Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 273 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606594--9298-9606599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 20. Seite 273. Israelische ";4 lebt eine gottentstammte und gottverwandte Seele. Menschenherz, du blickst empor zum Himmel, du siehst, wie in ewigen Bahnen die Gestirne kreisen, und ahnest in den Gesetzen den Gesetzgeber, in der Weltordnung den Weltordner; du blickest hinein in das Wogen deines eignen Lebens und vernimmst tief in deinem Innern des Gewissens heilige Stimme, die dich gemahnt, das sittliche Gesetz zu erfüllen, der gottgeordneten Pflicht zu genügen und die verbürgt, daß über dir ein sittliches Wesen vorhanden ist, das dir die Sehnsucht zum Guten in die Brust gesenkt hat. Der große Erneurer der Weltweisheit, hat die tiefe Wahrheit ausgesprochen, daß der gestirnte Himmel über uns und das Sittengesetz in uns immer von neuem Zeugnis für Gott und von Gott ablegen. Bist du aber durchdrungen von dem Dasein eines geistigsittlichen Gottes, der allen Wesen Leben verliehen hat, dann ist für dich die Folgerung unabweislich, auch an die Fortdauer deiner Seele zu glauben. Das Streben nach dem Guten in dir zeigt dir, daß in dir etwas lebt, was eine innere Wesensverwandtschaft mit Gott aufweist. Das ist eben deine Seele, in ihr liegt deine Ebenbildlichkeit mit dem Allguten, darin besteht dein Kindschaftsverhältnis zum Allvater. Weil ein Gott lebt, der dir den Drang zum Guten gegeben, ist deine Seele für die immerdauernde Gemeinschaft mit ihm, das heißt anders ausgedrückt, zum ewigen Leben bestimmt. Das Vorhandensein sittlichen Empfindens in uns zeugt davon, daß Gott, der ewige, in uns einen Funken seines Wesens gelegt hat. In der Bibel finden wir diesen Jdeengang bereits an einer Stelle leise angedeutet. Da Manoas Weib, die einer göttlichen Erscheinung gewürdigt ward, nach altem Volksglauben den Tod befürchtet, belehrt sie der Gatte: Im chafez adonaj lehaamitenu lo lakach mijadenu ola umincha. „Wenn der Herr unseren Tod wollte, hätte er uns nicht den Drang zur Höhe und opferfähigen Tugendsinn in die Brust gesenkt." Wäre der Mensch nur ein irdisches Geschöpf, so hätte ihm der Allgütige nicht das sittliche Bewußtsein verliehen. Hierdurch ist der Erdensohn in ewigem Bunde mit dem Allreinen, in der innigen Vereinigung mit Gott, dem Born seines Seins, ist ihm ewige Dauer beschieden. Von solcher Ueberzeugung durchdrungen, stimmte der Sänger der Vorzeit seinen seligen Sang an: Todieni orach chajim: „Du lehrst mich kennen des Lebens Weg", in dir, o Gott, sehe ich die Bürgschaft und die Begründung meiner Unsterblichkeit. * * * Jeder Blick in die Schriftdenkmäler des klassischen Altertums vermag uns zu überführen, daß damals selbst die Weisesten und Gelehrtesten sich mit einer für uns gar erstaunlich geringen Einsicht in den Gang der Natur begnügen mußten. Jedes Schulkind weiß heute mehr von den Gesetzen des Weltalls als damals der größte Philosoph. Und doch, wenn wir auch jetzt mit neu entdeckten Strahlen das Innere der Dinge durchleuchten können, des Daseins dunklen Schleier vermögen wir nicht zu lüften. Nur der Glaube kann uns leuchten. Da wölbt sich ein Kindergrab. Die Eltern mußten dahinein ihren hoffnungsvollen Liebling betten. Wieviel Freude hatte ihnen einst aus seinen strahlenden Augen geleuchtet, wie hatte die Mutier gejauchzt, als der lockige Knabe erfolgreich seine ersten Gehversuche gemacht hatte, wie hatte des Vaters Herz gejubelt, als des Kindes lallende Zunge mit rührender Ungelenkigkeit den süßen Namen Vater gestammelt hatte, wie viele Anlagen hatten sich im Kinde geregt, wie viele Hoffnungen hatte es geweckt! Das alles sollte verloren sein! Diese Wochenschrift. Seele, die sich hinieden noch nicht entfaltet und nur leis angedeutet hatte, wessen sie fähig ist, soll nun auch dem Staub und Moder verfallen! Dazu hätte Gott das herrliche Gebilde ins Dasein gerufen, daß es bald wieder unter der Erde verwese? Von jeder Totenbahre eines Kindes geht eine Predigt über die Wahrheit des Unsterblichkeilsglaubens aus: Auch aus erstorbenem Munde der Kinder hat Gott sich eine Macht gegründet. Wie das Samenkörnlein in dem dunklen Schoß der Erde zu neuem Sein emporkeimt, so pflanzt der Allgütige die Kinderseelen in seinen Himmelsgarten und weckt sie dort zu fröhlichem Gedeihen und Reifen. Alle die herrlichen Anlagen, die sich hinieden nicht entwickeln konnten, kommen nun droben zur köstlichsten Entfaltung. Doch Kindertod ist nicht das einzige Rätsel, das ohne den Glauben an ein Weiterleben der Seele völlig unbegreiflich bleibt. Du hast treu und gewissenhaft das Deine getan, warst stets liebreich gegen die Mitmenschen und gehorsam gegen deinen Gott und doch verfolgt dich das Unglück. Deine Habe siehst du schwinden, Krankheit und Siechtum lähmt deine Kraft, deine Lieben werden dir durch des Todes rauhe Hand entrissen und Leid und Kummer ist dein Los hinieden. Dort der Frevler, der des Ewigen spottet, der seine Menschenbrüder bedrückt, der die Tugend mißachtet und seinen Leidenschaften fröhnt, schwelgt im Ueberfluß, strotzt vor Kraft und Gesundheit, seine Güter mehren sich, sein Zelt steht fest, seine Kinder blühen. Wo gibt es da einen Ausgleich, wo bleibt da die Gerechtigkeit, wann kommt da die Abrechnung? Wie kann Gott, der Allgerechte, solche schreienden Widersprüche und Disharmonien in seiner Welt zulassen? Alt ist die Frage nach dem Ausgleich der göttlichen Gerechtigkeit mit dem Lauf der Welt. Von jenen biblischen Grüblern, die da fragten: maddua derech reschaim zalecha „Warum ist der Frevler Weg so glücklich" bis zu jenem deutschen Philosophen, der einer Königin sein Werk über die göttliche Gerechtigkeit zueignete, Hallen die Stimmen, die diese Frage lösen wollen, durch alle Zeiten und Völker. Unter den Ausgleichsversuchen, die den augenscheinlichen Widerstreit zwischen Tugend und Glück beseitigen wollen, befriedigt wohl immer noch der Hinweis auf ein Leben jenseits des Grabes, wo in einer Weise, die freilich kein Sterblicher zu bestimmen vermag, der Tugend ihr Lohn und dem Laster seine Strafe wird. In diesem Sinne gießt uns das glaubensvolle Gebetswort des Psalmisten Ruhe und Frieden in das wunde Herz. Todieni orach chajim. Du, o Gott, zeigst uns in dem Ewigkeitsbewußtsein, mit dem du uns erfüllst, einen Ausweg aus den Irrungen und Wirrungen dieser Welt. Soba Semachot et panecha Fülle der Freuden genießen wir in deiner Gnadennähe, Neimot jemincha nezach, Lieblichkeit und Huld in ewigem Bunde mit dir! €itgli$cbe Briefe. Sie sind doch neugierig geworden. Die Unsterblichkeit in London läßt Ihnen nachts keine Ruhe! Sehen Sie? Auch ich kann Ihnen neues über die Themsestadt sagen, was Sie alterfahrener Kenner Englands nie entdeckt hätten. Früher dachte ich mir die Söhne Albions durchgehends mit hellgrauen Filzzylindern, darunter hervorbrechenden Bartkoteletts, grellkariertem Anzug, stets bereit, zu gähnen, stets bemüht, das deutsche W möglichst eingehend in ein schwerhervorkommendes U zu verwandeln und gleichgiltig allem gegenüber, was andere Sterbliche erregt.