Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 275 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 20 Israelitische Wochenschrift. Seite 275. „Der Talmud in Japan" bestätigt ein, vor etwa zwei Jahrzehnten erschienenes geistvoll durchgeführtes Essay des beberühmten Professors Max Müller in Oxford, über die Wanderung von Fabeln durch alle Länder und Nationen der Erde. Es gibt Märchen, Fabeln, Parabeln, Sprüche in Bildern, welche mit geringen Veränderungen, Erweiterungen und Verkürzungen bei den entlegensten Völkern gefunden werden, ohne daß ein Volk sie von einem andern direkt entlehnt hat. Sie haben eben im Laufe von Jahrtausenden eine Reise um die Welt gemacht, ohne daß man imstande wäre, die Menschen zu nennen, die sie hinaus getragen haben. Dies bewährt sich im folgenden talmudischen bilderreichen Sinnspruch, der bald in eine ethische und bald in eine religionsphilosophische Spitze ausläuft. Ein talmudischer Weiser sagte einst: Dababa batra, „Es gibt zehn starke Dinge in der Welt: den Berg, den das Eisen durchschneidet; das Eisen, daß das Feuer schmilzt; das Feuer, daß das Wasser löscht; das Wasser, daß die Wolken tragen; die Wolken, die der Wind zerstreut; den Wind, der den menschlichen Körper trägt; den menschlichen Körper, den die Furcht erschüttert; die Furcht, die der Wein verscheucht; den Wein, den der Schlaf schwächt; den Tod, den stärksten unter allen, Almosen aber rettet selbst vom Tode." An einer anderen Stelle im Midrasch (Kohelet Rabba c. 7, v. 26) werden vierzehn Dinge mit dem Zusatze, daß sich eines über das andere stolz erhebt, in dieser Reihenfolge aufgezählt: „Der Abgrund, die Erde, der Berg, das Eisen, das Feuer, das Wasser, die Wolken, der Wind, die Wand, der Mensch, die Leiden, der Wein, der Schlaf, die Krankheit, der Todesengel." Den Schluß bildet dort die malitiöse Pointe: „Schlimmer als alle diese ist ein schlimmes Weib." Im religions-philosophischen Interesse werden diese Bilder (Beresch rabba, am Ende des 38. Kapitels) in folgender Weise verwendet. Nimrod forderte Abraham aus, das Feuer anzubeten. Dieser erwiderte: Das Wasser ist stärker, da es das Feuer erlöscht. Beten wir also das Wasser an, sprach Nimrod. Die Wolke ist stärker, versetzte Abraham. Beten wir die Wolke an fuhr Nimrod fort. Der Wind ist stärker, erwiederte Abraham. Beten wir den Wind an, verlangte Nimrod. Der Mensch ist stärker, antwortete Abraham. Zornig rief Nimrod aus: Ich bete das Feuer an, und werde dich in dasselbe werfen lassen; möge der Gott, den du anbetest dich retten! ' In dieser Darstellung ist ein Satz ausgefallen, in welchem Abraham seine Kontraverse mit dem Rufe schließt, daß Gott stärker als der Mensch ist, daher ihm allein Anbetung gebührt. Zwei japanesische Fabeln bewegen sich innerhalb dieses talmudisch-midraschischen Bilderkreises. Die erste erzählt Folgendes: Einem Rattenpaar, wurde ein sehr schönes Töchterchen geboren. Als es herangewachsen war, wollten die stolzen Eltern, als wären sie ganz moderne Menschen in unserer Nähe, eine glänzende Partie für ihr reizendes Töchterchen suchen. Es müßte, behaupteten sie, von dem mächtigsten Wesen der ganzen Welt heimgeführt werden. Man lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Sonne und sie offerierten ihr ihre wunderschöne Tochter zur Ehehälfte. O, versetzte die Sonne, mächtiger als ich ist die Wolke, die mich verdunkelt. Die stolzen Eltern gingen zur Wolke. Doch auch diese wies die Partie mit der bescheidenen Begründung zurück, daß der Wind stärker sei. Sie begaben sich also zum Winde Ach, klagte dieser, stärker als ich ist die Wand. Die eifrigen Eltern eilten nun zur Wand. Voller Resignation sprach diese: Wohl bin ich stärker als der Wind, doch stärker als ich ist die Ratte, die mich unterwühlt und endlich zu Falle bringt. Die suchenden Eltern eilten nach Hause und verheirateten ihr Töchterchen mit einem schmucken Rattenjüngling, der sich in dasselbe verliebt hatte und, was unter den modernen glatzköpfigen jungen Männern selten vorkommt, ohne jede Mitgift zum Weibe " nahm. Die andere berichtet von einem Steinhauer, der mit seinem Lose unzufrieden war, und dem ein Berggeist jeden ausgesprochenen Wunsch sofort erfüllte. Er wünschte, ein reicher Mann zu sein — denn auch in Japan wird Gold und Geld dem Geiste und der Weisheit vorgezogen — und er ward es, dann ein Fürst mit einem goldenen Schirm, der vor den Strahlen der Sonne schützt und er wurde zum Fürsten erhoben, wie bei uns in den Ritterstand. Da sprach er einmal: Die Sonne ist mächtiger als ich, ich möchte die Sonne sein — und siehe da! er wurde in die Sonne verwandelt. Da kam die Wolke und verhüllte ihn, worüber er gar zornig wurde und ausrief: Ich möchte die Wolke sein. Abermals wurde sein Wunsch gewährt und als sinsternde Wolke legte er sich zwischen Sonne und Erde. Die Folge davon war, daß der Regen wochenlang niederströmte, die Ströme schwollen, die Dämme brachen, die Wogen alles mit sich fortrissen, nur der Fels blieb ruhig stehen und spottete der verheerenden Fluten. Empört ries der zur Wolke gewordene Steinhauer aus: Niemand darf mächtiger sein als ich und deshalb möchte ich ein Fels werden! Er ward es; stolz erhob er sich, wenn die Sonne glühte und wenn der Regen herabströmte. Doch eines Tages hörte er ein merkwürdiges Geräusch zu seinen Füßen und als er nach der Ursache forschte, saß ein Steinhauer, der eiserne Keile in sein Gestein eintrieb und große Klüfte davon loslöste. Voller Entrüstung rief er: So ein kleines Menschenkind ist mächtiger als ich, der starke Fels? Ich will ein Steinhauer sein — und er ward, was er immer war, ein Steinhauer, der im Schweiße seines Angesichts arbeitete, zufrieden mit seinem mühseligen Berufe. Das ist der Talmud in Japan! Den Kommentar dazu mögen die gelehrten Talmudisten vom Schlage Rohling, Justus und Gildemeister schreiben. vie Politik. Wussische Iudenßehen. Der Zarismus wendet systematisch die Judenhetze an, um die gegen ihn angesammelte Empörung abzulenken. Selbst die offiziellen Telegramme lassen erkennen, daß die Behörden die Metzeleien direkt begünstigen, die ja wohl auch von ihnen angestiftet sind. Die Gegeneinanderhetzung der Feinde des Zarismus ist das alte und letzte Mittel der russischen Camorra. Ueber die Judenschlächtereien in Schitomir wird die folgende Auslassung des „Regierungsboten" gemeldet: Daß die Zahl der Opfer bei den Unruhen in Schitomir ver' hältnismäßig gering ist, ist den energischen Maßnahmen zuzuschreiben, die die Regierung zur Unterdrückung und zur Ver- Hütung von Unruhen ergriffen hat. Bereits seit dem 2l. April haben die Juden in Schitomir eine herausfordernde Haltung an den Tag gelegt, so gebrauchten sie z B. das Bild des Kaisers als Ziel für Schießübungen. Dem Ministerium des Innern, so fährt das Blatt fort, liegt eine Reihe von Berichten über von Juden auf der Straße gegen Christen verübte tätliche Beleidigungen vor. Am 25. April wurde in Schitomir ein Aufruf des Wolhynischen Komitees der sozialrevolutionären Partei verbreitet, worin eine Judenhetze angekündigt wurde. Die Verantwortung hierfür falle der Verwaltung am Orte zu, wodurch ein Teil der Bevölkerung gegen den anderen ausgereizt sei. Das oben erwähnte herausfordernde Betragen der von der revolutionären Propaganda beeinflußten Juden habe nicht nur die Maßnahmen