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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-12 · 19 (12.5.1905) · p. Seite 256

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
Seite 256 (sequence 4)
Language
German
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Seite 256. Israelitische Wochenschrift. Nr. 19 erster Reihe deshalb, weil die Gemeinden die Bedeutung des Jugendunterrichts nicht genügend zu würdigen verstehen. Wir hören so oft Klage darüber führen, daß cs schwer falle, geeignete Lehrkräfte für dieses Fach zu bekommen. Aber man muß doch glauben, daß solche in genügender Zahl vorhanden wären, wenn man sie gut behandeln würde. Man sehe nur beispielsweise, wie es mit dem Unterricht der jüdischen Jugend in den höheren Lehranstalten bestellt ist, wo oft nur eine Stunde wöchentlich jüdischer Religionsunterricht in mehreren Klassen zusammen erteilt wird. Ist es auch nur denkbar, daß dabei etwas Ersprießliches für das Judentum herauskäme? Kann ein solcher Unterricht nachhaltend wirken? Natürlich müßte der Religionsunterricht auch inhaltlich umgestaltet werden. Wir wollen uns nicht in die religiösen Parteikämpfe mischen. Wie unterrichtet werden soll, muß jeder religiösen Richtung in der Judenheit vollständig überlassen bleiben; aber es muß darauf geachtet werden, was unterrichtet wird. In erster Reihe nicht schablonenhaftes Einpauken von Bibelversen oder katechetischer Weisheiten; das Judentum kann^dabei nicht bestehen. Hingegen soll dem Alter der Schüler und Schülerinnen entsprechend ihnen die Kenntnis des jüdischen Schriftums und der jüdischen Geschichte beigebracht werden. Das Wesen des Judentums besteht hauptsächlich darin, daß es von seinen Bekennern eigenes Denken fordert, und dies kann sich nur dann auf richtiger Bahn bewegen, wenn die Grundlage in der Kenntnis des Inhalts des Judentums vorhanden ist. Wohl fehlen uns dafür die geeigneten Lehrbücher; aber diese können geschaffen werden, wenn man nur dieser Frage ernste Aufmerksamkeit schenken wird- Das ist überhaupt ein wunder Punkt in unsrer modernen Geschichte. Da hört die gebildete Jugend seit Jahren, daß es eine Wissenschaft des Judentums gibt, und es wird ihr zum Vorwurf gemacht, daß sie sich mit dieser Wissenschaft nicht im mindesten beschäftigt. Aber ist dieser Vorwurf unbeschränkt berechtigt? Zeigt uns erst die Bücher, die ein gebildeter Laie, d. h. der nicht theologisch oder philologisch ausgerüstete Fachmann verstehen kann? Sie sind äußerst gering an der Zahl! Was ist es denn für eine Wissenschaft, die nur für einen kleinen Teil von Fachleuten bestimmt ist? Man wird uns vielleicht entgegengehalten, daß es verschiedene Zweige der Wissenschaft gibt, die das große Laienpublikum nicht angeht. Wohl! Aber, dann darf man von unserer Jugend nicht verlangen, sie soll sich mit dieser Wissenschaft im Interesse des Judentums befassen. Wir glauben nie und nimmer, daß das Judentum nichts weiter sei, als eine Altertumsforschung für Philologen und Archäologen. Es ist eine lebensvolle Idee, die stets mit der Zeitströmung in Einklang lebt und dem ganzen Volk gehört. Es war geradezu ein Verhängnis, daß man die Wissenschaft des Judentums von der Zeit und vom Volk losgelöst hat. Es wäre falsch, wenn wir fordern würden, die Wissenschaft des Judentums sollte popularisiert werden. Das ist sie ja ihrer inneren Natur nach, wenn sie nicht anders zu Bücherkatalogen und Namensverzeichnissen wird. Man soll sich erst darüber klar werden, für wen diese Wissenschaft bestimmt ist und welche Bedeutung ihr zukommt. Freilich sind unsre gebildeten Glaubensgenossen nicht von aller Schuld freizusprechen, wenn das Judentum jetzt unter einem Wust von Zitatenkram staubbedeckt daliegt. Hätten sie stets Interesse für das gezeigt, was unser Stamm seit Jahrtausenden geschaffen hat, so müßten die Dinge bereits ein anderes Aussehen erhalten. Indessen sollen wir nicht die Zeit mit vergeblichen Klagen über das bereits Geschehene ausfüllen. Was nach dieser Seite früher gesündigt wurde, läßt sich nicht mehr ungeschehen machen. Für die Zukunft muß unsre Aufgabe sein: Verbesserung des Jugendunterrichts durch Bereicherung und Vermehrung des Lehrstoffes; statt der Formeln, die bald in Vergessenheit geraten, vollen gediegenen Inhalt; die Erschließung der reichen Schätze der jüdischen Wissenschaft für das Volk; die Erziehung des künftigen Geschlechts in der Kenntnis und dadurch auch in der Liebe zum Judentum. Vor allem heißt es: Vergeßt nicht die innere Stärkung über den Kampf nach außen. Während wir den äußeren Feind abwehren, darf nicht die Judenheit innerlich verkümmern und unser geistiges Niveau herabgedrückt werden. Etwas über die brachten der Juden im ~ . Wenn wir unsere nach neuester Mode und im reichsten Luxus gekleideten Damen betrachten, so drängt sich uns unwillkürlich die Frage auf: War es ehedem wohl ebenso im deutschen Reich, oder ist diese Prunk- oder Gefallsucht nur ein — ich möchte sagen, krankhafter Zug unserer Tage? Leider fließen die Quellen, welche diese wahrlich nicht aus Neugierde aufgeworfene Frage beantworten können, nur sehr spärlich; Modezeitungen und Journale aus der Zeit des Mittelalters sind uns nicht aufbewahrt, und wären sie es auch — von den Juden wurde in dieser Beziehung sehr wenig Notiz genommen. Es mag dieses der Vergangenheit sehr zu Nutzen kommen und ihr den Namen der „guten, alten Zeit" vielleicht mehr zuwenden, als sie es verdient. Hiermit soll keineswegs der Aufwand, wie er in der Jetztzeit sich kund gibt, entschuldigt werden, in einer solchen auffallenden und mit Recht oft gegeißelten Weise haben es unsere durch die Umstände an Einfachheit und Schlichtheit gewöhnten Altvordern auf deutschem Boden nicht getrieben, wiewohl auch sie im Großen und Ganzen ihrer Zeit Rechnung getragen haben. Die jüdischen Frauen kleideten sich während des Mittelalters schlicht und recht wie die Christinnen, nur ihr Kopfputz war verschieden; die jüdischen Männer hatten keine andere Tracht, als die einfache ihrer christlichen Mitbürger. Sie kennzeichneten sich durch nichts anderes als durch den gelben, trichterartig geformten Judenhut, diesen Hut, dem in einer Geschichte der Juden des Mittelalters ein ganzes Kapitel eingeräumt werden müßte. Der Judenhut fehlte nirgends. Nicht allein das Haupt des schachernden und feilschenden Juden, sondern auch das des frommen Beters vom jüdischen Stamme ist mit dieser Coiffure gezeichnet, die wahrlich nicht ihn schändet und ihrer Bestimmung gemäß nicht ihm zur Entwürdigung gereicht. Die Bilder einiger betender Juden, drei an der Zahl, finden sich in dem Miniaturgemälde eines Machsors, welche nach dem in der Universitätsbibliothek zu Leipzig aufbewahrten Original von Hefener-Alteneck, dem Herausgeber des Prachtwerkes „Trachten des christlichen Mittelalters" gezeichnet und seiner schätzbaren Sammlung einverleibt worden sind. Das Machsor besteht aus einer Pergament-Handschrift in zwei großen Bänden, deren ganze Ausschmückung im Geschmack der christlichen Missalien aus derselben Periode behandelt ist. Es ist reichlich mit Gemälden, sowie mit vergoldeten und ornamentierten hebräischen Initialen versehen. Höchst auffallend findet es Hefener-Alteneck, daß die orientalischen Gesichtszüge und Geberden dieser Juden karrikaturartig übertrieben sind; auch das ist ein charakteristisches Zeichen jener Zeit. Der christliche Künstler, welcher dieses großartige Werk seltener Art für die Juden anfertigte, schafft seinem etwa beschwerten Ge- 1248

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