Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 8. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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verdrossen wiederholen würde, so müßten Meruba- und Raschischrift sich zugleich im kindlichen Geiste festsetzen, und beim Anblicke des einen würde der Schüler unwillkürlich an das andere erinnert werden. Es wäre schon in unseren gewöhnlichen Fibeln die Einrichtung nötig, mit den Leseübungen allmählich auch die Uebersetzung einzelner Silben und Wörter zu üben. Es kann dem Kinde nur Freude machen, wenn es nach einigen Tagen darauf aufmerksam gemacht wird, ב (selbst in dieser Schreibweise) hieße ״in mir“, ״ פmein Mund“ ״ ב תmeine Tochter“, es gewöhnt sich daran, dem hebräischen Worte in Meruba- und der beständig darunter befindlichen Raschischrift einen Begriff unterzulegen, und bald bestehen die Leseübungen dann aus Musterworten, in denen sich Anblick und Begriff decken und das Lesen erleichtern. Unter der Raschischrift müßte dann mit der Zeit die Punktation verschwinden, und das Kind gewöhnt sich bald daran, ohne Hilfe der Punkte und Striche nach den obenstehenden Worten in Merubaschrift zu lesen. Mit der Zeit kommen kleinere Sätze heran, werden Abkürzungen eingeübt, wie etwa ב״ר׳ר״א etc., und es erscheint das Lesen dieser Sätze dem Kinde ganz selbstverständlich. Das Gebetbuch selbst hat seine Angaben über die Verwendung der Tephillot meist in Raschischrift stehen — welch ein Vorteil, wenn diese Sätzchen dem Kinde nicht rätselhaft bleiben und es durch sie sowohl im Gebetbuch, als auch im Kalenderjahr heimisch wird! Dieser von mir erprobte Weg, wird in Folge noch mangelnder Lehrmittel von weiteren Kreisen kaum beschritten werden. Vielleicht aber sind meine Worte eine Anregung dazu. Von da aus bis zu einer vernünftig geordneten Raschiblumenlese ist nur ein Schritt. Bis dies geschieht, muß die verdienstvolle Raschiausgabe von Dessauer herhalten, oder der Lehrer ersetzt die fehlende Grundlage mit der Kreide in der Hand, und es wird ihm in nicht zu langer Zeit gelingen, die Schwierigkeiten, die den Anfängern im Wege stehen, zu beseitigen. Aber die beständigen agadischen Deutungen Raschis! Werden sie nicht den einfachen Sinn der Schrift überwuchern und uns zu vormendelssohnscher Denkart zurückführen? j (Fortsetzung folgt.) Litteraturbericlit Recensionen. Dr. R. Fa erb er in Wittkowitz (Mähren). Entwickluiig der Sage von Salomo und dem Todesengel. Wien. Beck & Sohn. 1904. 20 S. Kurz, aber inhaltsvoll! Vom Verfasser der Schrift ״König Salomo in der Tradition“ läßt sich nichts Wertloses erwarten. Hier hat er sich nicht mit der Gesamthagada über König Salomo, sondern mit einer einzigen Stelle befaßt, deren Wahl schon eine überaus glückliche ist. Aus Paul Horns Geschichte der persischen Literatur (Amelang 1901) ist die Rosensche Uebersetzung der behandelten Sage (nach dem Koran) aus dem Mätnäni und noch mehr aus Jakobsohns Rimmaim die Tendlansche Dichtung ״Salomo und der Todesengel“ nach der talmudischen Haggada in weiteren Kreisen bekannt geworden. Salomo will zwei Beamte vor dem Todesengel durch plötzliche zauberische Versetzung in ein fremdes Land bringen, und gerade dort fallen sie der göttlichen Bestimmung gemäß in seine Hand. Faerber findet die ältere Jeruschalmihaggada nüchtern und verschwommen gegen Salomo gerichtet; die Bablihaggada geheimnisvoller, sagenhafter, aber klarer in der Fassung und zur Rechtfertigung Salomos bestimmt. Er möchte darin nichts als den dichterischen Ausdruck für einen einfachen, im Leben möglichen Vorgang sehen. Da im Jeruschalmi Chama ben Chanina (wohl nach Ueberlieferungen seines Vaters Chanina), im Babli merkwürdigerweise der Palästinenser Jochanan der Träger der Ueberlieferung ist, so hält Faerber die babylonische Haggada für eine namenlose. Weshalb aber Faerber den Gedanken, dem Tode könne man nicht entfliehen, im Talmud für so unmöglich, weshalb ihm die sagenhafte Seite der Haggada als eine Entwürdigung derselben gilt? Bedenke man, daß weder Rabba, noch der Prophet Moses dem Todesengel entfliehen kann — אי| שלטון ביום המות heißt es doch gerade mit bezug auf Moses im Midrasch. Und der Satz selbst stammt von Salomo. Genügt es außerdem nicht, in Lus die todessichere Stadt zu sehen? Muß darin noch die allgemeine Bezeichnung für Badeorte und salomouische Wohlfahrtseinrichtungen liegen? Denke man an die aus der alexandrinischen Ueberlieferung stammenden Salomoerzählungen des Targum scheni, die doch palästinensischem Boden angehören, so wird man die palästinensischen Haggadas nicht allgemein nüchtern nennen. Trotz abweichender Ansichten stimmen wir in der Art der Behandlung mit Faerber überein. Die Haggada schließt sich entweder gedächtnisgemäß an eine dem Stoff ähnliche Halacha oder bietet deren Anwendung auf das Leben. Eine treffliche Regel Faerbers, die sich jedem Forscher nach Aufbau und Quellen aufgedrängt und die sich ja auch in der Aneinanderreihung der Mischna geltend macht. Wenn man bedenkt, wie schwer solche einfachen Regeln sich Anerkennung verschaffen, so nimmt man sie freudig auf, wenn sie wie hier von Faerber geäußert werden. Und dann muß der Grundsatz, jede Stelle auf ihre Entstehungszeit und ihren Ursprung nach inneren Kennzeichen zu bestimmen, als Voraussetzung aller Arbeiten auf diesem Gebiet festgehalten werden. Dieser Grundsatz spricht sich wieder in der Faerberschen Arbeit aus. Wir haben sie in seiner größeren Abhandlung ebenfalls gefunden. Endlich muß die Art, einen Talmudsatz durch einen anderen ähnlichen und diesen durch einen dritten zu erklären, als sehr förderlich zugegeben werden. Gefreut hat uns auch die Ehrenrettung der babylonischen Haggada und der Versuch, das herkömmliehe Gerede von deren Minderwertheit als gegenstandslos hinzustellen. Wer sich mit den Haggadas beider Talmude eingehend befaßt hat, wird sich sehr gern mit der babylonnischen beschäftigt haben. Trotzdem wir also nicht in allen Punkten mit dem Verfasser übereinstimmen (er hat, wie wir glauben, zuviel gesucht), müssen wir sein Schriftchen als überaus anregend schon wegen des frischen Forschergeistes empfehlen, der darin herrscht. Dr. Simon Mandl. Monotheismus — ein Weltprinzip. Vortrag. Brünn, 1904. Epstein & Co. 16 S. Die im Menschen in seinem Gefühl lebende Gotteseinheit ist ein Labsal, die wissenschaftliche ein Licht, die sittliche ein Kleinod. Diese drei Seiten des hohen Gedankens hegt das Judentum. Die Kunst ist ein zu Zeiten sich regendes Bedürfms — die Gottheit ein|ewi|ges. Das wissenschaftliche Streben, Gott zu erkennen (nicht zu kennen), das Bewußtsein seiner Unerkennbarkeit lebte in Männern wie Gabirol und Bachia ben Pakuda Naturerkenntnis wurde nicht gescheut, sondern empfohlen als Mittel zur Gotteserkenntnis. Das Bewußtsein von der göttlichen Erhabenheit brachte die sittliche Verinnerlichung des Gottesgedankens in den Propheten Israels hervor, die Hoffnung auf Gerechtigkeit und Weltfrieden mitten unter assyrischen Kriegsstürmen. Nicht bekehren will das Judentum, sondern durch sein Bestehen und Gotteswirkenüberzeugen und so das Seinige für die Zukunft A11 er tun. In engem Rahmen hat Verfasser diese Gedanken, für unsere Zeit doppelt notwendig, zum Ausdruck gebracht und I zwar zum Gedenktage Kants. Echte Philosophie führt zu