hervorgeht". Aehnliche Verhältnisse herrschen auch jetzt. Auf wirtschaftlichem Gebiete unbefriedigte Zustände, starke Unzufriedenheit, auf religiösem große Gleichgültigkeit. Da muß der Jude herhalten. Es ist merkwürdig, wie sehr uns auch die Mittel, deren sich der Judenhaß bedient, vom Mittelalter überkommen sind, wie sehr wir im Mittelalter die Vorbilder der jetzigen Bewegung finden. Dem Elfer, die Juden als Ursache alles Uebels hinzustellen, passierte schon im Mittelalter manches Menschliche. So sagten die spanischen Prälaten den Juden nach, Toledo und andere Städte den Sarazenen ausgeliefert zu haben, selbst solche, die nie von den Sarazenen eingenommen waren! Gerade wie jetzt, auch damals schon ein ideales Kleid fürgemeine Motive. König Ferdinand von Arragonien vertrieb die spanischen Juden aus eifrigster Frömmigkeit. Wie die Curie glaubte, um der verarmten Kasse mit jüdischen Vermögen aufzuhelfen. In diesem Sinne schrieb auch der Papst an die Königin Jsabella von Kastilien. Auch damals scheute man sich nicht, die Volkswut künstlich zu schaffen, wo sie nicht vertreten war. — Beispielsweise trug man in Frankreich, wenn lange Zeit keine

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