Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 265 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 19. Israelitische Wochenschrift. Seite 266 Als Esther diese Worte hörte, küßte sie, außer sich vor Freude, die Hand, die ihr half, sich zu erheben und sagte bewegt: „O, Senor, seid mein Retter, und der Himmel wird Euch belohnen!" „Die Rettung des Magister Mopses ist in Ihren Händen, Esther", antwortete Diego da Silva. „O sagt mir um Himmels willen, was ich tun muß. Bei Gott, ich würde den letzten Blutstropfen hingeben, um ihn vom Strang zu retten." „Dessen bedarf es nicht." Er trat dicht an Esther heran und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Eine heiße Röte stieg der Jüdin bei diesen Worten ins Gesicht und voller Entrüstung rief sie: „Nichtswürdiger, der es wagt das Unglück eines Weibes zu mißbrauchen! Nie werde ich um diesen Preis die Rettung meines Mannes erkaufen. Elender!" Sie schlug den Teppich, der als Portiere diente, zurück und schritt hinaus; während Diego da Silva in eine Wut geriet, wie ein Tieger, dem seine Beute entrissen ist. „In achtundvierzig Stunden bist du eine Witwe!" stieß er zwischen den Zähnen hervor. Am nächsten Morgen drehte sich die Gefängnistür in ihren Angeln und ließ ein noch junges Weib hinein. Es war Esther, die gekommen war, ihrem verurteilten Gatten ein letztes Lebewohl zu sagen. Als Esther in das unterirdische Gefängnis trat, schlief ihr Mann auf einer verfaulten Matratze und in seinerganzen Person, seinen zerwühlten Haaren, seinem halb zerrissenen Anzug sah man deutlich die Spuren eines kürzlich stattgehabten Ausbruchs der Verzweiflung. Sie kniete nieder und küßte zärtlich seine Stirn. Der Gefangene zitterte leise und heftete seine halbgeöffneten Augen forschend auf Esther, als ob er suchte, sie zu erkennen. Er streckte schon die Arme nach ihr aus, als er plötzlich voller Entrüstung aufsuhr: „Geh fort von mir. Du ungetreues Weib!" „Mein Gott, was tat ich Dir, daß Du mich so strafst? Ist mein Mann wahnsinnig geworden?" rief Esther und hob die tränenüberströmten Augen gen Himmel. „Ich bin nicht wahnsinnig, aber Du, Lügnerin, hast mich betrogen." Er versuchte sie rauh von sich abzuwehren. „Was ist Dir, Mopses, sage es mir doch und laß mich nicht so leiden." „Lies diesen Brief." Esther las begierig das Papier, das ihr Gatte ihr reichte, und rief: „Elender, warst du noch nicht zufrieden? Und du, Mopses, glaubst so leicht den Nichtswürdigkeiten dessen, der die Ursache deiner Verurteilung ist? Ich sollte fähig sein, Dich zu verraten und meinen Eid der Treue zu brechen?! Diese Beleidigung habe ich sicherlich nicht von Dir verdient", rief sie schluchzend. „Von wem ist dieser Brief?" „Von Diego da Silva, unserm geheimen Feinde." „Bist Du dessen gewiß?" „Ja, ich werde aber noch den Kerkermeister fragen, wer ihn gebracht hat." Esther rief den Wärter und fragte, wer wohl der Ueberbringer des Briefes gewesen wäre. „Eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, groß und mager, die ich manchmal Judit habe nennen hören. „Siehst Du wohl", sagte Esther, sobald der Kerkermeister sich zurückgezogen hatte, „es war die Kupplerin jenes Unholds in Menschengestalt, der mich gestern so gequält hat." Sie erzählte ihm nicht nur, was sich zwischen ihr und dem Kriminalrichter zugetragen hatte, sondern auch den Grund des Hasses, den er gegen sie hegte. Als Mopses den Beweis so großer Zuneigung erfuhr, zerriß er den Brief, umschlang seine Gattin, küßte sie zärtlich und sagte: „Meine geliebte Esther, Dein Besuch hat mir große Erleichterung gebracht. Wenn Du nicht gekommen wärst, wäre ich wie ein Elender gestorben, der einem Engel flucht." Es mochte eine halbe Stunde verflossen sein, als der Gefängniswärter wieder eintrat. Beim Anblick der beiden Gatten, die sich umarmt hielten, konnte er die Tränen nicht zurückhalten und rief: „Was für ein trauriges Amt habe ich doch, den ich muß Sie jetzt bitten, Senora, sich zurückzuziehen. Es ist Zeit, daß Ihr Mann in den Betsaal geht." „Lebwohl, geliebte Esther, auf Wiedersehen im Himmel, wo wir uns wiederfinden werden." Rebekka erwartete ihre Herrin an der Tür des Gefängnisses und geleitete sie schützend und tröstend in das Haus ihres Vaters zurück, wohin die unglückliche Frau nach der Gefangennahme ihres Gatten geflüchtet war. „Vater", rief sie voller Schmerz und Verzweiflung, indem sie vor dem Ruhebett des Leidenden auf die Knie sank und angstvoll die Hände rang, „Vater, hilf uns! Hilf Mopses, oder er muß sterben!" „Die Hilfe kommt von Gott, mein Kind", sagte Don Judas sanft und ließ seine abgezehrte Hand über das aufgelöste Haar seiner Tochter gleiten, die ihren Kops in seinen Pelzmantel vergraben hielt. „Der Gott unserer Väter zürnt feinem Volk und sucht die Kinder seines Erbteils heim. Wir leben um zu sterben." „Ich habe aber noch nicht gelebt", rief Esther klagend, „und nun soll ich ihn, der mir mehr ist als mein Leben, unschuldig sterben sehen. Was nützt mir jetzt der Reichtum, um den ich so oft beneidet wurde, wenn er mir nicht die Freiheit meines Gatten erkaufen kann. O, daß ich die Königin dieses Landes wäre, eine solche Ungerechtigkeit dürfte nie und niemehr geschehen." „Die Königin, mein Kind, weiß nichts hiervon, oder doch nur, was ihre Umgebung ihr sagt. Aber laß uns einen letzten Versuch wagen und die Gnade der Königin anflehen, vielleicht sendet der Allmächtige im letzten Augenblick die Hilfe von dorther. — Wo mag aber die Königin jetzt weilen und wer kann schnell genug zu ihr gelangen", fügte er traurig hinzu. „Die Königin ist seit ein paar Tagen in Lissabon", sagte Rebekka, die nach Sitte der portugiesischen Dienerinnen auf dem Fußboden kauerte und mit verhülltem Haupt leise das Unglück ihres Lieblings beweinte; „ich habe gestern Nachricht von meiner Tochter erhalten, daß sie hier ist, aber wegen der Pest nicht zu mir kommen darf." Ein neuer Hoffnungsstrahl leuchtete aus Esthers Augen. „Laß uns zu ihr eilen, Rebekka", bat sie in großer Erregung, „ehe es zu spät ist. Rosa wird Rat wissen; sie sieht die Königin täglich, fast stündlich; sie wird mir, ihrer Milchschwester, zu helfen bereit sein." „So reiche mir denn meine Schreibgeräte, meine Esther", sagte Don Judas, „und sende mir den Diener, daß er mich stützt, während ich das Gnadengesuch verfasse und Ihr Euch zu dem Gang bereitet."