Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- Seite 217 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 217. Israel hat gelitten in seiner Jugend, auch später; kraftvoll ward es in der Schule der Schmerzen, doch nicht unempfänglich und unempfindlich für fremdes Weh. Im Gegenteil, weich und mitleidig war sein Herz. Hatte es selbst das Brot des Elends so oft unter Tränen essen müssen, so erschloß sich sein Gemüt um so leichter dem Bedrängten und Bedrückten. In jedem Heimatlosen erneuerte sich ihm die Erinnerung an die eigene Unbill, die ihm widerfahren war und es fühlte seine Brust bewegt vom tiefen Mitgefühl mit dem Jammer des Unglücklichen. Es hatte im Leide nicht die Liebe verlernt. Darum konnte es die Forderung seiner Lehre beherzigen: „Einem Fremdling sollt ihr nicht wehe tun, denn ihr kennt ja die Seelenschmerzen der Heimatberaubten." Das Brot des Elends, das einst seine Speise war, ist ihm ein Mahnzeichen, sich liebend der Leidvollen und Bekümmerten anzunehmen. Dieser schöne Grundzug jüdischen Wesens findet seinen ergreifenden Ausdruck in der oft wiederholten Begründung von Thoraforderungen der Menschenfreundlichkeit und Nächstenliebe mit dem Hinweis auf die einst erlittene Knechtschaft in Egypten. Und so klingt es auch hier schlicht und seelenvoll: „Dies ist oas Brot des Elends, .... jeder Hungrige komme und esse!" Manch einer unter uns hat einst schwere Zeiten gesehen. Mühselig hat er gearbeitet um kargen Gewinn; später, viel später kam bessere Zeit. Erfolg auf Erfolg, und jetzt gehört er zu den Reichen. Doch im Schmelztiegel der Armut ist er nicht geläutert, sondern unter den Hammerschlägen des rauhen Geschickes hart geworden. Ach, Weichheit und Mitgefühl ist ihm Schwäche und Schwarmseligkeit; die vielen Kränkungen, die er hat erdulden müssen, haben ihn innerlich so gallig und giftig gemacht, daß die Frühlingsblüten der Liebe in seinem Herzen nicht aufkeimen wollen. Für ihn giebt es viel, unendlich viel aus dem Eingang des alten Volksbuches zu lernen. Fest sein ist gut, hart sein aber ist nicht Stärke, sondern Schwäche. Aus den liebeerfüllten Worten der Haggada gehen warme Sonnenstrahlen in sein Herz und schmelzen die Eisrinde der Feindseligkeit und Lieblosigkei und wecken in seinem Gemüte einen blütenreichen seligen Lenz *k So tat Hillel, lesen wir in des Buches Mitte, der noch r Zeit des Tempels lebte. Er genoß Mazzoh und Moraur zusammen, das süße Brot zugleich mit dem bittren Kraut. Ist es nicht kleinlich, die Speisegewohnheit dieses großzügigen und weitherzigen Volkslehrers hier zu verewigen? Gibt das nicht Anlaß, über die Verknöcherung sich zu entrüsten, die gedankenlos das Kleine groß macht? Dem Manne, der gesagt hat: das Wort: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ist der Lehre Krön und Thron, Kern und Stern, weiß man am Sedertisch kein anderes und würdigeres Denkmal zu stiften, als daß man von ihm erzählt, daß er ein Stück Mazzoh mit Bitterkraut zusammengegessen habe? Die Alten lieben es, in Sinnbildern und Gleichnissen zu reden. Sie predigen und lehren auch durch symbolische Bräuche. Hier haben wir eine Predigt Hillels ohne Worte. Versuchen wir seinem Winke zu folgen, seinen Spuren nachzugehen! Mazzoh ist das Bild des Glückes und der Freiheit. Das ungesäuerte Brot erzählt, daß das Erlösungsglück so schnell über Israel kam, daß es nicht einmal Zeit hatte, seinen Teig ’ zur Zehrung gähren zu lassen. Moraur ist zweifellos der bildliche Ausdruck für die bittere Leidenszeit. Beides hält Hillel zusammen. Zur Mazzoh sollen wir das Moraur fügen. Genießen wir das süße Brot des Erfolges, sollen wir nicht vergessen, daß es auch bittres Leid in der Welt gibt. Niemand hat mit dem Glück einen Vertrag geschlossen: Lerne Demut! Gewöhne dich schon im Glück an Entbehrung und Entsagung! Genieße mit der Mazzoh auch Moraur und beherzige diese Mahnung auch bei der Erziehung der Kinder! Lehre sie frühzeitig, Verzicht zu üben und mache sie auch mit den Bitterkeiten vertraut, die das Leben bringt! Doch auch umgekehrt: Uebersieh neben dem Moraur die Mazzoh nicht! Trägst du bittres Weh, denke des Erlösungszeichen! Der Gott, der Israels Leidenszeit beendigt hat, kann auch dich zu Licht und Frühling führen. Das erfasse, und verzweifle nicht! * * * „Ein Lämmchen, ein Lämmchen, es kaufte sich mein Vater, zwei Suse galt der Kauf, ein Lämmchen, ein Lämmchen." Ihr kennet das sonderbare, schnurrige Lied; der rätselhafte Kehrreim verlockte Euch, die gereimte oder ungereimte Übersetzung in der bildergeschmückten Peßachhaggada zu lesen, aber klar geworden dürfte des Gedichtes Sinn nur wenigen sein. Was bedeuten Katze, Hund und Stier, Stock und Wasser und Feuer, Würger und Todesengel, die einander vernichten, bis der Heilige gelobt sei er, den Todesengel überwältigt? Das dunkle Gefühl, das in diesem Sang, der an ein altes Kinder- oder Wiegenlied vom Lämmlein anknüpft, irgendwie ein lehrreiches Geheimnis sich birgt, drängt sich wohl jedem Leser auf. In der Tat liegt in den kindlichen Worten ein tiefer Gehalt. Es ist in ungelenker Bildersprache ein Stück Philosophie der Weltgeschichte. Es will das Grundgesetz der göttlichen Vergeltung aussprechen. Freilich alles mit besonderer Beziehung auf Israel. Von ihm hatte einst der Prophet gesagt: Kol ochlaw jeeschamu. Seine Verderber müssen es büßen. Diese Ueberzeugung predigt das biblische Estherbuch, kündet eine jüdisch-griechische Flugschrift, die im ersten Jahrhundert vor dem Beginn der jetzigen Zeitrechnung unter den Juden der Diasspora, zumal Alexandriens, verbreitet wurde; sie halt wieder in dem welschen Sprüchwort: „Wer am Juden sich vergreift, stirbt daran," und sie durchzieht unsren Sederschlußgesang. ' Das Lämmlein ist Israel. Der Käufer ist Gott, der Allvater. Der Kauf war die Erlösung aus Egypten, die beiden Münzen, durch die das Lamm erstanden war, kann man auf Mose und Aron deuten. Vielleicht darf man auch an die beiden Erbtugenden Israels, seine Hoffnungskraft und seinen Familiensinn, denken. Denn diese Eigenschaften machten das Volk der Befreiung würdig und ermöglichten es, daß sie aus Menschenknechtschaft in Gottes Dienst treten konnten. In den Tieren und Elementen sind Israels Feinde versinnbildlicht. Bald mit katzenhafter Falschheit, bald mit hündischer Frechheit, hier in vertierter Verblödung, dort mit dem listig geführten Stab einer judenfeindlichen Gesetzgebung, einmal in elementarer Lcidenschaftlichkeit blutiger Verfolgungswut, ein andermal durch Verkümmerung der notwendigen Lebensbedürfnisse hat man zu Israels Vernichtung sich verschworen. Doch die Geschichte zeigte, daß ein Volk das andere verschlang, ein Dränger den anderen vernichtete. Israel blieb trotz Feinden und Hassern. Denn immer kam der Heilige, gelobt sei er, und nahm sich rettend des bedrängten Volkes an. * * -!- Im Talmud ist uns ein lehrreiches Zwiegespräch aufbewahrt. Da sagt einer: „Wie groß ist das Lamm, das unter 70 Wölfen zu leben vermag. Wie groß ist Israel, daß es