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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · p. Seite 246

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 246 (sequence 6)
Language
German
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Seite 246. zrraelitlsche Wochenschrift. Nr. 18. mit Opfern. Er war ein Weiser, wie ihn die Heilige Schrift bezeichnet, in seinem Lebenswandel, in seinen Handlungen, als Mensch und als Lehrer. Seine starke religiöse Ueberzeugung, sein Gottvertrauen kannten keine Grenzen, sein strahlender Geist, die Güte seines edlen Herzens waren unermeßlich. Sein Lebenszweck war die Betätigung der beglückenden Liebe, zu der er die Tausende seiner Gläubigen aneiferte. Die Feder, die unzählige Bände zum Ruhme des Judentums niedergeschrieben, ist seiner Hand entfallen, sein Herz aber ist nie verstummt und nie wird das Andenken an ihn verblassen, denn sein Wirken als Rabbiner dieser Gemeinde wird unvergeßlich bleiben. In den Büchern der Wissenschaft aber wird das Andenken Dr. Kayserlings selbst in den spätesten Zeiten mit goldenen Lettern verzeichnet sein. Mit einem Gebet für das Seelenheil des Verstorbenen schloß Dr. Neumann seine Rede, die auf die Trauergemeinde tiefe Wirkung übte. Sodann sprach Oberkantor Lazarus die rituellen Totengebete. Hierauf wurde der Sarg von den hervorragendsten Gemeindemitgliedern, unter Absingen von Trauerchören, aus dem Gotteshaus zum Leichenwagen getragen. Der Trauerzug setzte sich nunmehr in Bewegung. Ihn eröffneten zahlreiche Wohltätigkeitsvereine mit ihren Fahnen, die Zöglinge des israelitischen Knabenwaisenhauses, des israelitischen Taubstummeninstituts und des israelitischen Handwerks- und Ackerbauvereins; dem Leichenwagen folgten die Familienmitglieder, der Präsident der israelitischen Religionsgemeinde Hofrat Sigmund Kohner, der Präsident der Chewra Kadischa Jakob Boschan, die Vorstandsmitglieder der beiden Körperschaften, die zur Leichenfeier hierher gekommenen Rabbinen und Deputationen und eine unabsehbare Menschenmenge. Vor dem Kerepeser Friedhofe und auf der Straße vor demselben hatte sich eine nach Tausenden zählende Menge angesammelt. Polizei und Angestellte der Gemeinde bemühten sich, hier die Ordnung aufrecht zu erhalten, doch war dies vergebliche Mühe. Alle wollten in den Friedhof gelangen und dem Ansturm der Menge gelang es denn auch, sich den Weg durch das Gittertor zu bahnen, durch das sich dann der endlose Menschenstrom ergoß. Nur mit größter Anstrengung konnte den Familienmitgliedern und den Funktionären Platz gemacht werden. Der Sarg wurde in den Vorhof des Gottesackers getragen, wo auch eine Kanzel aufgestellt war. Als erster betrat Rabbiner Dr. Samuel Kohn die Kanzel, um von dem treuen Freunde und Arbeitsgenossen Abschied zu nehmen. Der greise Kanzelredner war tief ergriffen. Mit tränenerstickter Stimme sprach er die Worte des Abschieds. Eine fünfunddreißigjährige innige Freundschaft hat ihn mit dem nunmehr dahingeschiedenen Kollegen verbunden und Hand in Hand mit ihm hatte er die schweren Agenden des Rabbrnats der Pester israelitischen Religionsgemeinde zu versehen gehabt. Dr. Kohn schilderte dann Dr. Kayserling als Menschen, Prediger und Historiker; auf jedem dieser Gebiete war er eine hervorragende Erscheinung und wenn die Annalen der hiesigen Gemeinde längst vergilbt sein werden, der Name Dr Kayserlings und dessen Wirken wird noch immer glänzend erstrahlen. Dann betrat Rabbiner Dr. Weißburg die Kanzel. Von dem Bibelsatz ausgehend, daß jeder Weise drei Kronen besitzt, führte Redner aus, Dr. Majer Kayserling habe noch eine vierte Krone, die der Humanität besessen. Wenn es galt, zu Helsen und zu raten, kannte er keinen Standes- oder Vermögensunterschied; der unzähligen Menge der Armen war er ein bereitwilliger Helfer in der Not und er versagte ihnen nie seinen werktätigen Beistand. Aber auch als Lehrer war er eine hervorragende Erscheinung und seinen Berufsgenossen galt er als leuchtendes Beispiel. Was an Dr. Kayserling sterblich war wird nunmehr der Mutter Erde übergeben, seine große Seele aber wird immer über uns schweben und sein Andenken wird bei allen, die ihn gekannt, nie erbleichen Der Rabbiner der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Dr. Feuchtwang, der dann die Kanzel betrat, gab im Namen der Schwestergemeinde Wien der tiefen Trauer um das Ableben des hervorragenden Gelehrten Ausdruck. Er begann mit dem Wort des Dichter des Hohen Liedes: „Mein Freund stieg hinab in seinen Garten, in die duftenden Beete, blühende Litten zu pflücken", denn der Gruß gilt dem geliebten Lehrer der großen Gemeinde, dessen Lebensprogramm und Wahlspruch sich kurz in die Worte fassen läßt: „Ich gehöre meinem treunde, und das ist mein Gott und mein Freund!" Sein harakterbild und Wirken kann ich nur nach dem einmaligen und unauslöschlichen Eindruck schildern, den der teure Verblichene in jener ernsten Stunde auf mich gemacht hat, als er an der Bahre des unvergeßlichen großen Rabbi Aron Jellinek stand; und es ist am besten dargestellt durch das Wort der heiligen Schrift: „Kein Mensch war im Stiftszelt, als der Hoheprister kam, im Heiligtum den Sühnedienst zu verrichten, bis er es verließ". Denn ebenso wie nichts Menschliches dem edlen Verstorbenen fremd gewesen ist, hat nichts Menschliches seinen heiligen Dienst gestört oder getrübt. So wie es vom Hohepriester heißt: „Er nahm die Pfanne, gefüllt mit feurigen Kohlen, von dem Altar, der vor Gott stand und füllte seine Hände mit duftigem Räucherwerk, um es ins Heiligtum zu tragen", so hat dieser edle Priester seines Volkes mit feinem Feuergeist und mit seiner feurigen Seele das glühende Wort trefsten Glaubens, erhabenster Tugend und umfassenden Wissens in die Herzen und Gemüter seiner Gemeindekinder gesenkt ä* und mit vollen Händen den Segen seines umfassenden Wissens W auf dem Gebiet heiliger und profaner Erkenntnis überreichlich ausgestreut. In glänzender poesievoller Rede würdigte der Ofner Oberrabbiner Dr. Arnold Kis den Verstorbenen als Lehrer und Seelenhirten. Der eloquente Redner hob die glänzenden Eigenschaften Kayserlings hervor. Was Kayserling seiner Gemeinde und feinen Gläubigen gewesen, dies nochmals zu betonen, sei nicht notwendig, denn die Zehntausende, die sich bei dieser traurigen Feier versammelten, kamen mit aufrichtiger Trauer im Herzen, sie verloren in dem Dahingeschiedenen ihren Führer, denn so manchen führte er aus der Finsternis dem Licht der Erkenntnis zu. Kayserlings Liebe zu seinen Glaubensgenossen steht ohnegleichen da. Mit goldenen Lettern wird die Geschichte die Tatsache verzeichnen, daß Dr Majer Kayserling es war, der mit unerschrockenem Mut und zäher Ausdauer nicht eher ruhte, bis er die Gleichberechtigung der Schweizer Juden durchgesührt hatte. Schon damit allein hat sich der Dahingeschiedene ein Denkmal für ewige Zeiten gesetzt. Dr. Kis schloß mit einem Gebet für das Seelenheil des Verstorbenen. Nachdem hierauf Oberkantor Professor Lazarus die rituellen Gebete verrichtet hatte, wurde der Sarg unter Absingung von Trauerchorälen von den Vorstehern der Gemeinde und der a Chewra Kadischa zu Grabe getragen. Dort wurden noch die d üblichen Gebete verrichtet und Scholle auf Scholle fiel polternd auf den schmucklosen Sarg. In tiefer Bewegung verließen die Traucrgäste den Friedhof. Der zweite jüdische Gurntag. Am 23. und 24. April hielt die jüdische Turnerschaft in Berlin ihren 2: Verbandslag ab. Den Beratungen ging am Sonnabend in Dräsels Festsälen ein Kommers zur Begrüßung der Delegierten voran. Herr Dr. Mühsam, der Vorsitzende des Berliner „Bar-Kochba", hieß die zahlreich erschienenen Gäste, insbesondere die auswärtigen Delegierten, mit warmen Worten willkommen. Dann sprach Herr Dr. Tuch über Zweck und Ziel der jüdischen Turnbewegung. Herr Dr. Klee überbrachte die Glückwünsche der Berliner zionistischen Vereinigung, Herr Dr. Moses toastete auf die Delegierten. Herr Berger aus Köln dankte in deren Namen. — Reichlich wurde Palästina-Wein getrunken und dem vom Restaurant Simon, Gipsstraße 13 a, gelieferten kalten Buffet zugesprochen.

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