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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-04-21 · 16 (21.4.1905) · p. Seite 216

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
Seite 216 (sequence 4)
Language
German
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Seite 216. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. den er als einen Gott der Hoffnung erkennt. In der Kraft dieses unerschütterlichen Grundes der Hoffnung zerreißt er die^Bande"'"der egyptischen Knechtschaft und führt das Volk in das Land der Verheißung und der Hoffnung, in dem der Gott der Väter unter seinem Volk wohnen wollte, und diese Hoffnung auf eine Zukunft hat dieses Volk auf dem Dornenpfad eines langen Märtyrertums, unter allem Druck, unter allen Leiden und Schmerzen aufrecht erhalten. Am Peßachfest wecken und nähren wir diese Hoffnung in unseren Herzen „dieses Jahr noch hier, — im künftigen Jahr im heiligen Land", wo die ganze Erde ein heiliges, gelobtes Land sein wird, in dem Wahrheit, Recht und Friede unter den Menschen walten wird, wo die Freiheit über das Gesetz der Natürlichkeit, die allgemeine Ueberzeugung von der Kraft und der Wahrhaftigkeit des Reiches des Geistes über das Reich der Materie obsiegen wird. Das Peßachfest, das zur Erinnerung an die Erlösung aus schmerzlichen Banden einst eingesetzt worden ist, ist der deutlichste Zeuge dafür, daß Gott allmählich die ganze Menschheit aus den Banden der Engherzigkeit und Selbstsucht, der Ungerechtigkeit und des Unfriedens in das gelobte Land der Wahrheit, des Friedens und der Liebe führen wird. — Bei den alten Völkern lagen alle Seligkeit, alle Höhen des Menschengeschlechts rückwärts; vorwärts dagegen nichts, als Versunkenheit und Elend. Selbst nach dem Tod erwarteten sie nur ein ödes Vergessen und einen Zustand zwischen Sein und Nichtsein, einen Zustand der Ohnmacht in dem Hades. Von einer dereinstigen Erhebung, Veredelung, von einem Fortschritt der Menschheit findet sich kaum eine Spur. Eine veredelte Zukunft fürs Erdenleben, eine geistigere, sittlichere Aera der Menschheit im ganzen noch hienieden kennt und lehrt einzig das Judentum. In der Erzählung von dem nächtlichen Ringkampf Jakobs wird diese Zeit mit „Anbruch der Morgenröte" bezeichnet. Sicherlich kommt diese Zeit, wo die Menschen nicht durch die finstern Dämonen der Leidenschaft und des Hasses getrennt, sondern durch das Wahre, Gute und Schöne geeint werden. Vieles hat das Judentum mittels seiner Mission schon gewirkt. Es kann sich ohne jede Ueberhebung rühmen, daß die Bücher, die es seine heilige Schrift nennt, an allen ihren Ufern überfließen von den Aussprüchen des heiligsten, des lautersten, des sittlichsten Geistes, daß in ihnen die erlösenden Ideen für die Menschheit vorhanden sind. Und alle, die vor dem Ueberhandnehmen des „jüdischen Geistes" eine solche Angst an den Tag legen, mögen sich mit dem Gedanken beruhigen, daß der Geist der jüdischen Religion es war, der die Grundbestandteile dessen in die Welt gebracht hat, was man „sittlich geläutertes Bürgertum" nennt. Wenn heute die gebildete Welt längst nicht mehr an jene trostlosen Ueberlieferungen aus der Vorwelt von einem stetigen Rückschritt, von einer stetigen Verschlechterung und Entartung der Menschheit glaubt, so hat sie es in erster Linie jener Lehre zu verdanken, die lange vor aller eigentlichen Forschung im Gebiete der Natur, als noch dichte Finsternis das Menschengeschlecht beherrschte, eine Lehre aufgestellt hat, die ebensowohl mit unserer Gemütssehnsucht wie mit den letzten Ergebnissen einer besonnenen Wissenschaft in Beziehung auf die Zukunft der Erde und ihrer vernünftigen Bewohner auf merkwürdige Weise übereinstimmt; das ist die Messiaslehre im Judentum nach der Schilderung der Propheten. Die Pmacbbaggada. Eine Festbetrachtung von Kreisrabb. Dr. Max Beermann-Jnsterburg. Der leidvolle Denker, der vom Uebermenschentum geträumt hat in schmerzumdüsterten Tagen, hat einmal das tiefe und schöne Wort gesprochen, daß die größten Ereignisse nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden seien. Für unsre innere Entwicklung sind die Sabbattage mit ihrem Frieden wichtiger als die Werkellagszeit mit ihrem Lärm, und die Weihe der Feste ist für das Gedeihen unserer Seele heilvoller als die Unrast der Wochenarbeit. Heute ist bei uns das Lenzesfest eingekehrt. Schauen wir in das Rauschen der Zeit, so merken wir in Wald und Feld den ewigen Gottesgeist, der den Frühling führt über die verjüngte Flur und den zarten Keim löst von den harten Fesseln des Winters, und blicken wir in die Vergangenheit, so weht uns der befreiende Gotteshauch an, der aus Gräbernacht ein gefesselt Volk zu Licht und Freiheit führte und den Gedrückten des Fronherrn schweres Joch abnahm. Wieder sitzen wir am Sedertisch und lesen in dem altei^^ Volksbuch, an dem die Jahrhunderte geschrieben, in der Peßach^^ haggada. Auch von frommen Büchern gilt, was ein geistvoller Franzose für Gott verlangt: man muß sie lieben, um sie zu kennen. Nur warmherzige Hingabe wird ihnen gerecht, nur der innigen Versenkung geht ihre volle Schönheit auf. Jahrhunderte lang hat gläubiger Sinn und liebevolle Vertiefung an diesem Buche sich erbaut und seine Unebenheiten und Auffälligkeiten als ebensoviele Aufforderungen und Merkzeichen für tiefe Gedanken gedeutet. Auch wir Modernen müßten uns seiner freuen, trotz oder wegen seiner herben und schroffen Eigenheiten. Jmmermehr lernen wir. ja im Leben und in der Kunst das Charakteristische und Scharfgezeichnete schätzen. Hinter dem Auffallenden liegt Seelenreichtum. Es ladet ein zum Suchen. Im Gleichnis erzählt man von zwei Söhnen, die des Vaters Erbe teilten und sein Haus besichtigten. Verschiedenen Sinnes waren die Söhne, der eine leichtsinnig und oberflächlich, der andere ernst und tiefgründig. Da bemerken sie an der Wand verschiedentlich fleckige Stellen, unregelmäßige Klexe von Tünche. Bruder Gedankenlos spottet, daß der Vater so wenig Sinn für Harmonie besessen habe, diese Schönheilsmängel z^^ beseitigen, und mit seinem Scherz ist die Sache für ihn a^d getan. Der nachdenkliche Sohn aber meint, der Vater, dessen Ordnungsliebe außer Zweifel stand, müsse mit den Flecken an der Wand seine geheime Absicht gehabt haben. Er lastet und sucht, er bohrt und gräbt und findet hinter ihnen — Schätze. So wollen auch wir wieder und wieder die Haggada mit ihren Befremdlichkeiten und Seltsamkeiten betrachten und heute ihr erstes und letztes Blatt und ihre Mitte ins Auge fassen, * * * „Das ist das Brot des Elends, das unsre Väter gegessen haben. Jeder Hungrige komme und esse! Jeder Dürftige komme und feire." Es ist, als sehen wir bei diesen im schlichten Volkston gehaltenen Worten die Türen des jüdischen Hauses weit geöffnet, daß die Armen und Leidenden eintreten, ihre Bürden ablegen und ihre Sorgen vergessen. Wer selbst Verkennung getragen, nimmt sich leider nicht immer der Verkannten an; wer selbst unter der Armut Last geseufzt hat, ist später im Glück nicht immer teilnahmsvoll gegen das Elend. Leid macht oft hart. Kummer soll aber nur fest machen. Sorgen sollen stählen, aber nicht verbittern.

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