Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 228. Israelitische Wochenschrift. Nr. 17. Ziel ihrer Bahn kennt. Es wird Nacht, und Gewild schwärmt umher. Erscheint die Sonne, so heben sie sich davon und lagern sich in ihre Höhlen. Dann geht der Mensch zu seiner Arbeit, zu seinem Tagewerk bis Abend". Man erstaunt, in einer lyrischen Dichtung von so geringem Umfang, mit wenigen großen Zügen, das Universum, Himmel und Erde, geschildert zu sehen. Dem bewegten Elementarleben der Natur ist hier des Menschen stilles, mühevolles Treiben vom Aufgang der Sonne bis zum Schluß des Tagewerks am Abend entgegengestellt. Diese Allgemeinheit der Auffassung in der Wechselwirkung der Erscheinungen, dieser Rückblick auf die allgegenwärtige, unsichtbare Macht, die „die Erde verjüngen" oder in Staub zertrümmern kann, begründen das Feierliche und das Erhabene der poetischen Dichtung. Aehnliche Ansichten des Universums kehren mehrmals wieder (Psalm 65, 7—14, 15—17); am vollendetsten vielleicht in dem 37. Kapitel des Buches Hiob. Die meteorologischen Prozesse, die in der Wolkendecke Vorgehen, die Formbildung und Auflösung der Dünste bei verschiedener Windrichtung, ihr Farbenspiel, die Erzeugung des Hagels und des rollenden Donners werden mit individueller Anschaulichkeit beschrieben, auch viele Fragen vorgelegt, die unsere heutige Wissenschaft wohl in wissenschaftlicheren Ausdrücken zu formulieren, aber nicht befriedigend zu lösen vermag. Das Buch Hiob wird allgemein für die vollendetste Naturdichtung gehalten, die die hebräische Poesie hervorgebracht hat. In allen modernen Sprachen, in die das Buch Hiob übertragen worden ist, lassen seine Naturbilder des Orients einen tiefen Eindruck. „Der Herr wandelt auf des Meeres Höhen, auf dem Rücken der vom Sturm aufgetürmten Wellen — die Morgenröte erfaßt der Erde Saum und gestaltet mannigfach die Wolkenhülle, wie des Menschen Hand den bildsamen Ton". Es werden die Sitten der Tiere geschildert, wir sehen „den reinen Aether in der Schwüle des Südwindes wie einen gegossenen Spiegel über die dürstende Wüste hingedehnt". Wo die Natur körperlich ihre Gaben spendet, schärft sie den Sinn des Menschen, daß er auf jeden Wechsel im bewegten Luftkreis wie in den Wolkenschichten lauscht, daß er in der Einsamkeit der starren Wüste wie in der des wellenschlagenden Ozeans jeden Wechsel der Erscheinungen bis zu seinen Verboten nachspürt. Das Klima ist besonders in dem dürren und felsigen Teil von Palästina geeignet, solche Beobachtungen anzuregen. Auch an Mannigfaltigkeit der Form fehlt es der dichterischen Literatur der Hebräer nicht. Während von Josua bis Samuel die Poesie eine kriegerische Begeisterung atmet, bietet das kleine Buch der ährenlesenden Ruth ein Naturgemälde dar von der naivsten Einfachheit und von unaussprechlichem Reiz. Goethe nennt es in der Epoche seines Enthusiasmus für das Morgenland, „das Lieblichste, das uns episch und idyllisch überliefert worden ist". Zum Schluß möchten wir noch folgende Bemerkung machen: In der hebräischen Naturpoesie ist der Geist das Höchste, die äußere Form dagegen unwesentlich. Die Natur wurde nicht um ihrer selbst willen betrachtet, nicht um an ihren Schönheiten sich zu ergötzen; sie war ein Geschöpf des unsichtbaren geistigen Gottes, dessen Allmacht und Weisheit sie in ihrer Gewalt und Planmäßigkeit kundgab. Plastik und Architektonik blieben daher den Hebräern fremd; die Einbildungskraft versenkte sich in die Tiefen der Gemütswelt und schuf dort geistige Kunstwerke, die, weil sie die subjektiven Stimmungen, die innerliche Bewegung ausdrucken, dem Volk der Religion recht angehören. Dr. M. Kavserlittg Die Pester israelitische Religionsgemeinde, die gesamte Judenheit, die jüdische Literatur hat wie-der „P. Ll." meldet, einen schweren, schier unersetzlichen Verlust zu beklagen — Rabbiner Dr. M. Kayserling ist nach viertägiger Krankheit, im 76. Lebensjahre gestorben. Fünfunddreißig Jahre hindurch wirkte er als Rabbiner an der Pester israelitischen Religionsgemeinde, deren Stolz und Zierde der nun Verewigte gewesen. Als Kanzelredner voll Schwung und hinreißender Eloquenz, ergriff er die Gläubigen durch überwältigenden Gedankenreichtum, durch die Tiefe seiner Ideen, durch die Innigkeit und Unmittelbarkeit seines Vortrages. Wie viele Mitglieder der Budapester israelitischen Religionsgemeinde hat Dr. Kayserling von der Wiege bis zum Grabe geleitet! Er hat sie in trüben Tagen getröstet und aufgerichtet, war ihnen Stütze und Stab. Er streute den Samen tiefinniger Religiosität in die Gemüter seiner Glaubensgenossen. Seine profunde talmudische Gelehrsamkeit reihte ihn unter die berühmtesten Größen seines Glaubens und sein universelles Wissen war seinen Schülern eine weithin strahlende Leuchte, deren Licht nicht verblaßt, wenn auch der Edle, der sie entzündete, in das Dunkel des Grabes gesunken, das von dem liefen Schmerze, von der dankbaren Pietät seiner Glaubensgenossen umgeben wird. Vollendung der Form, Tiefe des Gedankens, die hohe Kunst des Vortrages verschmolzen in seinen Kanzelreden, in seinen Gelegenheitsreden vor dem Trauhimmcl, an der Bahre zu einer faszinierenden Einheit, die den Hörer unwiderstehlich in ihren Bann zog und immer zum Schöpfer alles Seins erhob. Wohl sprach sein durchdringend scharfer Geist zum wägenden Verstände, doch bei seinen lichtvollen Auseinandersetzungen schwang stets die Saite eines lauteren, edlen, menschenfreundlichen Gemütes mit und brachte sympathisch die Herzen in Wallung. Bescheiden, anspruchslos, dem lauten Markte abhold, den Huldigungen abgewendet war sein ganzes Wesen und so wußten es nur die Schriftgelehrten, daß er einer ihrer Größten, ein Meister der Meister auf dem Gebiete der religiösen Literatur sei. Der religiösen Literatur, welche auch die Weltgeschichte, die Kulturgeschichte in ihren tausendfach verzweigten Beziehungen zum Judentum umfaßt. Der Name Dr. M. Kayserling war in der wissenschaftlichen Welt, in der Republik der Gelehrten des ganzen Erdkreises von bestem Klang, hochangesehen und bewundert von jenen, die auf dem Felde, das Kayserling bebaute, selber Großes geleistet hatte. Seine Werke sind in alle Kultursprachen übersetzt. Insbesondere seine, die ruhmreichste Epoche der jüdischen Geschichte, die spanische Epoche behandelnden Werke — sie allein umfassen eine kleine Bibliothek — stellen ihn in die erste Reihe der modernen Historiker. Um nur einige Namen zu nennen: die Werke Sephardim, Romanische Poesien der Juden in Spanien, Geschichte der Juden in Portugal, Zur Geschichte der spanisch-portugiesischen Literatur, Bibliotheca espanola-portigueza-judaica sind seiner Feder entflossen. Sein Hauptwerk „Moses Mendelssohn und seine Zeit" ist eine klassische Schilderung dieser nicht nur für das deutsche Judentum, sondern auch für die Entwicklung Deutschlands hochwichtigen Epoche. Im Aufträge der amerikanischen Juden schrieb er das Werk „Der Anteil der Juden an der Entdeckung Amerikas"; es ist dies wohl die glänzendste Festschrift, die anläßlich der 400 jährigen Gedenkfeier der Entdeckung