Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Zeitschrift für die Gesiniltiiitmlskii des Ziideiitilms. Webst dem WeibL'crtt: Jüdisches LittevcrtuvbLcrlt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt rnonatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag:; Bezugspreis vierteljährlich: Wertin 6., Woß-Straße 3 Deutschland u. Österreich-lsngarn 3.— Mk. Telephon: Amt I, 5729. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Urrrnnrer 20. Kertiri, 19. Mai 1905. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten wir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin^., Rotz-Stratze 3. Die heutige Nummer enthält das Jüdische LitteraturblattNr. 10. Inhalt. 1 Artikel: Praktisches Judentum. Von Dr. Selig kowitz- Köthen. — Unsterblichkeit. Von Dr. Max Beermann-Jnsterburg. — Englische Briefe. — Der Talmud in Japan. — Politik: Russische Judenhetze. — Gegen die jüdische Turnerschaft. — Wochenchronik. — Vakanzen. — Feuilleton: Die Frau des Verurteilten. Von Mathilde Schmidt. (Fortsetzung) — Inserate. Praktisches Judentum. Von Dr. B. Seligkowitz-Köthen. Es ist der älteste und höchste Gedanke in der Entwicklung des Judentums, daß jeder einzelne Jude sich verpflichtet fühle, nicht nur seinem eigenen Gewissen, sondern dem Gesamtgewissen zu genügen, nicht nur seine eigene Ehre zu wehren, sondern auch die Ehre des gesamten Judentums; das Gute wo er kann, zu tun, das Arge, wo er kann, zu meiden, damit die Ehre und der sittliche Bestand der Gesamtheit des Judentums nicht Schaden erleiden. Diese gegenseitige Verantwortung in ethischer Beziehung wird uns auch von unseren Feinden zudiktiert, die stets für „den Juden" „die" Juden setzen. Ein einziger schlechter Jude unter Hunderten trübt den Stamm Israels, zerrt die Ehre der Gesamtheit in den Staub. Es geziemt dem Einzelnen nicht, zu sagen, „ich bin Deutscher, kem russischer Jude, (ich bin Reformjude), ich bin aufgeklärter Jude und habe mit den im Ghettosumpf watenden nichts zu tun" — die ganze Judenschaft wird in Mitleidenschaft gezogen, wenn ein einziger Jude unrecht tut; dagegen helfen eben keine logischen Gründe, noch energische Proteste; wir müssen den höheren sittlichen Anforderungen, die man an uns stellt, genügen. Besonders lehrreich und bedeutungsvoll ist die Voraussetzung dieser organischen Einheit des Volkes, die wir in den gesetzlichen Vorschriften über die Reinigung der Volksgemeinde von einer ihr anhaftenden Befleckung wahrnehmen. Das Gesetz zeigt nämlich, daß gerade da, wo an irgend einem Punkt eine augenfällige und gewaltsame Unordnung vorliegt, die Einheit und Ganzheit des Gesamtwesens ihre höchste Kraft zu erweisen habe. Als einer in Israel öffentlich den Sabbat entweiht hatte, wird auf besonders geschehene Anfrage der Bescheid erteilt, daß die ganze Gemeinde ihn steinigen soll. Dasselbe geschah auch, als einer aus Israel den heiligen Namen Gottes gelästert hatte; auch da wird der Bescheid erteilt, daß die ganze Gemeinde ihn steinigen soll, nachdem zuvor alle, die die Lästerung angehört, ihre Hände auf das Haupt des Lästerers gelegt haben werden. Das Bewußtsein des Gesamtlebens ist ein so ausgebildetes, daß eine so starke Abnormität nicht gedacht werden kann, ohne daß im Gesamtorganismus auch ein Mißverhältnis zu dem heiligen Namen vorhanden ist. Diese geschichtliche Grundanschauung von der Gesamteinheit Israels als eines einheitlichen Organismus ist später in dem Satz ausgedrückt worden: „Alle Mitglieder Israels müssen für einander einstehen und bürgen;" wie dem Ganzen die Schuld und Schwäche, die Sünde und Unwürdigkeit des Einzelnen zugerechnet wird, so ist auch ein jeglicher einzelne verpflichtet, durch sich und in sich das Ganze zu tragen und zu Ehren zu bringen. In dieser geschichtlich konstituierten organischen Einheit des jüdischen Volks liegt auch der Grund für die Tatsache, daß sich in seiner Mitte keine verschiedenen Sekten halten und ausbreiten konnten. An Versuchen von Sektenbildung hat es im Judentum nie gefehlt und fehlt es auch heute nicht. Aber alle älteren und neueren Versuche dieser Art, von den Essäern und Judenchristen an, bis herab bis zu den Karäern, Kabbalisten, Sabbatianern, modernen (Reformatoren) Universalreligionsstiftern haben bei aller großen Verschiedenheit in Ansehung ihrer Tendenzen und Schicksale doch das eine mit einander gemein, daß sie zum Abfall vom Judentum führten. Innerhalb einer Glaubenssekte können sich begreiflich immer neue Sekten bilden; wo der Glaube das Wesen einer Religion ist, kann sich jede Glaubensnuance, als das wahre Wesen dieser Religion geltend machen. So kämpfen und wetteifern im Christentum römische, griechische, protestantische und rationalistische Sekten, um dem „wahren" Christentum den Sieg zu verschaffen. Das Judentum dagegen, weil es selbst keine Glaubenssekte ist, kann auch keine verschiedenen solcher Sekten in stch aufkommen lassen. Glaubensartikel, wie sie bei anderen Konfessionen aufgezählt werden, gibt es bei uns keinen einzigen. Die ewige.