Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606543--9252-9606549- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 230. Israelitische Wochenschrift. Nr. 17. sechster Auflage erschienenes Werk „Handbuch der jüdischen Geschichte", in welchem er die Leidensgeschichte der Juden in sehr interessanter Weise schildert. Bei seinem Werke über Spanien unterstützte ihn der bekannte Berliner Philosoph Helferich, mit dem er in enger Freundschaft stand. Sein bis zur jüngsten Zeit reichendes Handbuch wurde von Philipp Csukasi in das Ungarische, überdies aber wurde es auch in die russische, dänische und polnische Sprache übersetzt. 1873 veröffentlichte Kayserling unter dem Titel „Moses Mendelssohn, Ungedrucktes und Unbekanntes von ihm und über ihn" ein neues Werk, das zahlreiche neuere Daten über das Leben dieses großen Philosophen enthielt. In seinem Buche „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst" schildert er die hervorragendsten Jüdinnen, welche sich durch Tugenden und Geilt ausgezeichnet haben. Auch dieses Werk wurde in das Ungarische übersetzt, und zwar von Frau Marie Reismann. 1874 erschien seine Arbeit „Der Dichter Ephraim Kuh"; in französischer Sprache gab er ein bibliographisches Diktionär „Bibliotheca espanola portugesa judaica“ heraus; in dem in spanischer Sprache geschriebenen Werke „Proverbia espanoles de los judios espanoles“ sammelte er die unter den spanischen Juden gangbaren Sprüche. Ein sehr wertvolles homiletisches Werk ist seine zweibändige Bibliothek jüdischer Kanzelredner. Anonym ist schon 1882 in Wien sein Werk „Das Moralgesetz des Judentums in Beziehung auf Familie, Staat und Gesellschaft erschienen, das im Auslande großes Aufsehen erregte und welchem auch der deutsch-israelitische Gemeindebund die berühmten fünfzehn Grundthesen entnahm. Einige Jahre später veröffentlichte er eine Schilderung seines berühmten Vorgängers unter dem Titel „A. W. Meisel. Ein Lebens- und Zeitbild." Außerdem war er ein emsiger Mitarbeiter zahlreicher jüdischer Fach- und Zeitschriften, darunter auch des Petersburger „Woschod" und der Pariser „Revue des Etudes Juifs.“ Kayserling hat sich noch, als er in der Schweiz als Rabbiner fungierte, mit der Tochter des berühmten Dr. Ludwig Philippsohn vermählt. Für seine auf dem Gebiet der spanischen Wissenschaften erworbenen großen Verdienste wurde ihm die seltene Auszeichnung zuteil, daß ihn die spanische Akademie der Wissenschaften zu ihrem Mitgliede wählte. Er war auch Mitglied zahlreicher anderer wissenschaftlicher Gesellschaften, doch versperrte er diese lobenden Schreiben in seiner Tischlade, damit von diesen Ehrungen niemand Kenntnis erhalte, was jedoch nicht hinderte, daß sein Name als Gelehrter und Redner in stets weiteren Kreisen Anerkennung und Würdigung fand. Ueber die letzten Lebenstage Kayserlings erfahren wir: Der noch rüstige Greis wurde erst vor einigen Tagen an das Krankenlager gefesselt. Wohl plagte ihn schon seit mehreren Jahren ein Gallensteinleiden, doch verursachte es ihm nur zeitweilige Beschwerden. Am Montag wurde er jedoch von der Krankheit heftig erfaßt und auf Anraten seiner Aerzte mußte er das Zimmer, später auch das Bett hüten. Trotz der liebevollen Pflege seiner Familienangehörigen und Aerzte, der Universitäts-Professoren Dr. S. Stern und Dr. Berthold Stiller konnte der greise Patient dem Leben nicht mehr erhalten bleiben. Dr. Kayserling war bis an sein Ende ein Musterbild edler Pflichterfüllung. Noch am Dienstag, also vier Tage vor seinem Tode, segnete er den Ehebund eines jungen Paares ein und noch gestern erkundigte er sich eingehend über israelitische Gemeinde-Angelegenheiten. An das Krankenlager gefesselt, mußte er den Peßachgottesdiensten fern bleiben, doch so weit dies sein Zustand gestattete, vollzog er alle rituellen Zeremonien in seiner Wohnung. Trotz seines hohen Alters war Rabbiner Kayserling von großer Arbeitsfreudigkeit erfüllt. Als vor einigen Wochen die Vorbereitungen zu dem Pilgerzuge nach Palästina durchgeführt wurden, war er es, der das Reiseprogramm bis in die kleinsten Details ergänzte und erweiterte, und seinen wissenschaftlichen Anleitungen und Unterweisungen danken die Teilnehmer des Ausfluges viele wichtige Momente ihrer Reise. Den Tod des verstorbenen Seelsorgers betrauern außer der gramgebeugten Witwe geb. Bertha Philippson noch drei Töchter: Emma, die Gattin des Oberrabbiners von Nagykanizsa Dr. Eduard Neumann, Rosa, die Gattin des Ujpester Advokaten Dr. Simon Führer, und Jolan Kayserling; ferner seine Schwäger: der Vorsitzende des Ausschusses des D. I. G. B. Dr. Martin Philippson, Dr. Alfred Philippson, ordentlicher Professor an der Universität zu Bern, und der italienische Generalkonsul in Belgien Franz Philippson. Cottdotter Brief. Und da glaubte ich's so gut gemacht zu haben! Ich Mt komme nach London, und kaum habe ich mich vom ersten Staunen d über das Neue und Große erholt, da setze ich mich nieder, ergreife, wie wir früher immer sagten, die Feder und werfe ganz genaue Schilderungen der Themsestadt auf's Papier. Und was ist Ihre Antwort? Das Ihnen das alles nichts Neues ist und daß Sie das Straßenleben Londons besser kennen, als ich! Das kommt davon, daß sich ein Festländer in so späten Jahren auf die Reise begibt, wie ich. Sie wollen über das Londoner jüdische Gemeindeleben etwas hören. Darum haben Sie sich nicht gekümmert, ja. Sie haben es nicht recht entdecken können. Ich fürchte. Sie geben mir wieder die gleiche Antwort: Das alles wissen wir schon. Das kann ich nun nicht behaupten, daß ich das jüdische Leben Londons nicht bemerkt hätte. Es war fast das Erste, was mir vor's Auge trat. Und, ich muß gestehen, der Eindruck war kein abstoßender. In einer Riesenstadt, wie London, der gegenüber alles andere als wenig eigenartig erscheint, nimmt es sich eigentümlich aus, wenn gerade die alten Eindrücke der Kindheit einem mit aller Entschiedenheit vor's Auge treten. Wie ich in Ihrer Zeitung gelesen, wundern sich Leute in Deutschland darüber, daß man mit Dingen, wie Barmitzwa, W' Speisegesetzen, altjüdischem Gottesdienst nicht schon längst aufgeräumt hat. Kommen Sie einmal nach London. Da geht man nicht mit dem in Papier eingewickelten Siddur nach der Synagoge. Das Erste, was Ihnen in den Ankündigungen der jüdischen Blätter mit begegnet, ist das Wort Barmitzwa. Da haben Sie diese Engländer! Und zwar kündigt Mr. so und so urbi et orbi an, daß sein eldest son will read a portion of the Law in the synagogue. Das heißt doch wohl, daß der Barmitzwaknabe einen Teil der Sidra vorlesen wird. Und wenn Sie an den betreffenden Tagen die Synagogen besuchen, sinden Sie, daß das nichts Vereinzeltes ist. Das beweisen ja schon die Anzeigen. Das sind Heimatklänge mitten in dem ungeheuren Stadtgetriebe, wo sich alles um Pfund Sterlings zu drehen scheint. Ein weiterer Blick auf die genannten Blätter beweist Ihnen auch, daß man die Gemeindepflichten bezüglich der jüdischen Gewissenhaftigkeit ungeheuer genau nimmt und keinen Spaß damit versteht. Da lesen Sie vier ziemlich gleichlautende Ankündigungen, überschrieben Board for the afifairs of Shecheta. In jeder werden Leute namhaft gemacht, die bisher