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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · p. Seite 247

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 247 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 18 Israelitische Wochenschrift. Seite 247. Am nächsten Vormittag eröffnete Herr Dr. Tuch den 2. jüdischen Turntag, indem er die zumeist aus Oesterreich — Deutschland war nur durch Köln vertreten — erschienenen Delegierten freudig begrüßte. Er gedachte der Gründung der Turnerschaft zu Basel und Dr. Theodor Herzls, der der jüdischen Turnbewegung warmes Interesse entgegengebracht und es den Turnvereinen ermöglicht hatte, auf dem VI. Zionistenkongreß vor dem größten jüdischen Forum der Welt ein Schauturnen zu veranstalten. Er sprach von den Leiden der jüdischen Brüder im Osten und von der Aufgabe der jüdischen Turnbewegung, ihren Segen auch dorthin zu tragen und die russischen Juden wehrhaft und stark zu machen. — Aus den Berichten des Verbandsausschusses ging hervor, daß die jüdische Turnerschaft zurzeit 14 Vereine mit 1200 Mitgliedern umfaßt. — Unpraktische Statuten, sowie finanzielle Mißlage haben den Ausschuß verhindert so zu arbeiten, wie er es beabsichtigt hatte. Den Zeitungsbericht erstattete der Redakteur der jüdischen Turnzeitung, Herr Dr. Zirker. In der Nachmittagssitzung des 23. April fand die Statutenberatung statt. Die Mängel wurden zur allseitigen Zufriedenheit beseitigt. Die augenscheinlich glücklichste Statutenänderung ist die Einsetzung einer Obmannschaft, bestehend aus den Vorsitzenden der Verbandsvereine. Den 2. Beratungstag nahmen Referate in Anspruch. Zuerst sprach Herr Turnlehrer Pollak aus Wien über „Turnbetrieb in den jüdischen Turnvereinen." Dann hielt Herr Arthur Hirsch-Berlin ein Referat betr. Beschaffung eines Fonds, demzufolge die Gründung eines Turnerschaftsfonds einstimmig beschlossen wurde. Hierauf referierte Herr Berger aus Köln sehr interessant über äußere Propaganda, und Herr Dr. Werner-Wien gab in seinem vorzüglichen Vortrag über innere Propaganda einige wertvolle Anregungen. Von weitgehendster Bedeutung aber waren die Referate der Herren Dr. Jalowicz und Scholem. Herr Dr. Jalowicz sprach über die „Stellung der „Jüdischen Turnerschaft" zum Zionismus." Er wies darauf hin, zu welch großem Danke die jüdischen Turnvereine dem Zionismus verpflichtet seien, von dem sie die erste Anregung zur Gründung und stete Förderung ihrer Bestrebungen erhalten haben. An das Referat schloß sich eine lebhafte Debatte, in der sich völlige Einigkeit aller Redner darüber ergab, daß die jüdische Turnerschaft mit dem Zionismus die nationale Basis gemein habe, daß sie aber ihren Satzungen gemäß, keinerlei politische Tendenzen verfolge. — Nach dem Referat des Herrn Th. Scholem „die Stellung der jüdischen Turnerschaft zu den anderen Turnverbänden" wurde eine Resolution gefaßt, in der betont wird, daß aggressive Tendenzen der „Jüdischen Turnerschaft" fernliegen. Dann erfolgten die Neuwahlen. Zum Sitz des Ausschusses wurde wieder Berlin bestimmt. Das Wahlresultat war: Herr Th. Scholem, Vorsitzender; Herr Dr. Zirker, Schriftführer; Frl. Eger, Kassenwart; Herr Dr. Blum, Turnwart; Herr Dr. Jalowicz, Beisitzer. Nachdem noch über einige Anträge debattiert worden war, wurde der 2. jüdische Turntag geschlossen. Am Abend des 24. April veranstaltete der Turnverein „Bar-Kochba" eine öffentliche, gut besuchte Versammlung, in der Herr Dr. Zlocisti über die jüdische Turnbewegung sprach. _ G. L. Die Politik. Aus Hlußkaud. Die Juden haben den ostasiatischen Krieg angezettelt, die Juden haben die revolutionäre Bewegung in Rußland hervorgerufen. So rauscht es durch den ganzen antisemitischen Blätterwald und selbst in nicht gewerbsmäßig, sondern nur aus Liebhaberei und aus anderen Gründen antisemitischen Blättern wurde schäm- oder gedankenlos das unsinnige Märchen weilererzählt, obgleich nur ganz geringes Nachdenken selbst Mindestbegabte zur Erkenntnis des Unsinns hätte führen müssen. Aber freilich die Juden sind ja auch schuld an den Mordszenen in Kischinew und Mohilew, denen sie selbst zum Opfer gefallen sind, und Plehwe und andere russische Häuptlinge hatten es gesagt, und die mußten es wissen. Allerdings konnten sie es wissen, aber sie hatten das lebhafteste Interesse nicht zu verraten, wer die Schuldigen seien, denn — sie waren es selber. Die Bauern in Cherson sind nunmehr aufgetreten und nennen die Schuldigen. Die ganze vernünftige Welt kannte sie schon, aber den Antisemiten wird es etwas neues sein, und die Kläger, Bauern, die ja angeblich von den Juden ausgesogen und ausgebeutet werden, werden doch wohl auch von den Antisemiten als klassische Zeugen anerkannt werden müssen, selbst wenn sie nicht die Juden anklagen, nicht wider die Juden, sondern gegen ganz andere zeugen. In einer beim Minister des Innern eingetroffenen Bittschrift der Bauern aus Cherson heißt es: Uns, das gewöhnliche Volk, hat man schon lange von allem staatlichen Leben abgedrängt. Alles haben die Beamten und Besitzer an sich gerissen. Sie haben uns in Furcht erhalten und in Finsternis, sie haben uns betrogen und richteten uns nicht nach dem Gesetz; sie haben auf unsere Schultern die ganze Schwere der Staatssteuern abgewälzt, sie haben den unnötigen und blutigen, für Rußland unglücklichen und erniedrigenden Krieg heraufbeschworen und das Ansehen Rußlands im Auslande vermindert. Sie bildeten eine Scheidewand zwischen uns und dem Zaren. Unsere Klagen und Seufzer gelangen nicht an sein Ohr. Sie betrügen ihn, indem sie behaupten, das Volk sei zufrieden und glücklich. Wenn wir zum letzten Mittel greifen und uns gegen die Beamten und Gutsbesitzer auflehnen, dann verleumden sie das Volk und schicken Militär, und die Soldaten — unsere Söhne und Brüder — schlagen uns tot. Ja, so werden die Antisemiten sagen, das sind rebellische Bauern, die so sprechen. Ach nein! Oder sind es Rebellen, die bitten, von ihren Nöten reden und schreiben zu dürfen? die um Schulzwang bitten und daß Tee, Zucker, Streichhölzer, landwirtschaftliche Maschinen nicht, wohl aber die Einnahmen pro rata, besteuert werden? Es ist allerdings verdächtig, daß die Bauern von Cherson verlangen, auch Juden sollten nicht benachteiligt und gekränkt werden. Aber sie verlangen dasselbe für die Russen, Polen, Armenier und Tartaren, und zwar damit die russische Heimat groß und mächtig vor aller Welt dastehe. Sv sprechen und bitten nicht Rebellen. So schreiben die, die die wahrhaft Schuldigen kennen und als solche nicht die Juden, sondern die Beamten bezeichnen, deren Oberster Plehwe war. Die Beamten riefen: Haltet die jüdischen Diebe! damit man nicht sie selbst fasse und der wohlverdienten Strafe überliefere. Man kann die Verleumdung der russischen Beamten sich sehr wohl erklären. Die deutschen Antisemiten hatten es nicht nötig und taten es doch; erklärt kann das nur werden mit niederträchtiger Bosheit, die vor der infamsten Verleumdung nicht zurückschreckt, welche sich kein Gewissen daraus macht, das eigene Volk irre zu führen und dumm zu machen. * * * Zur Lage der Juden in Prchkand. Seit dem Sommer vorigen Jahres ist kein einziger Erlaß zur Verbesserung der Lage der Juden erschienen, während fast alle anderen „Un-

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