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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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I r^/4 ii Zeitschnst für die Gchnltintttkffkn des Iudeiltiims. Webst öem Weibtcrlt: Jüdisches LitteraLuvStcktt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: Werlin 0., Woß-Straße 3 Telephon: Amt I, 5729. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Österreich-Ungarn 3.— Mk. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. N««rmer 18. Kerlirr, 5. Mai 1905. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten wir an die Adreste Israelitische Wochenschrift Berlin C., Rost-Ltraste 3. Die heutige Nummer enthält das Jüdische Litteraturblatt Nr. 9. Inhalt. Artikel: Schiller. Von Dr. L. A. Rosenthal. — Zur Steuer der Wahrheit. Von S. Maybaum. — Samaritanisches Peßachfest. — Dr. M. Kayserling. — Der zweite jüdische Turntag. — Politik: Aus Rußland. — Zur Lage der Juden in Rußland. — Nerv-Jork. — Wochenchronik. — Vakanzen. — Feuilleton: Die Frau des Verurteilten. Von Mathilde Schmidt. (Fortsetzung) — Inserate. Schiller. Bon Dr. L. A. Rosenthal, Rabbiner zu Preuß.-Stargard. Bei der Schillerfeier darf Israel nicht fehlen. Wenn Schiller auch keine Gelegenheit gehabt hat, Juden näher kennen zu lernen, und wenn auch manche seiner Aeußerungen uns keine' Freude machen können, so sind wir ihm gerade zu höchstem Danke verpflichtet. Das scheint einen Widerspruch in 'sich zu enthalten und ist dennoch wahr. Schiller ist der Dichter der Freiheit, der Fürsprecher aller derjenigen, deren Kräfte durch feindliche Verhältnisse an ihrer Betätigung verhindert sind. Seien es einzelne Personen wie Moor, Carlos, Luise — seien es ganze Völker, wie Frankreich in der Jungfrau, die Schweizer im Tell, die Niederländer im Carlos — immer vertritt er die Sache der Vergewaltigten. Er kennt keine Rücksichten. Für ihn gibt es kein bestehendes Recht zur Bedrängung anderer, kein Herkommen, den einen über den anderen zu erheben. So war er in den Zeiten des Rückschritts der nicht rastende Mahner und Wecker, sein Geist schritt den Kämpfern für Recht und Freiheit voraus, und indem seine Werke die Ketten der Vergangenheit lösen halfen, hat er auch zur Befreiung des Judentums von verrotteten Vorurteilen mitgewirkt. Er war zugleich der Dichter des Ernstes und der Tugend in einer Zeit sittlicher Zerfahrenheit; der Weltordnung, in Zeiten, wo man derselben entgegenstrebte. So hat er das Vorurteil gegen die Freiheit selbst glänzend widerlegt, indem er den Unterschied zwischen Freiheit und Zügellosigkeit zum Bewußtsein gebracht hat. Er war der Dichter der Vorsehung, als man von der Religion wie von etwas veraltetem sich abwandte. Wenn ihm >auch die Glaubensformen im einzelnen gleichgültig waren, so hat er sein ganzes Leben hindurch an dem Bekenntnis der Gotteseinheit und der damit verbundenen sittlichen Forderungen festgehalten. So konnte bei ihm der Bedrückte die Kraft zum Kampfe für seine Menschenrechte erlangen, ohne daß er zu befürchten brauchte, seine Heiligtümer durch ihn entweihen zu lernen. Zum Teil ist er das Schreckenskind der Kunstrichter und der Neuesten geworden, die nicht wissen, wo er unterzubringen ist. Seine Frauen sind ihnen zu männlich, seine Männer zu flach gezeichnet, seine Handlungen mit zu wenig Tiefbohrungen des Gefühls überladen, zu sehr die Absicht verratend. Bei ihm ist weder der Weltschmerz, noch die gesunde Ichsucht der Neueren zu finden; Jbsensche Vererbung ist ihm, dem Dichter der Willensfreiheit und Selbstüberwindung, fern, für das Behagen oberflächlicher Lebensfreude zeigt er keinen rechten Sinn. Seine Gedichte sind ihnen nicht unmittelbar genug dem Gefühl entsprungen, es find keine Augenblicksbilder. Als Geschichtsschreiber und Denker ist er ihnen zuviel Dichter, als Dichter zuviel Lehrmeister und Denker. Mit seinem Anspruch, in die Reihe der Sophokles, Shakespeare, Goethe gestellt zu werden ist er schlimmer daran, als irgend ein bescheidener zweit- oder drittgradiger Sohn Apolls. Der weiß sein bescheidenes Päckchen doch in das herkömmliche Fachwerk hineinzuladen und kann dann herablassend auf Schiller, „den Dichter des Volkes und der Jugend", herabblicken. Ob diese Kreise am 9. Mai so recht mit gutem Gewissen in die Feier hineingehen werden? Und dann alle die, welche die menschheitlichen „Träume" Schillers für Geburten des achzehnten Jahrhunderts also für überwunden ansehen! Alle die hochtönenden Festreden dürfen uns nicht darüber täuschen, daß Schiller unserer Zeit nötiger ist, als ein anderer Dichter. Und Schiller ist der Dichter des Ghetto. In der „Gasse" ist er mit Innigkeit gelesen und mit Lebhaftigkeit „aufgesagt" worden. Am Peßach konnte der Jude neben der Haggada noch die Worte lesen: „Und der Mensch ist frei geboren, ist frei, Und wär er in Ketten geboren!" Am Schebuoth, dem Feste des geoffenbarten sittlichen Gotteswillens, durfte er rufen:

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