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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 8. (1905) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 8. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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BO dann nicht zu lieben aufgehört, als letzterer aus einem Gesetzeswächter ein Gesetzesverächter geworden war. Er war an des Lehrers!Sterbelager geeilt und bewies ihm auch nach dem Tode seine innige Liebe. Als nämlich Flammen aus dem Grabe Achers emporstiegen, die niemand dämpfen konnte und die jedermann für ein Zeichen hielt, daß die Hülle des Mannes keine Ruhe finden konnte — da eilte Rabbi Meir herbei, breitete ein Tuch über die Gruft und sprach einen Vers in Ruth deutend, ungefähr folgendes: Schlummre sanft in Grabesnacht, Bald ein neuer Morgen dir lacht, Die Qual dann verseucht, Die Macht ist verscheucht Und aus des Todes finstern Schrecken, Wird Gott dich, der Gute, zum Leben erwecken. Wohl glich dir das Leben hinieden Einer entsetzlichen finstern Nacht, Du entschliefst — nun schlummre in Frieden, Bald bist du zum Leben erwacht, Dann blüht dir unsterbliches Leben Und Freiheit und himmlisches Licht, Die Fessel, die hier dich gebändigt, Der erlösende Gott sie zerbricht. Eine der herrlichsten Immortellen ist wohl diejenige, die der Dichter Bar Kappara Rabbi Jehuda ha־Nassi gewidmet hat. Bar Kappara teilte das Ereignis vom Verscheiden jenes Rabbi dem Volke in folgenden Worten mit: Es stiegen, o Brüder, Seraphim hernieder, Die Tafeln des Bundes zu nehmen. Die Sterblichen grollten, Ihr Kleinod, sie wollten Zu geben sich nimmer bequemen. Da kam es zum Streite Um die kostbare Beute, Und siehe, es faßten die Engel die Tafeln des Bundes mit Macht, Sie wurden der Erde entrungen und wurden zum Himmel gebracht. (Midrasch, Kohelet zu VII, 11.) Wir kommen nun zu den größeren Fragmenten von Klagereden, die ich in chronologischer Reihenfolge vorführe. Samuel der Jüngere, der ein Zeitgenösse von Rabbi Gamaliel dem II. war, wurde von diesem Patriarchen selbst in folgender Weise betrauert: Trauer geziemt um den Meister und Weinen und heftiges Klagen, Zieht er von dannen doch fort, lasset uns trostlos zurück; So ein König verblaßt, verbleibet die Krone dem Erben, Geht ein Reicher dahin, nimmt er die Schätze nicht mit. Du, o Meister, du zogest von dannen, wir sind nun verlassen; Warst an Schätzen so reich, nähmest sie alle mit dir. (Semachot VIII.) Rabbi Simon b. Lakisch. Die Klagerede, die dieser auf seinen Schüler R. Chia b. Ada gehalten, war herrlich poetisch durchduftet. An einen Vers im Hohenliede anknüpfend sprach er folgendes: In seinen großen Garten, da stieg mein Freund hinab, Ging in die duft’gen Beete und pflückte Lilien ab. Mein Freund ging in die Gärten zum duft’gen Balsambeet, Da weidet er die Lämmer von Balsamhauch durchweht. Wer ist der Freund, der traute, der treu sich stets bewährt? Der Vater ist’s im Himmel, dess’ Name hochgeehrt, Und wo, wo ist der Garten, in den hinab er steigt? Das ist die Welt, die weite, der gnädig er sich zeigt. Die Herden, die er weidet und die er nährt zumal, Das sind die Erdbewohner, die Völker ohne Zahl, Und jene weiße Lilien, die oft der Schöpfer pflückt.. Die Reinen sind’s, die Frommen, die er der Erd’ entrückt. Ein älterer Zeitgenosse von R. Simon b. Lakisch war Lewi bar Sißi. Ihm hielt Abba, der Vater Samuels, folgende Klagerede, die er an einen Vers in Kohelet anknüpfte: Wen die Gottesfurcht erfüllt, wer an Gottes Wort sich hält, Wieget auf an innrem Werte eine ganze große AVelt. So war Lewi — einer Rebe glich er, die für sich allein So viel süßer Trauben spendet, wie ein Weinberg liefert Wein. Wie nun diese eine Rebe eines Weinbergs Wert enthält, Also glich an Werte Lewi einer ganzen großen Welt. (Schluß folgt.) Einiges zum Raschijubiläum. Von Dr. L. A. Rosenthal, Rabbiner zu Preuß-Stargard. I. Raschi und Rabbinisches in der Schule. (Aus einem Vortrage.) Verehrte Vereinsgenossen! £ Unsere Versammlungen haben einerseits den Zweck, uns über die Unterrichtsweise in den allgemein üblichen Gegenständen der Religionsschule Klarheit zu verschaffen; außerdem aber neue Ziele aufzustecken und zu Wissenszweigen zurückzuführen, die aus den meisten Schulen der Gegenwart immer mehr verschwinden, soweit sie nicht schon längst daraus verbannt sind. Wenn ich Raschis Thoraerklärung zu diesem Zwecke behandele, so wird mir dabei mannigfacher Widerspruch begegnen. Die geringe Stundenzahl, die in Folge anderweitiger Ueberbürdung der Schüler dem Hebräischen verbleibt, wird zu immer weiteren Einschränkungen des zu behandelnden Stoffes veranlassen; und hier soll in Raschi ein neuer Ballast dazu kommen, um das Notwendige zu erdrücken? Gewiß, sage ich, ein Gegenstand soll wieder aufgenommen werden, der in kurzem zu einem wichtigen Hilfsmittel des Pentateuchunterrichts werden kann. Die Ueberwindung der darin liegenden Schwierigkeiten wird die Jugend dazu bringen, alle anderen Fächer der Religionsschule mit spielender Leichtigkeit sich zu eigen zu machen, vorausgesetzt, daß der Lehrer diesen Erklärer zu benutzen versteht. Die größte Schwierigkeit wird im Erlernen der rabbinischen Schrift und im Lesen Raschis liegen, noch ehe man zum Uebersetzen gelangt. Der Tertianer muß allerdings in wenig Tagen das griechische Alphabet innehaben, und bald liest er geläufig Sophokles, Pindar und was man ihm darin vorlegt. Aber man wird seinen geschärften Verstand, sein höheres Alter mir entgegenhalten, während wir aus Schülern in jüngerem Alter Raschigelehrte heranbilden wollen. Nun, zur Ueberwindung äußerer Schwierigkeiten ist gerade das jüngere Alter besonders geeignet, und wenn wir geeignete Lehrmittel hätten, so könnte mit den ersten Leseübungen der Fibel schon zugleich die Raschischrift geübt werden. Wenn unter dem berühmten בבכב man dasselbe in Raschischrift stehen hätte, wenn man dies un- ׳

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