Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 264. Israelitische Wochenschrift. Nr. Id hören u. a. Herr Direktor Dr. Adler, Herr Dr. Rudolf Geiger, Herr Dr. W. Hanauer, Herr Dr. Kaufmann und Herr Fritz Sondheimer an. Die Herren sind auch bereit, Neuanmeldungen entgegenzunehmen. Ltraffburg i. Elsas;. Am 1. Mai wurden durch bis jetzt noch unbekannte Personen auf dem israelitischen- Friedhofe in Königshofen 28 Grabsteine umgeworfen. Fürth, 3. Mai. Professor Dr. S. Herzstein begeht heute sein 25jähriges Jubiläum als Lehrer der neueren Sprachen an der israelitischen Realschule. Pest. Unter großer Beteiligung wurde am 3. d. Mts. Oberkantor Professor Jakob Bachmann zu Grabe getragen. Der Andrang der Leidtragenden war so groß, daß die Polizei schon urn 1 Uhr mittags absperren mußte. Es waren erschienen: der Präsident der israelitischen Religionsgemeinde Hofrat Sigmund Kohner, das Präsidium der Chewra Kadischa, der Professorenkörper des Landes Rabbinenseminars unter Führung Dr. Heinrich Blochs, die Beamten der Religionsgemeinde, die Direktoren und Lehrer der israelitischen Schulen u. v. a. Um 3 Uhr wurde der Sarg in den Hofraum getragen, wo der vereinigte Chor unter Leitung des Professors Lazarus Chorgesänge vortrug, woraus Rabbiner Dr. Julius Weißburg die Trauerrede hielt. Professor Lazarus nahm dann am offenen Grabe im Namen seiner Berufskollegen, und im Namen der Beamten der israelitischen Religionsgemeinde der Wiener Oberkantor Bela Guttmann im Namen des österreich-ungarischen Karltorenvereins von dem Verstorbenen ergreifenden Abschied. Feuilleton. Die Trau des verurteilten. Historische Erzählung (nach Julio Venturo). Von Mathilde Schmidt. (Fortsetzung.) Sie hatte sich auch wirklich nicht in ihrem Verdacht geirrt. Als die beiden königlichen Abgesandten einen Rat hielten, unl die Schuldigen zu erforschen, nannte jemand den Magister Moyses und bezeichnte ihn, als der königlichen Gerechtsamkeit verfallen, da er zwei Männer getötet habe. Nicht eine Stimme erhob sich, um den Magister zu verteidigen. Die einen hatten schon lange mit neidischen Augen den Einfluß verfolgt, den der Arzt in der Stadt ausübte, und andern wiederum waren die Tatsachen völlig unbekannt; so wurde er zu denen gerechnet, die verurteilt werden sollten. Am folgenden Tage klopften zwei Gerichtsbeamte im Namen des Königs an die Tür des Magisters Moyses und verkündigten ihm seine Gefangennahme. Es ist unmöglich, den Schmerz und die Trauer zu beschreiben, die das Herz der zarten Esther zerrissen, als man ihr, trotz ihres großen Wehklagens, den erschrockenen Gatten von der Seite riß; und dieser Kummer wurde noch größer, als sie nach einigen Tagen die Nachricht erhielt, daß er mit den Hauptanführern des Aufruhrs zur ^""'.ge verurteilt war. Voller Verzweiflung klagte. )u das harte Schicksal, das ihr den Gatten und Beschützer raubte. Vergebens flehte sie mehrere Personen, die sie imstande glaubte, ihren Gatten zu retten, um Vermittlung an und entschloß sich endlich zu einem Akt der Demütigung, zu dem die heiße Liebe zu ihrem unglücklichen Gefährten sie trieb. Obgleich sie fast überzeugt war von der Nutzlosigkeit ihres Versuchs, so begab sie sich doch zu Diego da Silva, denn ihm schrieb sie wie alle andern, besonders die Verurteilung Moys6s zu. Den Mann, den sie früher mit der größten Verachtung behandelt hatte, wollte sie nun um Begnadigung anflehen oder um Milderung der auferlegten Strafe, selbst wenn sie gezwungen sein würde, ihren Mann in die unwirtlichsten Regionen zu begleiten. Diego da Silva war eben damit beschäftigt, einige Briefe durchzusehen, die er in einem Schubfach seines Schreibtisches verwahrt hielt und las gerade einen, den er der Tochter des Don Judas geschrieben hatte, als man ihm meldete, daß diese ihn zu sprechen wünsche. „Laß sie hereinkommen", befahl er kurz. Esther, die aus dem Vorplatz die gehässige Art und Weise vernommen hatte, mit der die Ankündigung ihres Besuchs ausgenommen wurde, hätte fast wieder den Rückweg eingeschlagen, ohne ihr Vorhaben auszuführen, wenn nicht der heiße Wunsch sie zurückgehalten hätte, alles zu erdulden, um die Freiheit ihres Gatten zu gewinnen. Sie trat mit bleichem Gesicht und Tränen in den Augen ein und warf sich Diego da Silva zu Füßen; dieser begrüßte sie mit leichtem Neigen des Kopfes. „Senor Diego da Silva, retten Sie meinen Gatten!" Der Richter erhob sich von dem Stuhl, auf dem er sitzen geblieben war und sagte mit halb rauhem, halb süßlichem Ton, aus dem die Verachtung hervorklang: „Erheben Sie sich, Senora, Sie entwürdigen sich, indem Sie sich vor einem Wüstling beugen." Esther erinnerte sich beim Anhören der letzten Worte, daß sie diese gebraucht hatte, als sie seinen Antrag zurückwies. „Um Ihrer Väter willen, welche Gott selig machen möge, vergessen Sie das Vergangene und denken Sie daran, einer armen Unglücklichen zu helfen." „Ergeben Sie sich, Senora, in den Willen des Höchsten, den wir mit Demut hinnehmen müssen", sagte Silva mit heuchlerischer Miene. „Und wie viele leiden nicht unschuldig, während Ihr Gatte doch schuldig ist." „Mein Mann schuldig!" unterbrach ihn Esther voller Entrüstung. „Und welches Verbrechen hat er denn begangen?" „Er hat zwei Männer gemordet", antwortete Diego da Silva langsam, indem er gemächlich im Zimmer auf und niederging. „Aber diese Männer waren gemeine Räuber, die uns morden wollten, um uns zu berauben." „Die Zeugen haben dies nicht bestätigt", wandte er mit derselben beleidigenden Ruhe ein und fuhr fort, den viereckigen Raum mit langsamen Schritten zu durchmessen. Esther wagte nicht mehr, dem Kriminalrichter zu widersprechen. Noch immer kniend, verbarg sie mit leisem Klagen und Schluchzen das Gesicht in beide Hände. Diese demütige Stellung ließ ihre natürliche Schönheit noch mehr hervortreten. Durch eine Bewegung des Schmerzes und der Verzweiflung hatte sich ihr Haar gelöst und ersetzte etwas den Mantel, der ihr von den Schultern geglitten war und den schwellenden Busen frei ließ. Außerdem machten sie die schwarze Tracht und der melancholische Ausdruck, der wie eine Wolke ihr Gesicht überschattete, zu einer verführerischen Schönheit. Diego da Silva blieb stehen und betrachtete sie. Nachdem er sie eine Zeitlang angesehen hatte, stieg eine helle Röte in sein Gesicht und eine plötzliche und sinnliche Glut leuchtete in seinen Augen auf. „Nun ja, ich könnte Ihnen wohl von Nutzen sein", sagte er sanft. Er ging zu der schönen Esther,^ ergriff eine ihrer Hände und flüsterte zärtlich: „Erheben Sie-sich, Senora, und verlieren Sie den Mut nicht; Sie können Ihren Gatten vielleicht noch retten!"