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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-04-21 · 16 (21.4.1905) · p. Seite 219

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
Seite 219 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 16 Israelitische Wochenschrift. Seite 219. der Spekulation erhalten hatte. Die Wechsel befanden sich jedoch bei einem Pariser Bankhause, das sie dem Notar Delaleu präsentieren sollte, auf den sie lauteten. Inzwischen hatte jedoch der König von dem unsauberen Handel erfahren und war darüber sehr ungehalten. Voltaire mußte darum das Geschäft rückgängig machen. Er schrieb also an Delaleu und wies ihn an, die Wechsel nicht auszuzahlen. Da Hirsche! jedoch einen Teil des Geldes von einem Leipziger Hause erhalten hatte, wurden die Wechsel protestiert. Voltaire forderte nun entweder den Gegenwert dieser Wechsel oder diese selbst. Hirsche! gab Voltaire Diamanten und andere Wertgegenstände. Daraufhin bescheinigte Voltaire dem Hirsche!, daß dieser ihm „Alles bezahlt" habe und „jede Rechnung unter ihnen beglichen sei". Dagegen ließ er sich von Hirschel schriftlich versprechen, ihm alle Briefchen, Aufträge und Wechselbriefe, die er bis zum 16. Dezember erhalten habe, zurückzugeben, insbesondere die Wechsel über 40 000 Francs. Hirschel löste jedoch nur den ersten Teil seines Versprechens ein, sodaß Voltaire begründete Ursache hatte, zu fürchten, daß Hirschel ihm mit seinen 40 000 Francs einen bösen Streich spielen möchte. Er wurde darüber immer unruhiger, suchte den Juden immer mehr in seine Hände zu bekommen und ihn immer mehr zu drücken, bis ers schließlich zu weit trieb und der Prozeß unvermeidlich war. Am 28. Dezember war Hirschel zum letzten Male bei Voltaire. Dieser nimmt ihm einen Ring vom Finger und behält ihn ohne Hirschels Zustimmung. Dann verabschiedet er ihn mit den Worten: „Beklagen Sie sich, wo Sie wollen!" Am folgenden Tage soll Oberstleutnant v. Chasot in seiner Wohnung auf Voltaires Ersuchen noch einen Ausgleich versucht haben. Aber Voltaire packte dabei den Juden an der Kehle, lief mit ihm durchs Zimmer und nannte ihn einen Schurken, den er in den Kerker werfen lassen könnte. In Folge dessen ging Hirschel aus den Ausgleich nicht ein, sondern wollte sich angeblich beim König beklagen. Dem kam jedoch Voltaire durch eine Immediateingabe an den König zuvor. Friedrich überwies die Angelegenheit dem Großkanzler Cocceji. Es entspann sich nun ein langwieriger Prozeß, während dessen Hirschel auch verhaftet, sodann wieder freigelassen wurde. Allein auch Voltaire brachte er keine Ehre. „Es ist der Prozeß eines Schurken (fripon)", schrieb Friedrich der Große an seine Schwester Wilhelmine, „der einen Spitzbuben (filou) betrügen will ... In einigen Tagen werden wir erfahren, . . . wer von den Beiden der größte Schurke ist . . . Voltaire hat sich wie ein Verrückter geberdet. Ich warte das Ende des Prozesses ab, um ihm den Kopf zu waschen und um zu sehen, ob es nicht gelingt, daß er mit sechsunofünfzig Jahren, wenn nicht vernünftig wird, so doch wenigstens von seiner Schurkerei etwas aufgiebt." Am 18. Februar 1751 wurde das Urteil gefällt, wonach Hirschel die Originalwechsel sofort auszuliefern habe aeaen einen Schein, der ihn von allen Verbindlichkeiten befreit. Aber auch Voltaire wurde durch das Urteil geb.andmarkt, denn es verpflichtete ihn zur Rückgabe der „Konvention", oder zur Eidesleistung darüber, daß sie nicht existiert habe oder nicht mehr existiere, ferner zur Rückgabe der von Hirschel erhaltenen Juwelen bis auf einen Teil, der als Bezahlung der Schuld Hirschels von 3000 Talern dienen solle. Die Kosten wurden kompensiert, da jede Partei teils gesiegt, teils verloren hatte. Voltaire triumphierte trotz der moralischen Niederlage, die er erlitten hatte, über seinen Sieg, den er dem Könige sofort meldete. Er beteuert diesem, dem er seit Anfang Jänner nicht hatte wagen können zu schreiben, er sei nicht der niedrig eigennützige Mensch, als welchen man ihn geschildert habe. Er habe schon am 24. November Hirschel verboten, Steuerscheine zu kaufen (was aber nicht wahr ist); er sei schmählich verleumdet und werde verfolgt. Da brach endlich auch Friedrich sein Stillschweigen, aber vorerst nur, um Voltaire, wie er es seiner Schwester geschrieben hatte, den „Kopf zu waschen". „Sie haben," so lesen wir in diesem Briefe, „den allergarstigsten Handel mit dem Juden gehabt. Die ganze Stadt ist voll von dem Heidenlärm über diese schändliche Geschichte. Die Sache mit den sächsischen Steuerscheinen ist in Sachsen so wohl bekannt, daß man bei mir ernste Beschwerde darüber geführt hat. Was mich angeht, so habe ich bis zu Ihrer Ankunft Frieden gehalten in meinem Hause, und ich warne Sie: haben Sie die Leidenschaft, zu intriguieren und zu kabalieren, dann sind Sie an eine ganz falsche Adresse gekommen. Ich liebe Leute, die friedlich und verträglich sind und die stürmischen Leidenschaften der Tragödie von ihrem persönlichen Betragen fern halten. Können Sie sich entschließen, als Philosoph zu leben, dann will ich Sie gern Wiedersehen; aber wenn Sie sich allen Anfällen Ihrer Leidenschaft hingeben und mit Jedermann Händel anfangen, so wird mir Ihre Rückkehr keine Freude machen und Sie können ebenso gut in Berlin bleiben." Voltaire antwortete sofort in einem sehr demütigen Briefe, in dem er Abbitte leistete und den König um Mitleid bat. Inzwischen war endlich auch Voltaires endgültiger Vergleich mit Hirschel zu Stande gekommen. Voltaire benachrichtigt davon sofort den König und bittet neuerdings um Nachsicht und Verzeihung. Darauf schrieb ihm Friedrich am nächsten Tage das Folgende: „Wenn Sie hierher kommen wollen, so st,.!/ es bei Ihnen. Ich höre hier von keinem Prozeß, nicht einmal von dem Ihrigen. Da Sie ihn gewonnen haben, wünsche ich Ihnen Glück und freue mich, daß die schmutzige Geschichte zu Ende ist. Ich hoffe. Sie haben künftig keine Händel mehr, weder mit dem Alten, noch mit dem Neuen Testament; derartige Bloßstellungen sind brandmarkend und mit den Talenten des schönsten Geistes von Frankreich wischen sich die Flecke nicht ab, die solch ein Betragen auf die Länge auf Ihren Ruf werfen würde ... Ich schreibe diesen Brief mit dem groben deutschen Menschenverstand, der sagt, was er denkt, ohne Umschweife und Milderungen, welche die Wahrheit entstellen: an Ihnen ist es, sie sich zunutze zu machen." Darauf machte Voltaire dem König das Bekenntnis: „Freilich, Ew. Majestät haben Recht, so Recht wie nur möglich, und ich, so alt ich bin, habe Unrecht getan, das kaum wieder gut zu machen ist . . . Ich bin untröstlich und habe nie so tiefen und bitteren Schmerz empfunden." Und der König verzieh Voltaire, weil er in dessen Geist verliebt war, den man trotz aller Schwächen, die Voltaires Charakter verunzieren, bewundern muß. P. Lloyd. Ei» prtrr Zchlkiiiihl der „Dnitfriit'ii tzochnicht". „Es gibt einen Ritualmord — und wenn sämtliche Staatsanwälte Preußens ihre Federn spitzen." So schreibt ein Peter Schlemihl der „Deutschen Hochwacht", eines Winkelblättchens, das mir in einem Exemplar ein Bekannter kürzlich zur Erheiterung mitteilte. Der Schreiber weist darauf hin, daß die christlich-russische Sekte der Stundisten der Dreieinigkeit rituell Menschenopfer bringen. Dann schließt er: Wenn sogar Christen vor dem Menschenopfer nicht zurückschrecken, warum sollten es denn

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