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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · p. Seite 245

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18. Israelitische Wochenschrift. Seite 246. Sie warten' auf den Untergang der Sonne. Nicht darf nach ihren Lehren vorher das Aßachopfer dargebracht werden. Sobald die Sonne im Westen verschwunden ist, macht sich eine Bewegung bemerkbar. Der' Hohepriester, eine ehrfurchtgebietende greise Gestalt, tritt mit fünf Genossen vor die Menbar genannte Stätte. Es ist dies der Betstuhl, von wo aus die Lobgesänge ertönen. Laut ruft der Hohepriester: „Die ganze Gemeinde, die Versammlung Israels schlachte das Opfer in der Abenddämmerung!" Nun werden die Peßachlämmer, wie einst im jerusalemischen Tempel'die Opferbecken, von Hand 311 Hand gereicht, bis sie zu den sechs Genossen gelangen, und an der alten Opferstätte werden sie geschlachtet. Der Schechita folgt die Bedika, und die als fehlerhaft erkannten Tiere werden entfernt. Dabei ertönt das Lied Dibica Tin! „Sei uns willkommen am festlichen Tage,; Da dich der Herr zum Herrscher gemacht; Feinde traf er mit mächtigem Schlage, Dich hat die Wolke, die Flamme bewacht. Tag des Opfers, wie bist du so schön! Israel stieg zu der Freiheit Höhn! Aber welch Opfer sollen wir bringen? Treten wir hin zum heiligen Ort, Und ob uns feindliche Völker umringen, Schwache beschützet der ewige Hort! Loblieder singet der Priester Schar, Israel bringet das Opfer dar. Ja, zur rechten Zeit wir es bringen. Nennen den Moses mit freudigem Mut, . Lassen den Spieß durch das Opfer dringen, Haltens hinein in des Ofens Glut. Alle halten wir treulich Wacht Bis zur Stunde der Mitternacht. ' .. Alter und Jugend zusammen sich schließen. Fröhliches Mahl bei nächtlichem Fest. Und was wir heute davon nicht genießen Morgen im Feuer verbrennt man den Rest, Treten vor Gott dann, festlich geschmückt. Ob uns der Feind auch verleumdend bedrückt. Mög deine Gnade zu allen gelangen. Die dich so feiern von Jahr zu Jahr, Die voll Lust an dem Feste hangen. Froh dich zu preisen in heiliger Schar. Priester und Volk beglücken das Fest, Jeden, der nicht von der Wahrheit läßt! Erst - nach-, einbrechender Dunkelheit wird das Blut auf den Altar gesprengt und die Fettteile verbrannt. An Bratspießen werden die Lämmer geröstet. So geht eine geschäftige | Bewegung über den Gerisimberg bis zur Mitternacht. Dann > werden die Opfertiere auf dem Gcrisimberge selbst von den dort vereinigten Familien "der Samaritaner gegessen. Am Sabbat ist das Schlachten des Peßachopfers verboten. Füllt der 14. Nissan auf einen Freitag, so findet das Opfer, 'wie einst im Tempel zu Jerusalem, gleich nach Mittag statt; fällt er auf einen Sabbat, so muß man damit bis zur völligen Dunkelheit warten. Die Samaritaner haben auch eine Peßachhaggada, die ich mir nur nicht verschaffen konnte. Das Peßachopfer ist der letzte Rest des alten samaritanischen Opfergottesdienstes. Der weiteren Opfer können sie aus Armut so wenig mehr bringen, so wenig sie heute mehr die Habe und die Zehnten darbringen können. Immerhin berührt uns Kinder der Neuzeit ein so unverfälschtes Stück jüdischen Altertums gewaltig! Man müßte verhindern, daß auch dieser letzte Rest verschwinde; man müßte die samaritanische Gemeinde zu erhalten suchen, da sie sonst nicht mehr lange bestehen wird. R. Dr. M. Keyserling. Am 25. April wurde Rabbiner Dr. M. Kayserling unter außerordentlich imposanter Beteiligung und in einer des großen Gelehrten würdigen Weise zu Grabe geleitet. Der Tausende fassende Tempel in der Dohnny-utcza, wo die eigentliche Trauerfeier stattfand, der weite Platz vor dem Gotteshause und die Straßen, die der Trauerkondukt zu passieren hatte, waren von einer Kopf an Kopf gedrängt stehenden Menge besetzt, so daß der Trauerzug sich kaum vorwärts bewegen konnte. Der „Pest. Lloyd" schätzt die Zahl der Teilnehmer auf 50 000. Der Tempel mit seiner düsteren Trauerdekoration bot einen ergreifenden Anblick. Vor der Bundeslade stand die Bahre, mit einem einfachen schwarzen Tuch bedeckt. Schon vor 9 Uhr begann der Zudrang in das Gotteshaus. Die Ordner, von Polizeimannschaft unterstützt, hatten Mühe, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Im Tempel selbst trafen die mit dem Arrangement der Leichenfeier betrauten Tempelvorsteher Jakob Deutsch, Julius Adler, Berthold Herzmann und Dr. Wilhelm Grauer die nötigen Dispositionen. In den linksseitigen Logen nahmen die tiefgebeugte Witwe, umgeben von ihren Töchtern, Schwiegersöhnen und Enkelkindern, ferner die übrigen Familienmitglieder, darunter der Schwager des Dahingeschiedenen, der Brüsseler Bankier und italienische Generalkonsul Franz Philippson, Platz. In den rechtsseitigen Logen waren anwesend der Gesamtvorstand der Pester israelitischen Religionsgemeinde mit dem Präsidenten Hofrat Sigmund Kohner, der Vorstand der Chewra Kadischa, die israelitische Landeskanzlei, in Vertretung der Haupt- und Residenzstadt Magistratsrat Dr. Bela Melly, der Szegeder Oberrabbiner Dr. Immanuel Löw. Die vorderen Bankreihen waren für die Mitglieder der Gemeinderepräsentanz, den Prosessorenkörper des Rabbinerseminars, der unter Führung des Direktors Dr. Bloch erschienen war, den Lehrkörper der israelitischen Religionsgemeinde, welcher unter Führung des Schulinspektors Dr. Munkncsi vollzählig anwesend war, ferner für die Deputationen der auswärtigen Gemeinden reserviert. Um 10 Uhr begann die Trauerfeier mit den vom Oberkantor Professor Lazarus und dem Tempelchor vorgetragenen Trauergesängen. Hierauf bestieg der Schwiegersohn des verstorbenen Seelenhirten, der Nagykanizsaer Oberrabbiner Dr. Eduard Neumann, die zu Häupten der Bahre aufgestellte Kanzel und hielt eine tiefbewegte, die andächtigen Zuhörer hinreißende Trauerrede,, in der er vor allem die hervorragenden Tugenden Dr. Kayserlings schilderte. Er warf einen Rückblick auf die ganze Laufbahn des Dahingeschiedenen, der, von seinem heiligen Beruf erfüllt, seinen Gläubigen nicht nur ein Führer, sondern auch ein Vater war. Ein ganzes Menschenleben weihte er der Religion und der Verkündigung der heiligen Lehren derselben. Wenn Dr. Kayserling von der Kanzel das Wort Gottes verkündete, blickten die Tausende seiner andächtigen Zuhörer auf seine Lippen und hörten auf die flammenden Worte, mit denen er seine Gläubigen zur Betätigung der Religion aneiferte und begeisterte. Er lobte das Gute, geißelte jedoch auch mit unerschrockeuem Mut das Böse. Aber auch die jüdische Wissenschaft verliert in dem Verstorbenen eine hervorragende Leuchte, deren Licht weit über die Grenzen dos Vaterlands, selbst über das Weltmeer hinaus hell erstrahlte- Ueberall, wo Gottes Wort verkündet wurde, war der Name Dr. Major Kayserling hoch geachtet. Die Leideu unseres Volkes waren ihm ein offenes Buch, und wo er sie lindern konnte, tat er es selbst

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