Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · p. Seite 272

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
Seite 272 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606594--9297-9606598
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 272. Israelitische Wochenschrift. Vir. 20 einheitliche Existenz Gottes, die Allmacht, Allgüte und Allgerechtigkeit ist nicht Sache eines blinden Glaubens, sondern ist Ueberzeugung und teils einfach im Bewußtsein gegebenes, teils durch Erörterung des Gegebenen erhaltenes, teils logisch gefolgertes Objekt unserer selbsttätigen Erkenntnis. Besonnene Belehrung, Erweckung des logischen Elements in der Seele, Erfassung der Lehrwahrheiten mit dem Verstand ist daher eben für das Judentum typisch. Dagegen ist Gefühlsüberreizung, Schwärmerei für das Religiöse, die so oft in Andichtelei und Mystik ausartet, durchaus unjüdisch; die ewigen Muster für die religiöse Erweckung, die Propheten, haben mit Logik operiert, vermöge des Verstandes auf das Gemüt eingewirkt. Das Judentum befiehlt nicht „Du sollst glauben" — was allerdings nicht ohne Obskurantismus und Knechtung des Geistes angeht —, sondern es befiehlt, „Du sollst lernen und forschen." Im Judentum soll es nicht eine Gemeinde geben, die an dem Leitseil eines geistlichen Hirten geleitet wird, die Gemeinde soll nicht zum blinden Gehorsam sich hinneigen, noch Geistliche als höhere Kaste über sich haben; nur die wissenschaftliche Befähigung, der Fortschritt und die Vollkommenheit erteilen den Vorzug, erheben zum Lehrer. Es gibt eben kein anderes und kann auch kein anderes Judentum geben, als das von unfern Vätern überlieferte; es ist physisch, moralisch und intellektuell' mit uns verwachsen. Mit der Kette der ihm vorangegangenen Generationen, mit seiner jüdischen Abstammung muß der Jude, wenn er kein Bastard ist, noleri3 volens auch die Traditionen seines Stammes als seine eigenen mentalen Bildner mit in den Kauf nehmen, ganz abgesehen von seinem subjektiven Glauben. Gerade die moderne Wissenschaft, die jedes abstrakte subjektive Glaubensband auflöst, weiß die natürlichen Bande besser zu würdigen, als alle sogenannten Spiritualisten. Wer aufrichtig und stark genug ist, bis zu den heutigen Grenzen des Wissens und Denkens vorzudringen, der kann sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß sein ganzes Wesen in ihrer Geschichte wurzelt. Die Religions- oder Gewissensfreiheit, die in allen Glaubenssekten eine so zersetzende Wirkung ausübt, hat daher in der Tat, wie sich heute zeigt, auf das Judentum keinen so zerstörenden Einfluß, als es anfänglich den Anschein hatte. Der Gegensatz zwischen Orthodoxie und Reform, der sich in den früheren Zeiten bis zur Feindseligkeit gesteigert hatte, zeigt diesen schroffen Charakter keineswegs mehr. Man ist auf beiden Seiten duldsamer hinsichtlich der religiösen Fragen und fester, wo es sich um praktische Angelegenheiten des Judentums handelt. Die objektive Einheit des geschichtlichen und traditionellen Judentums beherrscht hier die subjektive Glaubensverschiedenheit. Tauchen hier und da Reformgelüste auf, so bleiben diese doch in gewissen individuellen Schranken, ohne Einfluß auf die maßgebenden Kreise, die das jüdische Leben zu würdigen und zu schonen wissen. Darum war es. auch nur im Judentum möglich, daß in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts auf dem Gebiet sozialer Fürsorge und praktischer Tätigkeit alle Glaubensnuancen, orthodoxe und freidenkende Juden sich zu einer segensreichen Tätigkeit vereinigten. Hier haben wir den tatsächlichen Beweis, daß die Verschiedenheit in religiösen Dingen nicht imstand ist, die natürliche, durch die Geschichte konstituierte organische Einheit zu lösen, daß nicht die moderne Wissenschaft und das moderne, sogenannte „zeitgenössische Leben," sondern die ihm zuwiderlaufenden falschen Bestrebungen eine Gefahr für das Judentum sind. Aber weder die einen noch die andern können seine organische Einheit mehr als nur vorübergehend ernstlich bedrohen. Unsterblichkeit. Von Kreisrabb. Dr. Max Beermann-Jnsterburg. In einem Volke war mit dem Tode des Königs das Herrschergeschlecht ausgestorben. Es galt, für den verwaisten Thron einen neuen Kronenträger zu wählen. Man war übereingekommen, dem Weisesten zu huldigen. Das sollte der sein, der auf die Frage: Was das Unentbehrlichste sei, die beste Antwort wüßte. Mannigfaltig und verschiedengestaltig wie das Leben waren die Antworten, die man da vernahm. Schließlich gewann einer die Herrscherwürde, der für das Unentbehrlichste den Glauben an ein ewiges Leben erklärt hatte. Unser aller wartet eine Nacht. Früher oder später gilt es, von hinnen zu gehen. Und für die Meisten heißt sterben von den Menschen vergessen werden. Wo gäbe es da einen Trost, wie erschiene das Leben lebenswert, wenn nicht in den Herzen die Ueberzeugung flammte, daß des Menschen Seele, sein göttlich Teil, zur ewigen Fortdauer bestimmt ist! Selbst im schönen Griechenland zwischen den glänzenden Tempeln und dunkeln Oelbäumen, waren die Menschen bei aller Diesseitigkeit ihrer Gesinnung von einer geheimnisvollen Ahnung erfüllt, von einem Weiterleben der Seele nach der Sterbestunde und in ergreifenden Worten haben sie ihre Träume vom Lande der Schatten ausgeströmt. Uns ist die Ewigkeit kein Reich der Schatten mehr. Im Gegenteil. Die vorübergehenden Dinge dieser Welt, das sind für uns Wolken und Schatten, und wer nichtigen Zielen nachstrebt, wird vergänglich wie schwindende Schemen. Wer aber mit seinem Sehnen wurzelt in Gott, der genießt ewiges Leben, nicht nur, wenn die Seele der Fesseln des Irdischen ledig ist, sondern selbst dann schon, wenn er noch hienieden auf dieser Erde wandelt. In diesem Sinne klingt das alte Lied des biblischen Frommen: „O könnte ich weilen in deinem Zelte in Ewigkeiten", könnte ich durch dieses Erdental mit Ewigkeitssinn ziehen, um dann nach dem Durchgang durch die Pforte des Todes weiterzuleben im Reiche des Geistes. Ein gemütvoller Weltweiser des vorigen Jahrhunderts hat diese Denkart die Tagesseite des Lebens genannt. Das Fest mit seiner Frühlingsbotschaft von dem Gotte, der Fesseln sprengt und Gräber öffnet, die Stunde pietätvollen Gedenkens an teure Verklärte, die nicht ins Wesenlose verloren und zerstoben sind, sondern in Gott den Quell ewigen Lebens gefunden haben, geben unserem Gedanken naturgemäß diese Richtung und es wird heilsam sein, wenn wir sie hier festhalten und des Dichters Mahnung erfüllen. „Vergiß, o Menschenseele nicht, daß du Flügel hast." Wir knüpfen unsere Betrachtung an das Psalmenwort: Todieni orach chajim, du lehrst mich kennen den Weg des ewigen Lebens. -i- * * Alle menschliche Erkenntnis ist nur tastender Versuch. Das klingt wieder und wieder an. In Hellas bekannte der Weiseste: „Ich weiß, daß ich nichts weiß" und in unserem deutschen Vaterlande hat einer der größten Dichter und Denker gestanden: „Ich sehe, daß wir nichts wissen können, das will mir gar das Herz verbrennen". Nur die Oberflächlichkeit glaubt im Besitze alles Wissens zu sein. Sie hat auch leichthin des Lebens Rätsel gelöst. Ihr ist die Seele nur die Tätigkeit des Hirns und der Geist schließlich nur abhängig von einer' bestimmten Art der Ernährung. Sie hat das gute Bibelwort mißachtet: „Nicht vom Brote allein lebt der Mensch". Er ist mehr als eine Zusammensetzung bestimmter Stoffe. In seinem Körper

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.