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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · p. Seite 274

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
Seite 274 (sequence 6)
Language
German
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Seile 274. Israelitische Wochenschrift. Nr. 20 Da sehe ich eines Tages in einem Lokal einige Herren in eifrigem Gespräch. Mienen und Handbewegungen bewiesen ihre Erregung. Ich lausche hin, und ich höre, daß sich englische Hochkirchler über jüdische Verhältnisse aufregen. Es dreht sich nicht um die Einwanderungsbill, wie ich, scheinbar in ein riesiges Zeitungsblatt hineinstarrend, bald herausfinde. Ich höre, die jüdische Gemeinde sei in Aufregung und habe dazu ein gutes Recht. Und zwar war der verstorbene Mocatta dazu die unschuldige Veranlassung. Dr. A. Löwy schrieb, daß Mocatta für die Unsterblichkeit der Seele im mosaischen Gesetz keine Grundlage gesehen hätte. Darauf schrieben andere, der Verstorbene wäre mißverstanden worden; andere, man hätte seine Worte mißbraucht. Ein christlicher Gelehrter, Mr. Grant, griff mit einer Untersuchung ein. Joel Snowmann führte The Jewish Armoury eines I. L. Mocatta an, worin die Unsterblichkeit als in der Schrift erwähnt des Genaueren nachgewiesenwurde. Eine Esther Delafore meinte, es wäre das Sache der Sonderauffassung, nicht des Beweises, ob die Seele unsterblich sei A. Newmann betont, die Thora wolle die Sittlichkeit nicht auf streitige Grundlagen stützen; die Tat müsse dem Grübeln vorausgehen. Der Unsterblichkeitsglaube sei stets so allgemein gewesen, daß die Erwähnung des Selbstverständlichen von der Thora für überflüssig gehalten worden sei. Auch Breslar bekundete das allgemeine Vorhandensein dieses Glaubens selbst bei den wildesten Völkern, wenn auch durch den Parsismus er im Judentum gestärkt worden sein kann, wie Daniel, Hesekiel und unter dem Einfluß des Alexandrinismus das „Buch der Weisheit" beweist. So lange der Mensch Hammer oder Ambos sei, müsse dieser Glaube seine Wunden heilen. Ein Velo Thaaneh erweist aus Thorastellen den Unsterblichkeitsglauben, schon aus dem Verbot der Totenbeschwörung und aus Worten wie „Die Geheimnisse sind Gottes Sache". Lo Thaaneh will jedem, auch Mocatta, seinen besonderen Glauben lassen. Diese Weisheit schöpfte ich aus jüdischen Zeitungen, die ich schon in jenem Lokal und dann noch später las. Wo ich mich in jüdischen Kreisen umtat, hatte die Sache die Geister erregt. Ich machte da eine eigene Anmerkung: Würde bei uns zuhause, unter dem „Volk der Denker" diese Angelegenheit so viel Staub aufgewirbelt haben? Wir in Deutschland streiten weder über das diesseitige, noch über das jenseitige Leben. Uns sind die Dinge gleichgiltig geworden. Das Bild, das ich mir früher von den Söhnen Albions entworfen, wonach (wie in jenem Kouplet) immer die Worte wiederkehren o yes, yes, yes, yes, yes! es paßt, was jüdisches Glaubensleben anbelangt, auf uns, während die Londoner dafür, wie sie sehen, stark ins Feuer gehen. Das ist die Hauptsache. Wir mögen uns für gelehrter halten — jene sind begeisterter. „Dem Fertigen ist nichts mehr recht zu machen. Ein Werdender wird immer dankbar sein". Um auf Mocatta zurückzukommen, ist mir in diesen Tagen noch ein Umstand von den auf seinen Tod folgenden Feierlichkeiten berichtet worden. Das beweist, daß trotz des Strudels der schnelllebigen Großstadt gewisse Dinge nicht vergessen und immer wieder erörtert werden. Mocatta wurde in allen Synagogen gefeiert, und, wie ich mich nachträglich überzeugt habe, konnte man jede dieser Predigten mehremale in den verschiedenen Zeitungen lesen. Auch in der Reformsynagoge wurde eine solche Totenfeier abgehalten, und gerade dorthin strömte es von den verschiedensten Seiten und Richtungen hin. Es war auch die Neugierde, welche viele hinführte. Wird der Chiefrabbi hinkommen? Wird er nicht hinkommen? Diese Frage stand auf den meisten Gesichtern geschrieben, und das war die Ursache der Erwartung, die sich auf den Gesichtern malte. Der Oberrabbi hatte sich der Reformsynagoge gegenüber stets ablehnend verhalten und auch an ihrer Einweihung nicht teilgenommen. Er wird doch kommen; er wird wahrscheinlich nicht kommen! So hörte man es vor der Synagoge hin und Widerreden. Und siehe! er kam hin! In seiner Anwesenheit ging die Totenfeierlichkeit vor sich. Das Ereignis wurde nachher in seinen möglichen Folgen in den Zeitungen besprochen. Die Einen sahen darin einen Mangel an Folgerichtigkeit; die Anderen merkten das Anbrechen einer neuen Zeit. Ich aber sagte mir, daß es auch in London zu Zeiten schwer ist, Chiefrabbi zu sein, und daß sich die Themsestadt in manchen Punkten von den kleinsten Winkelgemeindchen etwa des Ostens nicht unterscheidet. Nun aber merke ich, daß es Zeit wird, sonst sinke ich ganz in Gemeindeklatsch. Als Schüler Hillels, der bekanntlich gesagt hat „Was Du nicht willst, daß man Dir tu" breche ich hier zu Ihrer Erleichterung ab, was ich als Zeichen edeln Menschentums anzusehen bitte, womit ich zeichne als Ihr hochachtungsvoll ergebener * * * Der Galmud in Japan. Gibt es im Reiche des Mikado auch solche große Gelehrte wie Rohling, Justus und Gildemeister, die den Talmud nicht verstehen und ihn als ein gefährliches Werk denunzieren? Exportieren europäische Antisemiten vielleicht ihre faule und schofle Ware nach Peddo, der Hauptstadt der japanesischen Intelligenz, um sie von dort aus über ganz Japan zu verbreiten? Nein! Denn wenn auch Rohling, anstatt an den Ufern der Moldau an der Universität zu Pokohama hebräische Altertümer vortragen und „Rauch" (tcnäna) in „wir haben gelernt" (temna) verwandeln oder aus „den himmlischen Schutzgeistern der Nationen", selbst dem edlen Eisenmenger zum Hohn, Regenten aus Fleisch und Blut machen würde, welche die Juden zu töten nach jüdischer Lehre verpflichtet seien, so würden alle seine frommen Anstrengungen, um nicht seine Brüder, die Christen, sondern die Juden zu bessern und zwar durch das originelle Mittel, die Leidenschaften gegen sie anzufachen, Haß gegen sie zu schüren und Verfolgungen zu veranlassen, nicht einmal einen succes d’estime dort haben, da es in Japan weder Czechrn noch jüdische Gemeinden gibt, die mandelförmigen Augen der Japaner für fanatische Blicke nicht geschaffen sind die japanische Sprache kein Wort für religiöse Intoleranz besitzt. Ein Mitglied der japanischen Gesandtschaft in Wien, das bei einem Professor an der Wiener Universität juridische Vorlesungen hörte, besprach einst mit einem feinen ironischen Lächeln die Ausklärung und die Bildung der Europäer in religiösen Angelegenheiten und äußerte, daß ein Sohn Japans absolut unfähig sei, sich in die Seele derer zu versetzen, welche Menschen bedrücken und verfolgen, weil sie ihre eigenen Vorstellungen über das Göttliche und den Kosmos haben und durch besondere Feste und Zeremonien von anderen sich unterscheiden. Es dürfte daher geraten sein, nicht bloß Schirme zum Schutze gegen die sengenden Sonnenstrahlen, sondern auch etwas Toleranz aus Japan zu beziehen, wenn nicht zu befürchten wäre, daß sie unter den von Nächstenliebe triefenden Völkern wenig Absatz fänden. Doch lassen wir diese Betrachtung und wenden uns unserm speziellen Gegenstand zu.

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