Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 17. Israelitische Wochenschrift. Seite 229. Amerikas verfaßt wurde. Dieses Werk erschien gleichzeitig in englischer, französischer und deutscher Sprache. Seine reiche literarische Tätigkeit umfaßte das ganze weite Gebiet der jüdischen Literatur, deren uralten wissenschaftlichen Nus er als würdiger Fortsetzer eines Grätz ruhmreich erneuerte. Rabbiner heißt zu deutsch: Lehrer. So war er denn ein Lehrer seiner Glaubensgenossen, der, wie es dem Lehrer zukommt, in erster Reihe durch sein Beispiel lehrt. So ist er auch den Schweizern unvergeßlich geblieben. Vor seiner Berufung nach Budapest wirkte er zwei Jahre als Landesrabbiner der Schweiz. Kaum hatte er seine Stelle im schweizerischen Freistaat angetreten, als er mit unermüdlichem Eifer, mit unwiderstehlicher Tatkraft für die Emanzipation seiner Glaubensgenossen zu agitieren begann. Sein Wirken war von Erfolg gekrönt: die Juden der Schweiz erhielten die volle bürgerliche Gleichberechtigung. Kein schöneres Zeugnis für die hohe Wertschätzung, die Dr. Kayserling dort sich bei den Angehörigen aller Konfessionen errungen, als die Aeußerung des Präsidenten des Aargauer Kantonrats, der, als er im Jahre 1870 erfuhr, daß Kayserling die Berufung der Pester israelitischen Religionsgemeinde angenommen habe, in die Worte ausbrach: „Es scheint, der Herr Rabbi ist bloß zu uns gekommen, um die Juden emanzipieren und, als er dies erreichte, die Schweiz im Stich zu lassen". Kayserling hatte sein Werk in der Schweiz vollendet und er wandte sich einer anderen, größeren Mission zu . . . Hochbetagt, doch unermüdet, inmitten einer segensreichen, weitverzweigten Tätigkeit hat ihn der Tod aus der Mitte seiner ihn verehrenden Glaubensgenossen abberufen. Er ist geschieden, seine Werke, die der Liebe und die des Glaubens, die der Humanität und die der Wissenschaft werden ihn überleben und seinen Ruhm künden. Dr. Meyer Kayserling wurde am 17. Juni 1829 in Hannover geboren. Sein Vater, der Hannoveraner Kaufmann Abraham Kayserling, war ein frommer Mann, der seinen Sohn für die geistliche Laufbahn bestimmte. Seine Gymnasialstudien absolvierte der junge Kayserling in seiner Vaterstadt mit glänzendem Erfolge; er besuchte sodann — um in den jüdischen Wissenschaften sich zu vervollkommnen — die Talmudschule Gerson Josaphats in Halberstadt. Hier lebte damals ein junger jüdischer Kaufmann, dessen hohes talmudisches Wissen weit und breit bekannt war, der Lehrer Kayserlings und nachmalige berühmte Rabbiner von Kismarton, Israel Hildesheimer. Von Halberstadt kam Kayserling später nach Nikolsburg (Mähren), wo er ein Schüler Dr. Samson Raphael Hirschs, des späteren Frankfurter Rabbiners war. Infolge der Mittellosigkeit seiner Eltern mußte Kayserling während seiner Studienjahre seinen Unterhalt durch Unterricht in der französischen und englischen Sprache erwerben. Bald darauf kam Kayserling nach Prag als Schüler des Rabbiners S. L. Rappaport und später nach Würzburg an die Schule des Rabbiners S. B. Bamberger, damals die größte Talmudschule Deutschlands; hier erhielt er auch das Rabbinerdiplom, worauf er sich dann im Jahre 1851 an der Universität Würzburg inskribieren ließ. Im Jahre 1853 bezog Kayserling die Universität in Berlin, wo er sich mit historischen und philosophischen Studien befaßte. In der Geschichte war sein Lehrmeister kein Geringerer, als der berühmte Historiker Leopold Ranke, der den jungen Kayserling sehr lieb gewann. Ranke war es, der Kayserlings Augenmerk darauf richtete, daß man in Deutschland von der Geschichte der Juden Spaniens so wenig wisse. Dieser Wink genügte dem strebsamen j Kayserling, um ihn zur raschen Erlernung der spanischen Sprache > und zum eingehenden Studium der Geschichte der spanischen > Juden zu veranlassen. Das Ergebnis dieser Studien sind seine > trefflichen Werke über die spanischen Juden und ihre zu so hohem Glanz gelangte Literatur. Drei Jahre, bis zum Jahre 1856, dauerte das schöne Verhältnis zu Ranke, bis es auf einmal ein jähes Ende fand. Der gelehrte Historiker wandte sich nämlich eines Tags urplötzlich und unvermittelt an den jungen jüdischen Gelehrten mit der Frage, was er vom Christentum halte? Statt zu antworten, stellte Kayserling die Gegenfrage: was Ranke seinerseits von dem philosophischen System Hegels denke. „Damit wollen Sie also sagen", erwiderte Ranke, „daß das Christentum lediglich ein philosophisches System sei, worüber ich übrigens mit Ihnen nicht streiten will. Aber als guter Freund kann ich Ihnen nur raten, zum Christentum überzutreten, denn sonst werden Sie immer das bleiben, was Sie sind". — „Gewiß werde ich das bleiben, was ich bin", war die indignierte Antwort Kayserlings. Das Auftreten Rankes hatte Kayserling tief beleidigt und er mied fortan das Haus des Professors und die ehemalige Freundschaft ging in die Brüche. Behufs Fortsetzung seiner philosophischen Studien zog hierauf Kayserling nach Halle an die dortige Universität. Damals hatte er schon als Schriftsteller einen Namen von Klang. Sein erstes Werk war seine Doktor-Dissertation vom Jahre 1856, die den Titel führte: „Moses Mendelssohns philosophische und religiöse Grundlage mit Hinblick auf Lessing". Drei Jahre später, 1859 erschien sein großes Werk: „Sevhardim, romanische Poesien der Juden in Spanien", das ihm in der Gelehrtenwelt allgemeine Anerkennung verschafte. Im Jahre 1861 verschaffte ihm sein epochales Werk über die spanischen Juden einen ersten Platz unter den besten Historikern seiner Zeit. Das Werk führt den Titel: Geschichte der Juden in Spanien" und ist in Berlin erschienen. Ein wohlbegründeter Ruf ging bereits dem jungen Rabbiner voraus, als er von der Regierung des Schweizer Kantons Aargau, von den Rabbinen Raphael S. Hirsch, Ludwig Philippsohn und Michael Sachs empfohlen, im Jahre 1861 zum Rabbiner der Schweizer Juden berufen wurde. Hier harrte nun Dr. Kayserlings eine große Aufgabe. Er trat mit dem Präsidenten der Kantonalregierung, August Keller, mit dem Bundesrat Duchs und dem Justizminister Godefroi, sowie mit anderen hervorragenden Männern der Schweiz in Verbindung und begann eine wahrhafte Fehde in Flugschriften, in denen er die Interessen des Judentums unerschrocken und unermüdlich verteidigte. Sein Kampf war von Erfolg begleitet: im Jahre 1863 bewilligte der eidgenössische Bundesrat den Juden das Bürgerrecht; diesen Sieg des Liberalismus begrüßte die gesamte liberale Welt mit herzlicher Freude. Neben dieser erfolgreichen Agitation schuf Kayserling auch bedeutende geschichtliche Werke. Im Jahre 1862 erschien sein Werk „Moses Mendelssohn", welches bereits eine zweite Auflage erlebt hat. Große Anerkennung fand die im Jahre 1864 erschienene „Geschichte der Juden in Portugal", ein würdiges Seitenstück zu seiner berühmten Geschichte der spanischen Juden. Zwei Jahre später gab er das interessante Werk „Manaffe Ben Israel" heraus, das auch in englischer Sprache erschienen ist und auch von spanischen Geschichtsschreibern als Quelle angeführt wird. Inzwischen war Dr. Kayserling einem Rufe der Pester israelitischen Religionsgemeinde gefolgt und hier, in der Hauptstadt Ungarns, an der Spitze einer der größten jüdischen Gemeinden der Welt wirkte Dr. Kayserling als Rabbiner bis an > sein Lebensende. Hier schrieb er auch sein großes, bereits in