Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606543--9249-9606546- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zeitschrift für die Gchintiiltereffkn des Judentums. Webst öem Weibtcrtt: Jüdisches Littercltuvbt'crtt. Erscheint an jedem Freitag Redaktion und Verlag: Bezugspreis vierteljährlich: das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Wertin 6., Woß-Straße 3! Deutschland u. Österreich-Ungarn 3. Atk. Alle Postanstaltcn nehmen Abonnements entgegen. 1 Telephon: Amt I, 5729. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Urrnrrner 17. Kerti«, 28. April 190S. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten wir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C.f Rost-Ltraste 3. Inhalt. Artikel: Das tiefe Naturgefühl in der Naturpoesie der Hebräer. Bon Dr. B. Selig kowitz-Köthen.— Dr.M.Kayserling. — Londoner Brief. — Amerikanischer Brief. — Jüdisches Schulwesen vor Mendelssohn. — Die altsemitischen Ruinen von Simbabye. — Politik: Rassenstolz. — Das Abenteuer des Grafen Pückler-Kleintschirne. — Aus dem Londoner Ghetto. — Rußland. — Kuba. — Wochenchronik. - Feuilleton: Die Frau des Verurteilten Von Mathilde Schmidt. (Fortsetzung )—Inserate. Das tiefe Nuturgefühl iu der UaturDklie der Hebräer. Von Dr. B. Seligkowitz-Köthen. In seinen Betrachtungen über die naive und sentimentale Dichtung sagt Schiller hinsichtlich des Naturgefühls bei den alten Völkern: „Wenn man sich der schönen Natur erinnert, die die alten Griechen umgab, wenn man nachdenkt, wie vertraut dieses Volk unter seinem glücklichen Himmel mit der freien Natur leben konnte, wie sehr viel näher seine Vorstellungsart, seine Empfindungsweise, seine Sitten der einfältigsten Natur lagen, so muß die Bemerkung befremden, daß man so wenig Spuren von dem sentimentalischen Interesse, mit dem wir Neuere an Naturszenen und Naturcharakteren hangen können, bei denselben antrifft; der Grieche ist zwar im höchsten Grade genau, treu, umständlich in Beschreibung derselben, aber mit nicht größerem Herzensanteil, als er es in der Beschreibung eines Gewandes, eines Schildes, einer Rüstung ist. Die Natur scheint mehr seinen Verstand als sein moralisches Gefühl zu interessieren; er hängt nicht mit Innigkeit und süßer Wehmut an derselben wie die Neueren." So viel Wahres und Vortreffliches auch im einzelnen in diesen Aeußerungen liegt, so können sie doch keineswegs auf das ganze Altertum ausgedehnt werden. So spricht sich z. B. ein sehr tiefes Naturgefühl in den Dichtungen der Hebräer aus. Ueberhaupt zeigen uns die semitischen Nationen in den ältesten und ehrwürdigsten Denkmälern ihrer dichterischen Gemütsart und schaffenden Phantasie Beweise eines tiefen Naturgefühls. Der Ausdruck dieses Gefühls offenbart sich großartig und belebend in Hirtensagen, in Tempel- und Chorgesängen, in dem Glanz der lyrischen Poesie unter David, in der Seher¬ und Prophetenschule, deren hohe Begeisterung, der Vergangenheit fast entfremdet, ahnungsvoll auf die Zukunft gerichtet ist. Es ist ein charakteristisches Kennzeichen der Naturpoesie der Hebräer, daß sie als Reflex des Monotheismus auftritt, indem sie stets das Ganze des Weltalls in seiner Einheit umfaßt, sowohl das Erdenleben, als die leuchtenden Himmelsräume. Sie weilt seltener bei den einzelnen Erscheinungen, sondern erfreut sich der Anschauung großer Massen. Die Natur wird nicht geschildert als ein für sich Bestehendes, durch eigene Schönheit Verherrlichtes; dem hebräischen Sänger erscheint die Natur immer in Beziehung auf eine höhere, waltende geistige Macht. Die Natur ist ihm ein Geschaffenes, Angeordnetes, der lebendige Ausdruck der Allgegenwart Gottes in den Werken der Sinnenwelt. Deshalb ist die lyrische Dichtung der Hebräer schon ihrem Inhalt nach großartig und von feierlichem Ernst. Als Naturbeschreibungen sind die Schriften des alten Testaments eine treue Abspiegelung der Beschaffenheit des Landes, in dem das Volk sich bewegte. Sie schildern die Verhältnisse des Klimas in geregelter Zeitfolge, die Sitten der Hirtenvölker und deren angestammte Abneigung gegen den Feldbau. Die epffchen oder historischen Darstellungen sind von naiver Einfachheit. Geschmückter aber und ein reiches Naturleben entfaltend ist die Lyrik der Hebräer. Man möchte sagen, daß in dem einzigen 104. Psalm das Bild des ganzen Weltalls dargelegt ist; jeder Punkt ist lebendige Bewegung, und so wird uns das Werden und Leben vorgeführt, jedoch nicht episch, wie in der Genesis, mit dem Licht; da aber noch nichts da ist, was beleuchtet werden könnte, so sagt er: Gott hüllt sich in Licht, wie in ein Gewand. Nun baute sich Gott ein Zelt, er spannt den Himmel wie ein Zelttuch. Er hat den Erdball auf sich selbst gegründet, daß er in Ewigkeit nicht wankt. Die Gewässer quellen von den Bergen herab in die Täler, zu den Orten, die ihnen beschieden sind, daß sie nie die ihnen gesetzten Grenzen überschreiten, aber alles Wild des Feldes tränken. Der Lüfte Vögel singen unter dem Laub hervor. Saftvoll stehen des Ewigen Bäume: Libanons Ceder, die der Herr selbst gepflanzt, daß das Federwild dort niste. Es wird das Weltmeer beschrieben, in dem es von Leben ohne Zahl wimmelt. Da wandeln die Schiffe und es regt sich das Ungeheuer, das du schufest, darin zu scherzen." Die Himmelskörper geben diesem Naturbild seine Vollendung. „Der Herr schuf den Mond, die Zeiten einzuteilen, die Sonne, die das