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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-04-28 · 17 (28.4.1905) · p. Seite 232

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
17 (28.4.1905)
Date
1905-04-28
Page
Seite 232 (sequence 8)
Language
German
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Seite 232 Israelitische Wochenschrift. Nr. 17. Sriiiiliurfnt vor Mk«i>klssol»l.^ 1. Elementar- und höherer Unterricht im Ghetto. Die heutige große Frequenz der Juden in den höheren Schulen erklärt Paulsen^) daraus, daß die jüdische Bevölkerung 1. über den Durchschnitt wohlhabend, 2. fast ausschließlich eine städtische und 3. in ihrem Bestreben, ihre soziale Stellung zu verbessern, allein auf dem Weg der Universitätsbildung angewiesen sei, da die Armee ihr verschlossen, bleibe. Auch dürfe man, sagt Paulsen, nicht verkennen, daß die Juden bei geistiger Regsamkeit hervorragende Zähigkeit des Willens besitzen, gepaart mit der Gabe, Entbehrungen um des Zieles willen zu ertragen. Wenn diese Gründe im allgemeinen richtig sind, so wird der erste in seiner Wirksamkeit wahrscheinlich überschätzt. Wir können zunächst den deutschen Verhältnissen die Zustände in Osteuropa gegenüberstellen und zwar hauptsächlich in Galizien, da Rußland, wo die Juden infolge der gesetzlichen Beschränkungen in Hinsicht auf den Schulbesuch ihrer Kinder in ihrem Handeln nicht frei sind, nicht in Betracht kommen kann. In Galizien gehört nun die jüdische Bevölkerung zweifellos zur ärmeren, und doch ist ein überwiegender Prozentsatz der schulbesuchenden Jugend (insbesondere an den Mittel- und höheren Schulen) jüdisch. Es ist hierfür entschieden von sehr großer Bedeutung der jederzeit von den Juden mit größter Sorgfalt gepflegte Jugendunterricht, der immer sehr zahlreich vertretene Lehrstand, also kurz der durch Jahrhunderte ausgebildete Lerneifer und die Hochschätzung des Wissens. Das System der Jugenderziehung ist bei den Juden seit Jahrhunderten bis auf die Mendelssohnsche Epoche in den verschiedenen Ländern ein gleiches gewesen. Wir sind zu diesem Urteil berechtigt, wenn wir die Darstellung des mittelalterlichen jüdischen Schulwesens bei Güdemann 2) mit Schilderungen des jüdischen Ghetto-Lebens in der hebräischen und Jargon-Literatur, mit Berichten über das Erziehungswesen der Juden in Deutschland aus der zweiten Hälfte des 18. und der ersten des 19. Jahrhunderts und, was das Wichtigste ist, mit den noch heute sehr zahlreich vorhandenen Spuren des altjüdischen Unterrichtswesens in den osteuropäischen Judenzentren vergleichen. Wir erhalten überall dasselbe Bild, mit höchstens unwesentlich verschiedener lokaler und zeitlicher Färbung. Ueberall ist der Unterricht der Kinder ein Gegenstand eifriger Fürsorge. Jeder Vater sorgt für den Unterricht seiner eigenen Kinder, aber es gibt auch öffentliche Institute, die mitunter die häusliche Fürsorge, insbesondere dort, wo sie wie bei Armen und Waisen unmöglich ist, vertreten. Die Talmud- Thora, eine öffentliche Schule, hauptsächlich für Arme und Waisen berechnet und von der gesamten Judengemeinschaft oder einem speziellen Verein unterhalten, fehlt fast nirgends, wo Juden wohnen. Lesen, Schreiben, Bibel und Kommentare, in den höheren Jahrgängen auch Talmud bildet den Lehrgegenstand; für die Aermeren ist der Unterricht unentgeltlich; sie erhalten mitunter Bekleidung und Nahrung noch außerdem. Neben den öffentlichen Schulen gibt es zahlreiche Privatschulen (Chedarim), die von einem Lehrer (Melamed) als Privatunternehmer gehalten werden. Die Form dieses Chederunterrichts *) Aus dem soeben erschienenen Heft 1 der Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden: „Der Anteil der Juden am Unlerrichtswesen in Preußen". Wir bringen demnächst eine ausführliche Besprechung dieser Publikation. 2) Paulsen, Die deutschen Universitäten und das Universitätsstudium, Berlin 1602. S. 197. 3) Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden, 3 Bände, Wien 1880. reicht zurück bis ins 13. Jahrhunderts. Cheder das Zimmer ist das private Wohnzimmer des Lehrers, das ihm und seiner Familie zugleich als Schlafzimmer und Küche dient, und in dem sich die Schüler den ganzen Tag aufhalten. Unterrichtet wird vornehmlich die „Thora" — das Gesetz; Mädchen lernen nur Uebersetzen der hebräischen Gebete und jüdische Kurrentschrift. Es gibt sodann höhere Lehranstalten, Jeschiboth genannt, in denen nicht so sehr von Berufslehrern, als vielmehr von währen Gelehrten, bekannten Rabbis, der Talmud mit seinen Kommentaren, auch Kabbalah und Religionsphilolosophie in ziemlich zwangsloser Weise gelehrt wird. Es handelt sich hier um selbständiges Denken, um wirkliche Vertiefung in den Stoff, um eigentliche wissenschaftliche Arbeit (natürlich nach jener eigentümlichen Auffassung). Die Jünger sind zumeist arm, auch größtenteils von der Fremde hergewandert. Der Aufenthalt und das Studium ist ihnen aber ermöglicht durch Unterstützungen frommer Leute. Wir könnten von einer seit jeher bei den Juden bestehenden allgemeinen Schulpflicht sprechen, von der nur das weibliche Geschlecht ausgeschlossen ist. Indem Güdemann die Kulturverhältnisse der Juden in Frankreich und Deutschland in der Zeit vom 10. bis zum 14. Jahrhundert bespricht, sagt er5): „Solche Erscheinungen (d. h. das Vorhandensein von Analphabeten) waren unter den Juden gewiß nur höchst selten, niemals aber bei denjenigen zu finden, die auf eine gute Erziehung nur entfernt Anspruch erhoben. Die jüdischen Männer konnten in der Regel die Bibel in der Ursprache lesen und hebräisch schreiben; die Achtung vor der Bildung wie die Verachtung der Ungebildeten (Am-Haarez) war eine so allgemeine, daß die Eltern keine Kosten scheuten, um ihren Söhnen eine einigermaßen gelehrte Bildung zu geben". Ebenso äußert er sich im dritten Bande über die Kulturverhältnisse der Juden in Deutschland während des 14. und 15. Jahrhunderts (Einleitung, S. 7): „. . . . in den jüdischen Gemeinden herrscht durchweg ein lebhafter Sinn für Unterricht, der allerdings religiöser Natur ist, so daß der protestantische Laienprediger Sebastian Lotzer das eifrige Bestreben der Juden, ihre Kinder im „Gesetz" zu unterrichten, den Christen zur Nachahmung empfehlen kann. Lesen und schreiben kann unter den Juden fast jeger Mann und jede Frau". Die sich dem höheren Studium widmenden Jünglinge heißen Bachurim. Sie unternehmen häufig unter größten Gefahren die weitesten Wanderungen, um zu einem berühmten Lehrer, an eine berühmte Jeschibah zu gelangen. Solche Talmud-Hochschulen gab es „nicht selten mehrere in großen Gemeinden, je nachdem Gelehrte sich daselbst ansiedelten und Schule hielten. Gegenstand des Unterrichts war in diesen Schulen, wenigstens in Deutschland, fast ausschließlich der Talmud und die talmudistische Literatur. Daneben wurde hie und da dem Pentateuch oder eigentlich nicht diesem selbst, sondern den älteren angesehenen Kommentaren desselben einige Aufmerksamkeit gewidmet."6) Die Lehr- und Lernmethoden sind der Perusch und Tosafot, d. h. die einfache Erklärung und die Hinzuziehung von älteren Kommentaren, das wichtigste aber ist der Chiddusch, die Neuerung, also die selbständige Erweiterung, Ausbildung des Stoffes. 6) Bekanntlich übertrug sich in den späteren Jahrhunderten die Pflege der „Lehre" zumeist nach Polen, von wo bis in die letzten Zeiten die berühmtesten Talmudisten stammten. 4) Güdemann, a. a. O. Bd. III, Kap. 111, S. 100 u. ff. 5) Güdemann, a a. O. Bd. 1, Kap. VIII, S. 228. <9 Güdemann, a. a. O. Bd. 111, Kap. 111, S. 68 u. ff.. S. 66, S. 79. " 1714

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