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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-12 · 19 (12.5.1905) · p. Seite 262

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
Seite 262 (sequence 10)
Language
German
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Seite 262. Israelitische Wochenschrift. Nr. 19 Aufruf. Berlin, den 1 Mai 1905. Kollegen! Seit Jahren ist die Lage der Kultusbeamten Gegenstand der Erörterung gewesen. Vorschläge zur Hebung des Standes sind in Wort und Schrift zur Genüge gemacht worden, ohne daß sie zu einem Resultat geführt hätten. Die Unsicherheit der Anstellungsverhältnisse, die traurige Aussicht für die Zukunft der Hinterbliebenen, die mangelhafte Besoldung bestehen noch heute genau so wie in früheren Tagen. Wir wollen nicht mehr mit Worten kämpfen, die zu einem Endziel nicht führen, sondern energisch tätig sein für die Herstellung und praktische Durchführung einer Organisation, die allein geeignet ist, dem Kantorenstand zu helfen. Der Vorstand der „Hilfskasse für israelitische Kultusbcamte, deren Witwen und Waistn in Deutschland" hat daher die Einberufung eines Kantorentages für den 12. und 13. Juni d. I. behufs Gründung eines allgemeinen Kantorenverbandes beschlossen und die Vorarbeiten hierzu ausgeführt. Eine größere Anzahl Kantoren hat den Vorstand der „Hilsskasse" -u seinem Unternehmen beglückwünscht und ihre Unterstützung und Teilnahme bereitwilligst zugesagt. Auch der D. I. G. B. sowie der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde sehen der Entwicklung der Kantorenorganisation mit dem wärmsten Interesse entgegen und haben die Absendung von Delegierten für diesen Zweck bereits in Aussicht gestellt. Durch gütige Unterstützung des Elfteren sind wir auch erfreulicherweise in die Lage versetzt, den Delegierten einen kleinen Zuschuß zu den Reisekosten gewähren zu können. Wir eisuchen nun die Vorstände aller bestehenden Fachvereine in der Provinz, ihre Delegierten für den Kantorentag zu ernennen, und sie baldmöglichst bei dem Vorstand der „Hilfskasse" anzumelden. Den Kollegen, die einem Fachverein nicht angehören, ist avzu-alen, sich in ihren Kreisen zu vereinigen und durch eine Abordnung bei dem Kantorentag vertreten zu lassen. Von den in größeren Gemeinden amtierenden Kollegen erwarten wir besonders, daß sie die Kosten einer Reise nach Berlin nicht scheuen werden, um persönlich an den Beratungen des Kantorentages teilzunehmen. Und nun Kollegen, schart Euch um uns! Die Zeit, in der es g'lt, für die Hebung und Förderung des Kantorenstandes mit Wort und Tat energisch einzutreten, ist gekommen. Laßt die Augenblicke nicht ungenutzt vorübergehen, sondern zeigt, daß Ihr der Beachtung, die Ihr mit Recht erheischt, auch würdig seid. Seid eingedenk des Bibelwortes: „Ein Jeder bei seiner Fahne!" Programm für den Kantorentag: I. Tag l Konstituierung des Kantorentages. 2. Gründung eines allgemeinen Kantorenverbandes (Restrat: Kalischer-Bcrlin). 3. Wahl des Vorstandes für den allgemeinen Kantorenverband. 4. Wahl eines Komitees zur Ausarbeitung eines Verbandsstatuts. 5. Besprechung eingegangener Anträge. II Tag. 1. Beratungen zur Gründung einer Kantorenschule (Referat: Schönberger^ Potsdam) 2. Reliktenversorgung (Referat: Duboivski-Berlin). 3. Verschiedenes. 4. Vortrag: Rück- und Ausblick über Synagogenmusik (Henle- Hamburg). Abraham-Frankfurt a. Oder. Asch-Berlin Cerini-Breslau Tavidsohn-Gleuvitz. Dubowski-Berlin. Epstein-Berlin. Fabisch- Göttingen. Fränkel-Nürnberg. Goldberg-Chemnitz Goldberg- Berlin. Gottlieb-Braunschweig. Henle-Hamburg Hosstein-Dresden. Jacoby-Dnnzig. Kalischer-Berlin. Kirschner-Berlin. Kirschner- München. Lembk.-Krotoschin. Lewit-B rlin Lichtenstein-Hamburg. Liehardt-Hannover. Neustadt-Berlin Nusbaum-Mainz. Rosenthal- Berlin. Oßwald-Posen Pessachovitsch-Frankfurt a. Main. Rosenthal-Brieg. Sascher-Berlin. Schidrowsky-Tcksit. Schönberger- Potsdam. Singer-Kattowitz. Smgermann-Ralibor. Stabinski- Berlin. Süßkind-Hamburg. Tennenbaum-Stuttgart. Weill- Dessau. Literarisches. Ter Wegweiser für die Jugendliteratur. Herausgegeben ■ von der Großloge für Deutschland U O. B. B. Das 1. Heft ist erschienen und enthält neben dem zum Abdruck gelangten Artikel des bekannten Hornberger Dichters und Schriftsteller I. Loewem berg einen Artikel zur Einführung von dem Herausgeber Dr. Spanier, ferner Beurteilungen und ein Verzeichnis von Jugendschriften. Ausführliche Besprechung behalten wir uns vor. Die jüdische Geschichte im Zeitbilde großer Kulturstufen. Für höhere Schulen und zur Selbstbelehrung dargestellt von Emil Desfauer. Verlag von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. Preis 1,20 M. Von einem neuen, bei der Abfassung kleiner Schulbücher bisher wenig berücksichtigten Gesichtspunkte hat der bekannte Lehrer Dessauer in Fürth die jüdische Geschichte darzustellen versucht. In 25 Kapiteln will der Verfasser Nachweisen, „wie auch in den düstersten Zeiten stets wieder die Sonne des religiösen Israels aufgegangen ist"- Dies dürfte ihm nur in sehr bescheidenem Maße gelungen sein. Vielleicht wird dieses Büchlein in der Hand eines geschickten Lehrers die Aufgabe, die dem Unterrichte in der Geschichte zufällt, lösen helfen. Zum Selbstunterricht ist es durchaus unzulänglich. Dessauers Buch sonst nach seinem pädagogischen Wert zu beurteilen, wollen wir den Lehrervereinen überlassen, die sich mit seiner Kritik befassen werden. Jedoch auf einige Unebenheiten in der Form sei hier hingewiesen, Mängel, die einem Schulbuche nicht anhaften sollten. „In Israel erwachte stets die himmelandringende Riesenkraft des Glaubens . . „Im Lichte des Alltags besehen, trug der makkabäische Staat den Keim des Todes in sich." Derartige Sprachungeheuerlichkeiten weist das Buch in großer Zahl auf. Man empfängt den Eindruck, als ob der Verfasser darauf angelegt hätte, sich so nutzbar wie möglich auszudrücken. Einfachheit und Natürlichkeit der Sprache und somit Verständlichkeit sind doch die Grundbedingungen eines Schulbuches, und dagegen hat der Verfasser arg gesündigt. F. Die Politik. Materialien zur Beurteilung der Lage der Juden in Mußland. In den Petitionen, welche die russischen Juden an Herrn von Witte oder an lokale Behörden gerichtet haben, um die Notwendigkeit der völligen Gleichstellung der Juden mit den übrigen Einwohnern darzutun, findet man manche interessante Daten über die Lage der Juden. So heißt es in einem von den Vertretern der jüdischen Gemeinde Kowno an das Stadthaupt Brzezowski gerichteten Schreiben: In der Stadt Kowno machen die Juden nicht weniger als 50 pCt. der allgemeinen Bevölkerung aus und unter den Zahlern der Stadtabgaben bilden sie eine erdrückende Mehrheit. Die Gerechtigkeit verlangt, daß die Juden in der Stadtverwaltung, die, wie aus oben Gesagtem ersichtlich, all ihre Interessen so tief berührt, gleich allen übrigen Nationalitäten vertreten seien; dagegen sind sie aber, der Gerechtigkeit und selbst der einfachsten Zweckmäßigkeit zuwider, von jeglicher Teilnahme an der städtischen Selbstverwaltung ausgeschlossen. Die von der Regierung ernannten Stadtverordneten können, da sie nicht von der Bevölkerung gewählt sind, auch nicht als deren Vertreter erscheinen und im Namen der Bevölkerung sprechen. Die in jeder Beziehung unnormale Rechts¬ und ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung in den Städten muß unvermeidlich auf die ganze Art des städtischen Lebens einen Einfluß ausüben und dies ist auch in der Tat der Fall. Die Rechtsbeschränkungen haben das Sinken des Wohlstandes zur Folge, sie halten den städtischen Handel und die Industrie auf I einem niedrigen Niveau; Armut hat die Verschlimmerung der sanitären Lage der Stadt, die Vermehrung der Krankheits- und Todesfälle, die Entwicklung der Freveltaten im Charakter der Bevölkerung zur Folge. Die Interessen der einzelnen Klassen der Bevölkerung sind durch tausende von Fäden miteinander verknüpft und es liegt nicht nur: im Interesse derjenigen Personen, die unter den unnormalen Rechts- und ökonomischen Bedingungen direkt leiden, sondern auch der ganzen Bevölkerung, diese Zustände aufzuheben. Eine bemerkenswerte Aeußerung findet sich in einer an Herrn von Witte gerichteten Petition der jüdischen Bevölkerung des Ortes Dubrowno im Gouvernement Mohilew. Es heißt dort nämlich: Wir haben Veranlassung, zu befürchten, daß bei Besprechung des Maßregeln, die auf Punkt 7 des Allerhöchsten Ukases vom

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