Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 231 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606543--9253-9606550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 17 Israelitische Wochenschrift. Gerte 231. a License from the Beth Din and the board of Shecheta, also eine Berechtigung zum Fleischverkauf in Händen gehabt, die nun zurückgenommen wird, and die Jewish public is hereby cautioned that all Meat etc. sold by them is OSSUR and forbidden to be eaten by Jews. Ein so öffentliches Verbot des Koscherfleischkaufens würde man am ehesten den russischen Zuzüglern zutrauen. Da liest man als Unterschrift Spanish and Portuguese Synagogue. Es sind also die Sephardim, welche es so genau mit den Pflichten des Gemeindelebens nehmen. Gerade dieser Teil der Judenschaft ist es ja, der in unserer deutschen Heimat geschichtlich und geistig unsere Bestrebungen erfüllt und der Engherzigkeit der aschkenasischen Nationaljuden gewiß entgegengehalten wird. Nun, die Abkömmlinge eines Maimonides und Jehuda Halevi nehmen es sicher nicht nur mit der Kenntnis des Kusari und Moreh Nebuchim genau, sondern halten sich in aller Strenge und garnicht in der Verborgenheit an Maimunis Mischneh Thora und die darin (vielfach mit größerer Strenge als im Schulchan Aruch) angegebenen Speisegesetze. Aber glauben Sie nicht, daß sich die gesamte Judenschaft Londons nur mit Barmitzwas und dem board for the affairs of Shecheta abgibt. Daß ich Ihnen das zuerst schreiben mußte, liegt nicht etwa daran, daß im Lande der Beefsteaks das Fleisch so besonders hoch in der menschlichen Schätzung liegt. Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß eine Gemeinde, wie die Londoner, auch sich mit Dingen befaßt, die man heute vielleicht nur dem deutschen Grübler und Denker und etwa dem Kleinstädter zutraut. Die Vorwürfe also, welche die deutschen Juden bis jetzt noch von einer gewissen Seite verdienen, daß sie nicht alle jüdischen Kennzeichen und Besonderheiten von sich werfen, müssen mit demselben Recht über die Londoner ausgesprochen werden. Aber da fällt mir der Streit über die Unsterblichkeit der Seele ein, welcher vor kurzem die Londoner Judenschaft in Aufregung versetzt. Sie werden immer erstaunter. Die Unsterblichkeit der Seele ein bewegender Punkt in London? Doch davon später. Ich werde weggerufen, was Ihnen vielleicht nicht unangenehm ist. Die Sache droht, wie ich dem Papier ansehe, länglich zu werden. Bis nächstens! Amerikanischer Brief. Die Vaterlandsliebe der Juden wird von den Antisemiten nicht nur angezweifelt, sondern sogar ganz geleugnet. Der Jude könne kein Patriot sein, sei ein Feind der deutschen Kultur, ein Parasit, der an dem deutschen Volkskörper herumschmarotzt, ein Kosmopolit, der keine Anhänglichkeit, keine Liebe zu dem heimatlichen Boden kennt, der nur gefühllos auszubeuten trachtet, und was dergleichen antisemitische Redensarten mehr sind. — Mit Recht macht ein jüdisches Blatt in Amerika auf die zahlreichen wohltätigen Stiftungen aufmerksam, welche in Amerika eingewanderte deutsche Juden in ihren heimatlichen Dörfern nicht im ausschließlichen Interesse der Juden gemacht haben, so ihre Dankbarkeit für die im alten Vaterlande erhaltene Erziehung bekundend. In der Tat kann es keinen überzeugenderen Beweis als diesen geben; denn wenn in Deutschland noch wohnende Juden dergleichen Wohltätigkeitsanstalten stiften, dann legen die Antisemiten es sicher als Reklamesucht, Streben nach dem Kommerzienratstitel, einem Hoflieferantenwappen, nach Orden oder gar nach dem Adel aus. Von all dem kann natürlich bei Juden, die in den Vereinigten Staaten Geschäft und Wohnsitz haben, absolut keine Rede sein. „Diejenigen — so schreibt der „American Jsraelite" — die eingewanderte deutsche Juden aus größerer Nähe beobachten, haben häufig Gelegenheit, zu sehen, mit welcher zärtlichen Liebe diese Leute den Erinnerungen an ihre deutsche Heimat nachhängen, wie warm sie jeden christlichen Spielgefährten aus ihrer Jugendzeit begrüßen, wie aufrichtigen Anteil sie an dem Wohl und Wehe ihres Vaterlandes nehmen. Es ist ganz gut, daß diese Treue manchmal in philanthropischen Stiftungen ihren Ausdruck findet. Denn diese Stiftungen müssen als dauerndes Denkmal jüdischer Loyalität fortbestehen und als einwandfreie Widerlegung der antisemitischen Begeiferungen des jüdischen Patriotismus. In jenen Dörfern wahrlich muß man fühlen, daß der Jude ein integrierender Bestandteil des bürgerlichen Lebens ist und daß sein Erfolg Ursache zum Stolz für die ganze Gemeinde ist." Man liebt es von jüdischen Erfolgen zu sprechen. Wenn man dem Volksmund glauben wollte, dann müßte jeder Jude reich sein. Daß die Juden nicht reich sind, das werden alle zugeben müssen, die den wirtschaftlichen Verhältnissen etwas gründlicher nachforschen und nicht bloß Erfolge einzelner Juden mit jüdischen Erfolgen verwechseln. Gar so sehr darf man sich über die meist wirtschaftlichen Erfolge mancher Juden auch nicht wundern. Da die Juden Jahrhunderte hindurch ausschließlich auf kommerzielle Tätigkeit angewiesen waren und vielfach noch heutigen Tags die intelligenten Juden von den nicht eigentlich Geld eintragenden Betätigungen ausgeschlossen und zu gewinnbringenden geradezu gedrängt werden, ist es nicht gar so wunderbar, daß sie auf dem Gebiete, auf welchem sie in unverhältnismäßig großer Zahl mit ihren besten und tüchtigsten Kräften vertreten sind, auch im Vergleich zu ihrer Gesamtheit und zu der Zahl der sie von militärischen und anderen Aemtern, von der Lehrtätigkeit usw. ausschließenden Völker größere Erfolge erzielen. Der Geistliche Stephen T. Denkins schrieb in einem jüngst in St. Louis gehaltenen Vortrage die Erfolge, welche die Juden überall in der zivilisierten Welt, in Europa, Amerika usw. errungen haben, der Treue zu, welche sie ihrem alten Glauben trotz aller Verfolgungen bewahrt haben. „Und — fährt er fort, und wegen dieser Stelle in seinem Vortrag sind wir überhaupt auf ihn zurückgekommen — obgleich wir Christen es für einen Irrtum der modernen Juden erklären müssen und erklären, daß sie Christus nicht anerkennen, so müssen wir doch, wenn wir sehen, wie ein großer Teil der christlichen Bevölkerung die Pflichten vernachlässigt, um sein Heim, um seine Frauen und Kinder, die bürgerlichen sowie die Amtspflichten, dann können wir nicht umhin die Juden zu achten wegen ihrer nicht wankenden Treue zu ihrem alten, wenngleich veralteten Glauben usw. — Bewußte Ehrenhaftigkeit, sagt der geistliche Herrweiter, im geschäftlichen wie im gesellschaftlichen Leben, ist nicht mehr das Prärogativ nur der Christen. Um ganz frei zu sprechen, so könnten die Christen mit Nutzen von den Juden Lehren annehmen für ihr moralisches Verhalten, wie sie ihr Heim rein erhalten und die Wahlurne frei von Mißbrauch." Diese Moralpredigt eines christlichen Geistlichen sollten sich sowohl die religiösen wie die Raffen-Antisemiten ad notani nehmen.