Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 9. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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35 der Abschnitte durch eine sittliche, eine geistvolle Bemerkung im Sinne zu behalten und kann in der Schule sehr gut diesem Zwecke dienen. Nehme man nun eine Stelle, wie den Anfang von וישב, wo Raschi eine Brücke schlägt, die bis zum Buche Josua führt und die Stellung der Josephsgeschichte zum ganzen der Geschichte Israels, wie mit einem Schlaglichte, scheinbar agadisch erhellt. Seien wir also froh, daß Raschi das seinem Enkel Samuel ben Meir geäußerte Verlangen, die Midiaschseite seiner Erklärung.einzuschränken, nicht mehr hat ausführen können. Die großen Männer verkennen sich oft, und ihre Verbesserungen, wie die Fortsetzungen ihrer Werke, zerstören oft, was die unbewußte Sicherheit des Genies geschaffen. Indem Raschi nun auch die Halacha mit in seine Erklärungen aufgenommen hat, bietet er die beste Ueberleitung nach Mischna und Gemara hin, und wer seinen Raschi gründlich im Kopfe hat, wird auf jeder Seite des Talmuds an ihn erinnert werden und besonders für die wichtigen Fragen, die die talmudische Schriftdeutung herorruft, reichlich vorbereitet sein. Einzelne halachische Abschnitte, wie die Parascha der Schaufäden, können dazu die beste Ueberleitung bilden. Die Namen von Tanaiten und Amoräern, von Midraschwerken, gaonäischen und rabbinischen Größen, die Raschi anführt, bieten dem Schüler weit deutlichere geschichtliche Bilder der Genannten, als die bloße namentliche Anführung in einer Geschichtsstunde gewähren kann. Mit wie viel größerer Spannung wird der Schüler die Schicksale Menachem ben Serugs verfolgen, wenn ihm dieser von jeher ebenso bekannt geworden ist, wie Dunasch! Gelingt es dem Lehrer nun gar, aus einzelnen Aeußerungen eines der genannten Lehrer ein Charakterbild desselben zu entwerfen, so ist er von Raschi aus mitten in das Heiligtum der Geschichte gelangt. Das sind die höchsten Ziele, die man mit Raschi erreichen kann, auf die man aber hinblicken muß, 11m auch nur das Geringste darin zu erzielen. Es ist für uns Lebensbedürfnis, mit Raschi das rabbinische Schrifttum aus den Augen der Jetztzeit nicht ganz verschwinden zu lassen, und wir sind so glücklieh, in ihm eine Verkörperung desselben zu besitzen. Außerdem ist er durch seine Kürze der Geisteswecker, der dem Kinde an jeder Stelle ein kleines Ganzes bietet, und der dem reiferen Geiste fast an jeder Stelle Stoff zum Nachdenken, zur selbständigen Geistesarbeit bietet, wie sie die Schule von heute ja besonders fördern soll. Ein Teil der hier bezeichneten Ziele läßt sich bei gutem Willen in jeder Schule, das Gesamtziel überhaupt nur während eines Lebensalters erreichen; aber die Grundlage dazu kann vollkommen in einer guten Schule gelegt werden. Schriften zur Verteidigung des Judentums und seiner Lehre. 1. Zweiundzwauzigster Hericht über die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Mit einer wissenschaftlichen Beigabe von Dr. J. Elbogen. Die Religionsanschauungen der Pharisäer mit besonderer Berücksichtigung der Begriffe Gott und Mensch, Berlin 1904. 2. Das Judentum und das Wesen des Christentums. Vergleichende Studien von Rabbiner Dr. Joseph Eschelbacher, V, 170Seiten. Berlin, Poppelauer. 3. Das Wesen des Judentums von Dr. Leo Bäck. 170 Seiten. Preis 2 Mk. (eleg. gebunden 3 Mk.). Berlin. Lamm. (2 und 3 sind Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums). IH. Eschelbachers Schrift ist, wie die Elbogensche, aus Vorträgen hervorgegangen, die ebenfalls den Harnackschen Vorlesungen entgegengetreten sind. Tritt in dieser Schrift die Absicht, das Judentum zu verteidigen, ganz offen hervor, so tritt Verfasser mit überlegener Geisteskraft an die ganze Weite der Harnackschen Behauptungen heran, und nur indem er an Stelle einzelner Bemerkungen das Ganze ins Auge faßt, rückt er das Harnacksche Werk in eine ganz andere Beleuchtung. Nach Harnack wird einerseits die weitgehendste Umgestaltung mit den Bestandteilen der Kirchenlehre vorgenommen — sie kommt merkwürdigerweise, indem sie ihres eigenartigchristlichen Inhalts entleert wird, dem Judentum näher. Dieses so umgestaltete Christentum wird durch eigentümliche Schwenkungen aus der Harnackschen Neuzeit an die zeitliche Spitze der Kirchengeschichte gestellt, tritt als Urchristentum vor unser Auge oder eigentlich als Lehre, auf welche das Christentum in seiner kirchlich entwickelten Form unbedingt losstrebte. Und diese Lehre wird nun weit über das Judentum erhaben demselben Judentum entgegengestellt, dessen ganzem Sittengesetz und dessen sittlichen Forderungen man das Christentum ers*־, wie Harnack getan, anähnlichen mußte. Wie bekämpft man auf so glattem Boden, wo der Gegner einem jeden Augenblick entschlüpfen, wo er jeden Augenblick eine andere Gestalt annehmen und dennoch vorgeben kann, immer derselbe zu sein? Was die von ihm verherrlichte Lehre unter seinen Händen fertig bringt, das gilt denn doch mit ebenso vielem Recht von ihm. Kann Harnack weniger das Einzelne und Tatsächliche im Christentum betonen, als vielmehr dessen entwickelnde Kraft und zwar als eine demselben allein und keiner andern Lehre innewohnende Kraft, so ist dem Kämpfer gegen eine solche Auffassung die Aufgabe ja schon gestellt, und zwar so, wie sie Eschelbacher wirklich aufgefaßt hat: Er muß fragen, ob denn das Judentum keinen Anteil an den Gedanken hat, welche den Siegesflug des Christentums durch die Welt erst ermöglicht haben? Zeigt Harnack dieUmgestaltung, welche erst das Christentum mit der Welt vorgenommen hat und allein vornehmen konnte, so fragt Eschelbacher, ob denn vor dem Heraustreten des Christentums diese Lehren im engen Bezirk jüdischer Bekenner allein bekannt gewesen wären; so zeigt er geschiehtlieh, in wie weite Kreise das Judentum selbst seine Anschauungen schon hineingetragen hatte, ehe das Christentum diese davon berührten Kreise für sich in Anspruch nahm. Tritt bei Harnack das Ziel der Religion wesentlich als Zukunftsbild auf, so darf mit Eschelbacher das Judentum den Nachweis führen, weshalb es in Jesus den Messias nicht sehen konnte; seine eigenen Hoffnungen, die es mit dem Wesen der Religion verbindet und an dieselbe als Erwartungen knüpft, sind wesentlich anderer Art. Mit solchen Fragen stellt sich das Judentum dem Christentum als ebenbürtig und gleichberechtigt entgegen; es darf bei aller Achtung vor der Welt- und;Staatsreligion derselben keine Arorteile vor sich lassen, die wissenschaftlich nicht zu begründen sind. So tritt das Christentum aus dem Bereich der Unmeßbarkeit heraus und hat sich den Vergleich mit anderen Lehr6n umso eher gefallen zu lassen, mit je größeren Ansprüchen es von vornherein auftritt. So steht es einem göttlichen Wesen (um eine Einzelheit zu erwähnen) wohl zu, zu sagen: ״Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater״, und somit die Erkenntnis Gottes