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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · p. Seite 244

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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Seite 244. Israelitische Wochenschrift. Nr. 18. „Und die Tugend, sie ist doch kein leerer Wahn, Erzeugt im Gehirne der THren!" Und am Roschhaschana, wo die Posaune das Reich Gottes verkündet: „Und ein Gott ist, ein heiliger Wrlle lebt!" Wie vertraut klang ihm das Schillersche Bekenntnis: „Dem Menschen ist all sein Wert geraubt. Wenn er nicht an die drei Worte glaubt!" - Hatte er doch für diese Wahrheiten die Verfolgungen und die Mißachtung der Völker ertragen. Auf sich konnte er die Worte anwenden, die Schiller von der Elisabeth sagen läßt: „Nicht eine Welt voll Waffen fürchte ich, So lang ich Frieden Hab mit meinem — Gotte!" Das sind Herzenstöne, die heute von einer 'überreifen Welt altklug belächelt werden, wie etwa die Wahrheiten der Bibel. Auch wir lächeln leider mit, auch wir gebärden uns stolz und vornehm einem Schiller gegenüber, der eigenartig und unmeßbar der Nachwelt entgegenragt. Diese Nachwelt wird mit gutem Anstande über den 9. Mai hinwegkommen, und wenn die Schleifen aus den Knopflöchern der „Ausschüsse" werden verschwunden und die Fracks wieder eingeschlossen sein — wird dann der Schillersche Todestag zu einem Geburtstage seines Wirkens geworden sein? Wir Juden haben den Beruf, diesen Geist der sittlichen Forderungen wach zu erhalten, die Schillerschen Weckrufe nicht verhallen zu lassen. Es wäre mir nicht unlieb, wenn unsere Gegner sich in urdeutschcm Zorne regen und behaupten würden, wir wollten Schiller verjuden. - Wir würden ihn ihnen gern als Bannerträger überlassen, aber das wäre für sie eine böse Verlegenheit. Sind ihnen doch die Schillerschen Freiheits¬ und Gleichheitsforderungen zu mächtigem Ballast geworden — da wäre erst eine Umdeutung, eine neue verbesserte Auflage der Schillerschen.. Werke nötig. Wir wollen nicht, wie es die Schulaufsätze verlangen, mit der acllrortatio im conjunctiv praesentis 1. person pluralis schließen, nur allen Menschen wünschen, des Mannes stets würdig zu bleiben, von dem ein Goethe sagen konnte: „Hinter ihm in wesenlosem Scheine, Lag, was uns alle fesselt, das Gemeine!" Zur Steuer der iUabrbeit! In seinem gegen die Vereinigung der orthodoxen Rabbiner mit ihren liberalen Kollegen im Rabbiner-Verband in Deutsch-, land gerichteten Pamphlet sagt Herr Provinzial-Rabbiner Dr.. M. Cahn auf S. 104 das Folgende: „Uebrigens bietet gerade die Schächtangelegenheit einen Beweis, daß ein gemeinsaures Vorgeher: ohne irgend einen Verband erforderlichen Falles sehr wohl zrr erzielen ist. Am 30. und 31. August 1893 fand närnlich in Veranlassung einer Polizeiverordnung inbetreff des Schlachthauses zu Harburg und' einer Verfügung des König!. Regierungs-Präsidenten von Westpreußen vom 14. Juni eine gerneinsarrre Besprechung der Schächtangelegenheit in Berlin statt, an welcher sich etwa 20 Rabbiner beteiligten. Ohne Rücksicht aus die sonstige Ver-. schiedenheit ihres religiöserr Standpunktes behandelten dieselben die vorliegende Frage irr einmütiger Weise und gelangten auch zu einheitlichen Beschlüssen. Pur ein Intermezzo drohte die Einhelligkeit zu störerr. Ein von Maybaurn gestellter Antrag, irr die zu wählende Kornrnission ihn selbst rrnd seinen Berlirrer Amtskollegen, die zu Mitgliedern jener Kommission in Vorschlag gebracht waren, als „Vertreter des Verbandes der Rabbiner Deutschlands" zu wählen. Wie mir bekamst,. entsprach Pieser Antrag einem von langer Harrd gehegten Plan, Indern die Leiter jerres Verbandes sich der Hoffnung Hingaben, bei Auf- . rollung. der. Schächtfrage; auf die den: Beitritt zu ihrem Rabbiner-Verband Widerstrebenden — und dies waren damals ausnahmslos alle Rabbirrer, die dem gesetzestreuen Judentum angehörten — einen moralischerr Druck ausüberr zrr können. . 'Auf die ablehnende Haltung, die die. arrweserrderr Gesetzestreuen diesem Antrag gegenüber einnahrnen, erklärte Maybaum, daß er und sein Kollege auf ihrem Antrag beharrterr und ohrre seine Annahme nicht in die Koinirrission eirrtreterr würden. Ungeachtet dieser Erklärung urrd der warmen Befürworturrg des Maybaumscherr Antrages drrrch den Mund desselben Marrrres, der schorr damals die Mittlerrolle zur Verwirklichung des Projekts einer Zusamnrenschnrelzung der heterogenen Faktoren zu einem großen 5lilajim-Bunde bereitwilligst übernahm, wurde das Ansinnen insbesondere durch das ebenso mannhafte rvie charakteredle Auftreten von Feilchenfeld-Posen vereitelt." Diese Darstellung des Sachverhalts inbetreff des „Maybaumschen Antrages" widerspricht in allen ihren Teilen der Wahrheit. Ich habe Herrn Provinzial-Rabbiner Dr. M. Cahn, der mir sein Pamphlet einzusenden die Güte hatte, sofort den wahren Sachverhalt mitgeteilt und das Ersuchen hinzugefügt, seine Darstellung hiernach recht bald öffentlich berichtigen zu wollen. Da er das aber bis heute nicht getan hat, so sei hier kurz auf Grund der Verbandakten der Sachverhalt festgestellt. Die oben erwähnte gemeinsame Besprechung im Repräsentantensaal der jüdischen Gemeinde zu Berlin war vom damaligen Rabbiner-Verbände angeregt worden, der zur Vermeidung einer bloßen Parteikundgebung in einer so wichtigen Angelegenheit es für notwendig erachtete, auch die hervorragenden orthodoxen Rabbiner Deutschlands einzuladen. * Es war daher selbstverständlich, daß die Aktion vom Rabbiner- Verbande unter Anschluß der anwesenden orthodoxen Rabbiner ausgehen mußte. Nur Feilchenfeld-Posen widerstrebte anfangs. Als aber mein verewigter Lehrer, Herr Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer bitt erklärte, daß. er aus Grund seiner Kenntnis meines Charakters die Führung der Angelegenheit vertrauensvoll in rneine Hand lege, und als auch Herr Rabbiner Dr. Auerbach ^1, durch diese Erklärung veranlaßt, seine Zustimmung dazu gab, wurde der „Maybaumsche Antrag" von allen anwesenden orthodoxen Rabbinern angenommen. In.,der Tat trägt das der König!. Staatsregierung damals überreichte Schriftstück neben der Unterschrift des gestchäftsführenden Vorstandes des Rabbiner-Verbandes in Deutschland die Unterschriften sämtlicher,. Vertreter der orthodoxen Rabbiner. ,, , . t Ich überlasse es dem. Leser, sich hiernach ,über die Wahrheitsliebe des Herrn-Provinzial-Rabbiners Dr. M. Cahn ein Urteil zu bilden. Berlin,• den 28. April 1905. * S. Maybaunr. Samaritaniscbes Pessacbfest. Auf dem Gerisimberge' stehen schweigend bärtige Männer, -gekleidet,' wie wir-am VerföhnUngstüge. Staunend sehe ich die weißen Totengewänder mit den Gürteln, die weißen Mützen, genau wie Unsere Frommen den Seder abgeben. ' -J.-

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