Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 257 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 19. Israelitische Wochenschrift. Seite 257. wissen dadurch Erleichterung, daß er den ihm mit schwerem Golde lohnenden Juden statt Bilder Karrikaturen lieferte. Nur um ein weniges unterscheiden sich die Trachten der auf diesem Gemälde erscheinenden Juden von der christlichen Haustracht: der eine ist in einen weißen Mantel gehüllt, welcher nach damaliger Sitte mit roten Streifen besetzt ist, der andere trägt ein gelbes Unterkleid und einen trübroten Mantel. Die Zeichnung einer andern Gruppe aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts findet sich in der handschriftlichen Chronik des Ulrich von Reichenthal auf dem Rathause zu Constanz. Es sind Juden im feierlichen Aufzuge. An solchen Huldigungszeremonien hatten es die Nachkommen Israels das ganze Mittelalter hindurch nicht fehlen lassen. Bei dem großen Feste der Besitznahme eines erwählten Papstes von dem apostolischen Stuhle mußten die Juden Roms in festlicher Deputation ihm entgegen kommen. Mit ihrem heiligsten Kleinod, dem Pentateuch, erschienen sie dann an dem Wege, wo der päpstliche Triumphzug vorüber kam; sie sangen Loblieder, boten dem Kirchenfürsten, gleichsam als die Bibliothekare der christlichen Religion die Gesetzrolle dar, gewöhnlich nahm er sie an, las eine Weile darin oder stellte sich als ob er lese, reichte sie dann hinter sich und sprach einige Worte, welche in den meisten Fällen die Herzen der um Erneuerung des Schutzes bittenden Juden wie Dolchstiche verwundeten. Diese Feierlichkeiten waren ein Vorrecht der Juden in der alten Weltstadt; nur einmal war es über die Juden in Constanz verhängt, in die Rechte ihrer römischen Brüder einzugreifen, und zwar bei der Weihe des in ihrer Stadt während der großen Kirchenversammlung gewählten Papstes Martin V. Keiner seiner Vorgänger und Nachfolger ist je so feierlich geweiht worden. Er ritt auf einem weißen Rosse, das der Kaiser Sigismund und der Kurfürst von der Pfalz, beide zu Fuß, beim Zügel führten. Eine Menge von Fürsten und die ganze Kirchenversammlung bildeten den Zug. Ulrich von Reichenthal, welcher um diese Zeit als Domherr in Constanz lebte, war Augenzeuge dieser 1417 stattgefundenen Feierlichkeit und beschreibt sie folgendermaßen: I „Do er kam für das hus zum schlegel by sant laurenzen, ' und gingen im die Juden entgegen mit vil großen brinenden kertzen und hetten all ihren Habit an als sy an irem langen tag Hand — und trugen ire zehn gebott under ainem güldnen tuch mit vier stangen an einem küssen, das was rot samatti und hett vier zipfel und an jeglichem zipfel zwo schellen und wenn sy den stecken an ainem küsse rürten, so lütten die schellen, und sungen vast hebräisch und da sy zu dem babst kamen, do knüweten sy alle nider und butten im die zehn bott und batten in, daß er inen ihr freyhait bestätte, als sy denn von andern babsten bisher gehapt hatten, do wolt der babst der gebott nicht — aber unser Herr der kung (Kaiser Sigismund) empfing sy und sprach: moyses gebott sind gut und rächt, aber sy wollen sy nit verston noch rächt halten. Do redt der babst etwas heimlichs, dos nit jederman verston kond und kart sich herumb zu den Juden und sprach lut, das es meneklich Hort: Omnipotens deus avertat velamen ab oculis vestris ut possitis videre lumen eterne vite*) und segnet sy und sprach: in nomine patris et filii et Spiritus sancti und rait von dannen.**) *) „Möge der allmächtige Gott die Binde von euren Augen nehmen, auf daß ihr das Licht des ewigen Lebens schauen könnt." **) Als Kaiser Karl V. nach Prag kam, gingen ihm die Juden in einem „Aufzug" entgegen, lieber diese Feierlichkeit lesen wir bei Hormayer (Archiv für Geographie und Historie, 1811, S. 633) -. Den Zug eröffneten die vier Vornehmsten der Gemeinde; sie trugen die Stangen des Baldachins, dessen Tuch rot gemalt war; ein weißes goldgesticktes Tuch hatte ein jeder über dem Kopfe. Ihre Kleidung bestand in roten Ueberkleidern, aus welchen blaue Aermel hervorsahen. Der die zehn Gebote trug im roten Umhang mit goldenen Schecken hatte einen grünen Mantel mit weißem Futter und goldenen Agraffen und ein grünes Unterkleid. Mehrere schritten in grünen Ueber- und roten Unterkleidern mit brennenden Kerzen voran. Die Tracht der übrigen Juden, welche sich dem Zuge angeschloffen hatten, war rot. vaz Land der Philister. Der „Kölnischen Zeitung" entnehmen wir die nachfolgende interessante Schilderung der Gegend von Gaza. Diese Schilderung verrät einen ortskundigen und scharfblickenden Kenner (Missionar Gatt in Gaza?) der topographischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Gebietes. Das Land der Philister ist allbekannt; schon die Schulkinder kennen das Heimatland des Riesen Goliath. Die Pilger, welche jetzt scharenweise das Heilige Land besuchen, betreten das Land der Philister nicht, können jedoch einen großen Teil desselben überblicken, wenn sie von Ramle nach Sedsched fahren oder umgekehrt. Der Bahn zunächst liegt Aker, das alte Akkaron, eine der fünf Philisterstädte, mit einer jüdischen Kolonie*). Uebrigens können die Pilger sich auf der Fahrt von Jaffa nach Jerusalem einen Begriff vom Lande der Philister aus dem Anblick der Gegend von Jaffa bis Sedsched machen, das genau so aussieht. Das Land der Philister bildet den Regierungsbezirk Gaza, das eigentliche Palästina, von dem das ganze Heilige Land seinen heutigen Namen hat. Der Re« gierungsbezirk Beer Seb'a, welcher erst in neuester Zeit von Gaza abgetrennt worden ist und das in der Bibel Negeb genannte Südland umfaßt, kann auch noch dazu gerechnet werden. Das Philisterland, die Ebene Sephela oder das Niederland der Blbel, grenzt im Norden an die Ebene Saron, im Westen an das Mittelmeer, im Süden an die sinaitische Halbinsel und im Osten an das Gebirge von Juda und die Gegend des toten Meeres. Die Länge von Wadi Echnen dem Meere entlang bis an die egyptische Grenze bei Raphah, dem alten Raphia, beträgt 18 Stunden, die Breite von Askalon bis Betdschibrin 8 Stunden und von Der el Belech bis zum toten Meere mehr als 20 Stunden. Das Philisterland ist keine vollständige Eöene, sondern besteht aus flachen Mulden, die von niedrigen Höhen eingesäumt sind. Die Bibel erwähnt zwei solcher Höhen, nämlich den Berg Baal zwischen Akkaron und Jamnia und den Berg von Azotus zwischen Gezer und Azotus. Die Gelehrten zerbrechen sich die Köpfe über diese Berge. Die Sache ist jedoch ziemlich einfach. Der Berg Baal ist der Höhenzug, auf dem el Moghar liegt, und der Berg von Azotus ist der Höhenzug, auf welchem Beschit, Barka und Jasur liegen. Diese und andere Höhenzüge erheben sich jedoch nur 30—50 Meter über das umliegende Land. „darüber sind an die drei Hundert Juden mit einem gar schönen Pannier und ihrer Lade, oder den zehn Geboten und dem Talmud (?). Voraus gingen die Rabbiner und was der Synagoge angehörig; hernach die Aeltesten und Witwer in schwarzen langen Mänteln und Kappen: dann die Jünglinge und Knaben in weißen Kitteln mit Gold schön geschmückt, wie sie das an ihren Festen tragen. Hierauf kamen die jungen Ehemänner in ihren Tales . . ." *) Die Kolonie Ekron oder Maskereth Batja. D. Red.